Ausrangiert Münchner S-Bahn in Nürnberg abgestellt

Der orange-weiß gehaltene ET 420 001 prägte lange Zeit den öffentlichen Nahverkehr. Einst als Prototyp für die Landeshauptstadt entwickelt und zuletzt für Ausflugsfahrten genutzt, führt ihn seine letzte Reise ins DB-Museum

Von Marco Völklein

In diesen Tagen hat der ET 420 001 seine letzte Fahrt angetreten. Eine Lokomotive zog den alten Herrn, der von zwei Bremswagen flankiert wurde, nach Nürnberg. Künftig wird ET 420 001 im dortigen Museum der Deutschen Bahn in der Nähe des Hauptbahnhofs einen Platz finden. Auf Fahrt aber, wie in den letzten Jahren, wird der Zug wohl nicht mehr gehen.

Der Elektrotriebwagen (dafür steht das Kürzel "ET") mit der Seriennummer 420 001 war der erste, der für das Münchner S-Bahn-Netz entwickelt wurde. Schon in den Sechzigerjahren hatten Politiker in Stadt und Freistaat erkannt, dass der Verkehr in München kurz vor dem Kollaps steht. Neben der U- sollte die S-Bahn das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs bilden. Nach langem Hin und Her wurde der Plan umgesetzt, den Haupt- und den Ostbahnhof mit einem Bahntunnel zu verbinden; neue Haltepunkte entstanden, etwa an der Hackerbrücke, der St.-Martin-Straße und am Leuchtenbergring. Was fehlte, war das passgenaue Fahrzeug.

Viele Türen sollte es bieten, eine hohe Anfahrbeschleunigung, und es sollte ein Höchsttempo von 120 Stundenkilometern schaffen. Vor allem aber mussten sich die Münchner Bahnen von Anfang an die Gleise mit Regional-, Fern- und Güterverkehr teilen - anders als beispielsweise die in Berlin oder Hamburg. Also wurde mit der Baureihe ET 420 ein komplett neues Fahrzeug entwickelt - abgestimmt auf die Anforderungen einer Großstadt-S-Bahn, kompatibel mit dem in mehr als 150 Jahren gewachsenen Schienennetz. Und 420 001 war der erste, der in den Probebetrieb ging. "Dieses Fahrzeug war das Vorbild für die gesamte Bundesrepublik", erzählen Bahner, die damals dabei waren. Auch in Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf wurden S-Bahn-Netze geplant. "Alle schauten nach München." Alle schauten auf ET 420 001.

S-Bahn-Fans und -Historiker sind wehmütig, weil der markante Triebwagen München nun verlassen hat.

(Foto: Florian Peljak)

Der war in Orange-Weiß gehalten, seine beiden Schwesterfahrzeuge der ersten Prototypenserie waren blau-weiß lackiert (ET 420 002) sowie in Weinrot-Weiß gehalten (ET 420 003). Anfang der Siebzigerjahre durften die Münchner entscheiden, welche Farbe sie bevorzugen. Die Mehrheit entschied sich für weiß-blau. ET 420 001 fuhr dennoch bis zum Schluss im orangefarbenen Kleid durch die Gegend. Der (in Blau gehaltene) Schwesterzug 002 steht seit einigen Jahren im Verkehrsmuseum auf der Schwanthalerhöhe, der weinrote Zug 003 wurde verschrottet.

Vor etwas mehr als fünfzehn Jahren, pünktlich zur 30-Jahr-Feier der Münchner S-Bahn, entdeckten Bahnfans den 001er wieder, der im S-Bahn-Werk in Steinhausen abgestellt und schon zur Verschrottung freigegeben worden war. Mit einigen Tricks trieben sie Geld und Teile für die Renovierung auf und setzten den Zug wieder in Schuss, absolvierten Sonder- und Ausflugsfahrten mit ET 420 001. Und als vor viereinhalb Jahren der 40. Geburtstag der Münchner S-Bahn und des Tarifverbunds MVV gefeiert wurde und erneut eine umfangreiche Revision für den Erhalt der Betriebserlaubnis anstand, gab die S-Bahn nochmals Geld, um das Vorzeigefahrzeug aufzumöbeln. Beim großen Jubiläumsfest im Hauptbahnhof wurde es präsentiert.

Zur Fahrt nach Nürnberg passierte die S-Bahn ET 420 001 ein letztes Mal den Ostbahnhof.

(Foto: Florian Peljak)

Nun allerdings absolvierte ET 420 001 seine vermutlich letzte Fahrt. Der Zug hat zwar noch eine Betriebszulassung bis 2018, wie ein Bahnsprecher mitteilt. Doch in Nürnberg könne das technische Denkmal, als das der Zug mittlerweile gilt, in einem abgezäunten Bereich besser und vor allem sicher abgestellt werden. Zudem werde das Abstellgleis im S-Bahn-Werk Steinhausen, auf dem der Zug bislang geparkt war, für andere Zwecke benötigt.

S-Bahn-Fans und -Historiker sind dennoch wehmütig, weil der Zug München nun verlassen hat. Zuletzt hatte ein Verein mit ihm noch Sonderfahrten absolviert - so pendelte er im Oktober 2015 bei der "Langen Nacht der Museen" auf der Stammstrecke. Ob er jemals wieder aufs Gleis geschickt wird, ist offen. "Die DB will einfach nicht", sagen Fans hinter vorgehaltener Hand. Der Verein wiederum kann den Zug nicht übernehmen, zu groß sind die finanziellen Lasten, die damit verbunden sind. Allein um das Fahrzeug wetterfest unterzustellen, müsste man eine 70 Meter lange Halle auftreiben und anmieten. Wer dieser Tage im Zug den Nürnberger Hauptbahnhof passiert und bei der Ausfahrt rüberschaut auf das Gelände des DB-Museums, der kann sehen, dass der Zug dort im Freien steht. Sollte das so bleiben, kritisieren 420er-Fans, "wird es dem historischen Fahrzeug sicher nicht gut tun".