Live-Ticker-Nachlese: Aufregung in München-Schwabing Sprengen oder Entschärfen?

14:10 Uhr

Das ist die Sperrzone, die für die Sprengung eingerichtet wird: ein Radius von einem Kilometer rund um die Münchner Freiheit.

Das ist die Sperrzone, die für die Sprengung eingerichtet wird: ein Radius von einem Kilometer rund um die Münchner Freiheit.

(Foto: Bing)

Wenn um 16 Uhr die Sperrzone um die Münchner Freiheit auf den Radius von einen Kilometer ausgeweitet wird, müssen Schwabinger, die sich derzeit in der Arbeit befinden, damit rechnen, dass sie nach Feierabend nicht in ihre Wohnungen können. "In diesem Fall sollte jeder an seinem Platz bleiben, bis die Gefahr vorüber ist", sagte eine Sprecherin der Feuerwehr. Für Betroffene wurde ein Bürgertelefon eingerichtet, die Nummer lautet 089/23 53 55 55.

14:04 Uhr

Mehrere Malteserfahrzeuge und Autos des Bayerischen Roten Kreuzes stehen vor der Katholischen Akademie, meldet Kollegin Ingrid Fuchs. Helfer vom Katastrophenschutz laden Lebensmittel und Kisten mit Pappgeschirr und Plastikbesteck aus und schleppen alles in die Notunterkunft. 230 Helfer sind wegen des Bombenalarms im Einsatz. Direkt gegenüber von der Katholischen Akademie räkeln sich Leute in Liegestühlen. Sie beobachten die Szene ganz entspannt von der kleinen Terrasse des St. -Moritz Kiosk aus - sie plaudern, lachen und unterhalten sich. Nur die Wirtin ist etwas unruhig: "Alle Lieferanten haben es heute hierher geschafft. Nur Milch und Joghurt habe ich nicht bekommen und um 18 Uhr soll doch noch weiter evakuiert werden, dann kommt doch niemand mehr durch."

13:37 Uhr

Besonders den älteren Leuten macht das Warten zu schaffen. Sie haben eine Nacht hinter sich, in der sie nur wenig geschlafen haben. Die Knochen schmerzen. Es ist heiß in den Räumen der Katholischen Akademie. Eine Frau wendet sich besorgt an einen Sanitäter: "Ich muss jetzt dringend meine Medizin einnehmen, doch die liegt daheim in meiner Wohnung."

13:23 Uhr

Der Experte aus Brandenburg ist eingetroffen, meldet Kollege Florian Fuchs. Der Sprengstoffmeister untersuche derzeit die Bombe. Nach Informationen der Feuerwehr steckt diese nun nicht mehr in der Erde, sondern "liegt in einer Position, in der man mit ihr arbeiten kann". Demnach will der Experte zunächst versuchen die Bombe zu entschärfen. Klappt das nicht, wird gesprengt. Die Aktion soll aber erst um 16 Uhr starten. Die Gefahrenzone könnte dann ausgeweitet werden. Bislang mussten die Menschen im Radius von 300 Meter ihre Häuser verlassen. Ab 16 Uhr könnten dann auch Straßen und Fußgängerwege im Umkreis von einem Kilometer gesperrt werden. Die Anwohner dort müssten dann in ihren Wohnungen bleiben.

13:15 Uhr

Renate Gschwendter und ihr Mann Markus stehen vor einem Café in der Feilitzschstraße. Sie sehen müde aus. Und ungeduldig. "Die Informationspolitik ist nicht so gut", sagt Markus Gschwendter. Es werde einem nichts mitgeteilt, man müsse selber bei der Polizisten nachfragen, um etwas in Erfahrung zu bringen. "Und dann hört man immer Unterschiedliches", ergänzt seine Frau. Was die beiden machen, bis sie wieder in ihre Wohnungen können? Sie zucken resigniert die Schultern.

13:09 Uhr

Die Sperrungen an der Münchner Freiheit behindern seit Montagabend auch den U-Bahn-Verkehr. Die U-Bahnlinien U3 / U6 fahren ohne Halt durch den Bahnhof Münchner Freiheit. Die Tram-Linie 23 fährt ab Parzivalplatz zum Scheidplatz, und auch die Buslinien 53 / 54 und 144 werden großräumig umgeleitet. Das Verkehrschoas hat sich inzwischen beruhigt, meldet die Polizei.

