Außergewöhnliche WG Umsonst wohnen - für Rasenmähen und Einkaufen

Bei Klaus Fuckerieder (re.) und Daniel Caballero funktioniert die Wohngemeinschaft hervorragend.

(Foto: Stadlmayer)
  • Das Projekt "Wohnen gegen Hilfe" bringt wohnungssuchende Studenten und Senioren mit Platz zusammen.
  • Die Studenten zahlen keine Miete, nur einen Beitrag zu den Nebenkosten. Dafür müssen sie dem Senior bei alltäglichen Aufgaben helfen.
  • In München ist die Nachfrage von Seiten der Studenten höher als das Angebot.
Von Franziska Stadlmayer

Während viele Studenten verzweifelt nach einem Zimmer suchen, leben viele ältere Menschen alleine in zu großen Wohnungen - und wissen oft nicht, wie lange sie das noch ohne Hilfe können. Auch Karl Fuckerieder hat sich diese Frage gestellt. Vor zweieinhalb Jahren starb seine Frau, die Töchter leben in anderen Städten. Doch der 70-Jährige meistert das Leben in seinem Haus in Obermenzing immer noch ohne Probleme - was auch an Daniel Caballero liegt. Seit über einem Jahr lebt der Mexikaner bei Fuckerieder, er kümmert sich um den Garten und geht mit ihm Einkaufen. Im Gegenzug dafür zahlt er keine Miete.

"Wohnen für Hilfe" heißt das Projekt, das Studenten auf Zimmersuche an Senioren mit Platz vermittelt. Das Angebot gibt es inzwischen in mehr als 30 deutschen Städten, längst nicht mehr nur Studenten interessieren sich für diese Wohnform. In München kümmert sich seit 1996 der Seniorentreff Neuhausen um die alternativen Wohngemeinschaften - und die Nachfrage ist groß. "Wir haben acht- bis zehnmal so viele Bewerber wie Plätze", bedauert Brigitte Tauer vom Seniorentreff. Die Zahl der verfügbaren Zimmer ist begrenzt, im Moment betreut Tauer in München 52 Partnerschaften, ihre Kollegin im Landkreis noch einmal 28.

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Das Modell, sagt Tauer, sei nicht nur eine Kostenersparnis für die Studenten, sondern auch ein Dienst an der Gesellschaft. Alte Menschen seien heute noch recht lange fähig, allein zu wohnen. "Mit Essen auf Rädern und den Pflegediensten ist viel abgedeckt, aber oft fehlt jemand für die alltäglichen Aufgaben, eine Glühbirne auswechseln oder zum Arzt fahren." Als Faustformel gilt: Eine Stunde Arbeit im Monat pro Quadratmeter Wohnfläche. "Drei bis sechs Stunden die Woche sollte man einplanen", sagt Tauer. Unkraut jäten, Fenster putzen oder bügeln - die Aufgaben der Studenten richten sich nach dem Bedarf der Vermieter, mit einer Einschränkung: Pflegedienste dürfen die Studenten nicht leisten.

Daniel Caballero bewohnt dank des Projekts ein 20 Quadratmeter großes Zimmer: "Mit den Arbeitsstunden sind wir nicht so genau", sagt Fuckerieder. Er tut sich mit der Gartenarbeit schwer, das ist jetzt die Aufgabe des 24-jährigen Caballero. "Aber wenn der Daniel in einer Woche drei Prüfungen hat, dann mäht er den Rasen halt eine Woche später", sagt Fuckerieder. Überhaupt sei es wichtig, viel miteinander zu reden. "Man muss sich bewusst sein, dass da jemand ist, auf den man Rücksicht nehmen muss", sagt Caballero, der seinen Master in industrieller Biotechnologie macht. "Die Zimmersuche war furchtbar", erinnert er sich, "alles hat mindestens 400 Euro gekostet, und die Konkurrenz war groß." Auf der Homepage der Universität stieß er auf "Wohnen für Hilfe" und ging in die Sprechstunde des Seniorentreffs.

"Wir bemühen uns immer, ein optimales Paar zusammenzustellen", sagt Tauer. Mit einem älteren Menschen zusammenzuziehen, der vielleicht seit Jahren allein lebt, erfordere Rücksichtnahme und Toleranz. Wer in der Sprechstunde vorstellig wird, füllt als erstes einen Fragebogen aus. Jede Frage zu Hobbys und Nebenjobs kann helfen, den richtigen Vermieter zu finden. Besonders wichtig: die Vorerfahrungen. Wer als Kind mit seinen Großeltern im Haus gelebt oder ein Praktikum im Altenheim absolviert hat, weiß, worauf es beim Zusammenleben ankommt. Wenn alles passt, trifft Tauer eine Vorauswahl, die Entscheidung liegt beim Vermieter.

"Falls ich unglücklich stürzen sollte, kann ich nach Daniel rufen."

Bei Klaus Fuckerieder und Daniel Caballero passt es. Fuckerieder war früher Lehrer für Biologie und Chemie, mit dem Biotechnologie Studenten Caballero kann er fachsimpeln: "Wir waren auch schon zusammen auf Vorträgen." Bedenken, jemand Fremden bei sich wohnen zu lassen, hatte er keine. Daniel ist bereits sein zweiter Mitbewohner, davor wohnte ein Brasilianer bei ihm. Für Fuckerieder ist es beruhigend zu wissen, dass jemand im Haus ist: "Falls ich unglücklich stürzen sollte, kann ich nach Daniel rufen." Er wünscht sich, dass sich mehr Senioren für diese Form des Zusammenlebens begeistern. "Ich bin ja nicht der einzige, der allein wohnt und Platz hat", sagt er und deutet in Richtung der Obermenzinger Einfamilienhäuser.

Nicht alle sind so offen wie Klaus Fuckerieder. Brigitte Tauer weiß aus Erfahrung, dass viele Senioren der Schritt Überwindung kostet. Oft wird sie gefragt, ob man dann alle Wertsachen wegschließen müsse. Da kann Tauer beruhigen: "Von Diebstahl habe ich noch nicht gehört." Es sei wichtig, alle Bedenken anzusprechen: "Wenn wir eine alte Frau haben, die nicht möchte, dass der Student Freunde mitbringt, dann müssen wir einen Studenten finden, für den das in Ordnung ist." Damit es später keine Missverständnisse gibt, unterzeichnen beide Partner einen Vertrag. Der Student zahlt eine Pauschale an Nebenkosten und verpflichtet sich, seine wöchentliche Arbeitszeit zu erfüllen.

Doch nicht immer funktioniert dieses Arrangement. Vor kurzem vermittelte Tauer einen Studenten, der sein langes Wochenende regelmäßig nutzte, um nach Hause zu fahren. Vier Tage die Woche war er nicht da. Für seine Vermieterin nicht das, was sie sich erwartet hatte, weshalb Tauer ihm nahelegte auszuziehen. Um solche Probleme auszuräumen, begleitet der Seniorentreff die Partnerschaft und erkundigt sich regelmäßig, wie das Zusammenleben funktioniert. Nicht immer, aber immer wieder wird aus dem Mietverhältnis sogar Freundschaft. Wie bei einem chinesischen Studenten, der Weihnachten mit seinem Senior und dessen Familie verbrachte. "Das weiß man vorher nicht", sagt Tauer, "aber wenn so eine Bindung entsteht, freuen wir uns." Ein durchschnittliches Mietverhältnis dauere zweieinhalb Jahre. Das kürzeste: zwei Tage. Das längste: 14 Jahre.

Mehr Infos unter www.seniorentreff-neuhausen.de oder unter Telefon 1392 8419-20

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