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Ausstellung:Der Spieler

Cory Arcangel ist einer der zurzeit spannendsten jungen Künstler. Beim Festival "Kino der Kunst" wird er für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Ein Teil davon ist gerade im Espace zu sehen

Von Evelyn Vogel

Es war ein verdammt harter Monat für ihn. Einer, der selbst einen knapp 37-Jährigen ganz schön schlauchen kann. Vier Shows in vier Wochen hat Cory Arcangel vorbereitet: Anfang des Monats eine in der Lisson Galerie in Mailand, zehn Tage später eine in dem jahrhundertealten Palazzo della Ragione in Bergamo und nun die Doppelpräsentation in München: im Espace Louis Vuitton und beim Festival Kino der Kunst, wo er am Sonntag auch den mit 10 000 Euro dotierten Preis für das filmische Gesamtwerk erhalten wird. Wobei man bei Arcangel das "filmische" nicht wörtlich nehmen darf.

Es war aber auch ein äußerst erfolgreicher Monat für Cory Arcangel. Denn der Post-Internet-Künstler aus Buffalo, New York, der als einer der jüngsten mit einer Solo-Ausstellung im New Yorker Whitney Museum bedacht wurde, wird derzeit als absoluter Super-Star der Szene gefeiert. Als einer, der seit 20 Jahren virtuos mit jeglicher Art digitaler Technik umgeht und das analoge mit dem digitalen Zeitalter verschränkt - in beiden Richtungen. Dass er zur gleichen Zeit in derselben Stadt ausstellt wie Mark Leckey, dessen Arbeiten derzeit im Haus der Kunst präsentiert werden, hat für Arcangel eine besondere Bedeutung. Einer Ausstellung des britischen Video-, Sound- und Installationskünstlers verdankt er, dass er zur Kunst fand. Denn studiert hat er Kompositionslehre, "das einzige, in dem ich wirklich akademisch ausgebildet bin", erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln. So gibt es auch eine 24-teilige Komposition "Dances for the electric piano", die am Freitag in der HFF konzertant aufgeführt wird. Der schwedische Organist Hampus Lindwall spielt die kurzen, repetitiven Phrasen auf einer musikalischen Ikone des 20. Jahrhunderts, einem Korg-M1-Synthesizer, dessen Klaviersound unzählige Dance-Hits der späten 1980er- und der 90er-Jahre prägten.

"Ich kannte zeitgenössische Kunst aus Galerien. Aber erst die Arbeit von Mark Leckey hat mir gezeigt, was zeitgenössische Kunst sein kann: ein Spiel!" Für Arcangel hat dieses Spiel viel mit den Medien zu tun, mit denen er aufgewachsen ist. "Passage of Time" nennt er seinen Blick darauf, wie die Zeit sich zu neuen Technologien und der Kunst verhält. Dazu zählen Computerspiele und -programme, Internet, Youtube und Twitter, Tablets und Smartphones. Die Ergebnisse reichen von bild- und objekthaften Elementen über musikalische Installationen bis hin zu Büchern und Vinylplatten, Covers, iPad-Hüllen, einer Modelinie und Sportartikel, Teppichen; ja sogar Bettwäsche gehört zum künstlerischen Kosmos von Cory Arcangel.

Einen Eindruck davon kann man sich in der aktuellen Ausstellung "Be the first of your friends" im Espace machen. Ein Titel, der die selbstreferenzielle Freundeskultur von Facebook aufs Korn nimmt und Arcangels künstlerische Auseinandersetzung mit digitalen Medien thematisiert. Das erste, was dort auffällt, ist der rote Teppich mit dem asymmetrisch versetzten blauen Punkt, regenbogenartig grün und gelb umrandet. Er füllt auf beiden Etagen den gesamten Raum. Ein Spiel mit dem Fotoshop-Programm, umgesetzt in einer traditionellen Webtechnik. Er macht den Ausstellungsraum zum Showroom, das Muster zur Anleitung für Open-Source-Formate, spielt das Digitale ins Analoge.

Das nächst Auffällige ist, weil unüberhörbar, die Musik: Sie kommt von einer Sound-Installation, in deren Mittelpunkt Titel stehen, die den Popsong "Since You Been Gone" von Kelly Clarkson aus dem Jahr 2004 maßgeblich beeinflusst haben. Ein Stück, das für Arcangel 40 Jahre Popmusik verkörpert. Die CDs laufen auf einer - HiFi-Freaks aufgepasst - bildschönen "Beosound 9000"-Anlage von B&O aus den Neunzigern - ausgeliehen in München, denn das ist Teil des Konzepts, dass sie jeweils vom Ausstellungsort stammt.

Alte und neue Techniken zusammenbringen, um daraus inhaltlich etwas Neues zu denken, das steht hinter allen Arbeiten von Arcangel. Er hat aus Twitter-Botschaften zum Thema "working on my novel" ein grafisch schön gestaltetes Buch gemacht, das vergangenes Jahr bei Penguin Books erschienen ist. Er nimmt einen Plotter aus den Neunzigern, um damit Zeichnungen, die er am Computer gestaltet hat, auszudrucken. Er macht aus Computerspielen wie "Super Mario" ein Landschaftsbild mit Wolken, das er mit Hilfe gehackter Dateien aufs Tablet oder Smartphone bringt. Oder er benutzt ein weithin bekanntes Foto des Rappers P. Diddy, um auf einem riesigen Flatscreen mit Hilfe einer Neunzigerjahre-Software die "Verflachung" der Popkultur wie der Kunstwelt zu hinterfragen. Irgendwie simpel? Ja. Aber wie sagt Cory Arcangel: "Kunst ist der Weg des geringsten Widerstands." Das muss man auch erst mal so offen sagen können.

Cory Arcangel: "Dances for the electric piano", konzertant aufgeführt von Hampus Lindwall, Freitag, 24. April, 19.30 Uhr, HFF Blaues Kino. Be the first of your friends, Espace Louis Vuitton, Maximilianstr. 2a, Mo-Fr 12-19 Uhr, Sa 10-18 Uhr, bis 8. August

© SZ vom 24.04.2015
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