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Ausstellung:Abdruck im Frittenfett

Patricia L. Boyd

Patricia L. Boyds Arbeit "Absorption, Elimination II: Aeron Back Support (CCA Wattis, 10/12/17 - 02/24/18)" von 2017.

(Foto: Constanza Meléndez)

Patricia L. Boyds Ausstellung "Hold" im Kunstverein

Von Evelyn Vogel

"Hold" heißt die Ausstellung der britischen Künstlerin Patricia L. Boyd im Münchner Kunstverein. Und ums Halten, Anhalten, Aufhalten, Behalten, Festhalten - ja ums Nachhaltige dreht sich auch die Ausstellung in den Räumen am Hofgarten. Es geht um wiederkehrende Lebens- und Produktionszyklen von Menschen und Dingen einerseits und um Spuren, die die Kunst im Ausstellungsraum und der Raum an der Kunst andererseits hinterlässt.

Das Material, das Boyd für ihre Abdruck-Objekte verwendet, ist mit Wachs und Harz vermischtes Altfett aus Restaurants, das von der Stadt San Francisco aufgekauft wurde, um daraus Bio-Diesel zu gewinnen. Diesem öffentlichen Recyclingkreislauf zwackt sie ein paar Liter ab und schafft damit einen neuen, privaten. Die Formen, die sie für ihre Abdrücke verwendet, stammen von ausrangierten Möbeln eines Start-ups: Armlehnen von Bürostühlen (eher klassisch) und der Tonarm eines Plattenspielers - ob wohl auch ein Tischkicker oder ein anderer Hipster-Inspirationsquell möglich gewesen wäre? Das Arm-Element jedenfalls lässt sich als Arm- im Sinne von Handreichung im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit interpretieren.

Die Objekte Patricia Boyds sind mal mehr weiß, mal mehr gelb und an vielen Stellen von verbrutzelt-braunen Punkten durchzogenen. Schon beim Anblick der Skulpturen meint man das gammelige Fritten- und Burgerfett zu schnuppern, das verwendet wurde. Tatsächlich riechen sie natürlich nicht. Und selbst die Sonne, die durch die Oberlichter des Kunstvereins auf sie strahlt, kann ihnen nichts anhaben. Doch die Arbeiten Boyds hinterlassen im Raum ihre Spuren: Jedes neue Werk, das sie für eine Ausstellung schafft, wird nicht auf die Wand gehängt, sondern in die Wand integriert. Was in den Räumen des altehrwürdigen Kunstvereins München eine gewisse Herausforderung darstellt. Denn im Gegensatz zu vielen White-Cubes mit Wänden aus Rigipsplatten ist die Galerie am Hofgarten von dicken Mauern umgeben. Also hat man die Durchgangstür fast unsichtbar verengt und die Objekte in diese neu entstandenen Türfassungen eingelassen.

Nachhaltig sind in jedem Fall die Spuren, die der Raum dann am Objekt hinterlässt. Denn dieses wird nach Ausstellungsende mit einem Stück der Wand herausgeschnitten. Die so entstandenen "Wallpieces" werden in allen weiteren Ausstellungen dann nicht mehr in, sondern auf der Wand angebracht. Die Titel geben Ausstellungsorte und -daten wieder, so dass der Werdegang des Kunstwerks nachverfolgbar wird. Eine lückenlose Provenienz, die man so manchem Alten Meister - und jedem Frittenfett wünschen würde.

Im Hauptraum setzt Boyd einen anderen Ton. Hier verschmilzt sie das Innere mit dem Äußeren, das Private mit dem Öffentlichen in Form von Fotogrammen. Frühere Werke der "Impressions"-Serie hat sie im öffentlichen Raum abgenommen: Glasscheiben einer Bushaltestelle in Melbourne, Schaufenster in San Francisco und London. Dieses Mal sollten es die Fenster der öffentlichen Institution des Kunstvereins sein. Allein: Die Pandemie vereitelte dieses Vorhaben. So hat Boyd auf den riesigen Fotogrammen die sechs großformatigen Fenster ihres Studios in New York festgehalten.

An einer Seite des Münchner Ausstellungsraums angebracht scheinen sie den Kunstverein nach außen zu öffnen. Gleichzeitig flutet durch die Fenster auf der anderen Seite das Sonnenlicht in den Raum, kriecht über den Boden und trifft allmählich auf die Fotogramme, so dass die echten Fenstersprossen auf ihnen Schatten werfen. Ein schönes Spiel im Spiel, um das zu erleben sich jeder Besucher einen Sonnentag aussuchen sollte. Dass Boyd eine lange Bank aus dem Foyer, die wie eine Gartenbank aussieht, wie eine Museumsbank gegenüber der Reihe positioniert hat, ist nicht nur ein hübscher Einfall. Er untermauert auch, wie aufmerksam Patricia Boyd mit dem Raum, in dem sie ausstellt, umgeht. Und ganz nebenbei dient die Bank auch zu einem: zum Innehalten.

Patricia L. Boyd: Hold, Kunstverein München, Hofgarten, bis 9. Mai, Di-So 12-18 Uhr

© SZ vom 27.03.2021
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