12:46 Uhr

Romy Harti ist genervt. Ihr Nagelstudio Nail Club One liegt in der Fendstraße - und damit in der Sperrzone. "Ein paar hundert Euro Ausfall habe ich bestimmt wegen der Bombe", sagt sie auf der Leopoldstraße zu SZ-Mitarbeiterin Franziska Gerlach. Plötzlich kommt eine Kundin von ihr angeradelt: "Wie bitte, ich kann mir heute nicht die Nägel machen lassen? Katastrophe!"

12:44 Uhr

Florian Schuller, Direktor der Katholischen Akademie, geht durch die Räume seines Hauses, in denen Feldbetten stehen, Kinder Karten spielen und die Schwabinger sich unterhalten. Er sagt: "Wir freuen uns, dass wir für unsere Nachbarn einmal Service leisten können." Am Montagnachmittag rief die Polizeiinspektion Schwabing bei ihm an und fragte, ob die Akademie als Notunterkunft zu Verfügung stehe. Schuller sagte Ja. Doch dass hier nun immer noch Leute sind, überrascht auch ihn. "Dass das so lange dauert, haben wir natürlich nicht gedacht." Nachts konnte er den Gästen sogar etwas zu essen bieten. Denn der Koch der Akademie wohnt auch in Schwabing und musste seine Wohnung am Abend räumen. "Und dann hat er eben gleich zu arbeiten begonnen", sagt Schuller.

12:24 Uhr

Auf einem Spielplatz sitzt Kristina Marktschläger, 70, mit ihrem Enkel. Auch die beiden haben die Nacht in einer Notunterkunft verbracht. Um 23 Uhr habe die Feuerwehr Sturm geklingelt, erzählt die Frau. Sie habe sich noch schnell anziehen können und die Medikamente einpacken, dann musste sie ihr Haus in der Feilitzschstraße verlassen. Die Sanitäter seien sehr fürsorglich gewesen, erzählt sie. Es habe Decken, Essen und Feldbetten gegeben. "Ein bisschen besorgt bin ich schon", sagt sie. Auf Twitter schreibt jemand: "Schon ein komisches Gefühl, wenn rechts von dir ein Fliegerbombe liegt und 2.500 Nachbarn nicht in ihre Wohnung dürfen."

11:59 Uhr

Noch immer wartet man in Schwabing auf den Experten aus Brandenburg. Der Sprengmeister einer Privatfirma kennt sich aus mit dem Typ Bombe, der in der Feilitzschstraße gefunden wurde, und wird derzeit mit Polizeieskorte nach München gebracht. Gegen 13 Uhr soll er eintreffen, heißt es bei der Polizei. Der Sprengmeister soll dann auch entscheiden, ob die Bombe entschärft werden kann oder doch gesprengt werden muss.

Sprengen oder Entschärfen? Noch immer können die Anwohner in Schwabing nur bangen. Vor allem älteren Menschen macht das lange Warten zu schaffen. Dann trifft endlich der Sprengstoffexperte aus Oranienburg ein - mit Polizeieskorte wurde er nach München gebracht.

11:09 Uhr

Plötzlich gibt es das Gerücht, die Bombe werde um 12 Uhr gesprengt. Doch das ist falsch. Die Polizei dementiert, sie wissen von nichts, heißt es bei der Pressestelle. "Wenn das stimmen würde, wären wir längst im Auto", sagt ein Beamter an der Absperrung an der Feilitzschstraße.

11:06 Uhr

Die Feuerwehr teilt nun mit: Die US-amerikanische Fliegerbombe muss womöglich doch am Fundort gesprengt werden. Derzeit werde die Bombe mit Dämmmaterial wie Heuballen gesichert, um die Druckwelle bei einer möglichen Detonation in den Boden abzuleiten.

11:04 Uhr

Vor den Absperrbändern sammeln sich kleine Grüppchen und erkundigen sich bei den Polizisten über den Stand der Dinge. Die Cafés, die außerhalb der Absperrung liegen, haben Hochkonjunktur. Die Schwabinger bestellen sich einen Cappuccino, lesen Zeitung oder ratschen. "Seid ihr auch heimatlos?", ruft eine Frau über die Feilitzschstraße ihren Nachbarn aus der Marktstraße zu. Die Gelassenheit haben die Schwabinger nach der Bombennacht nicht verloren. Auch den Humor nicht. "Da ist wahrscheinlich gar keine Bombe gefunden worden", sagt einer und lacht. "Sondern es handelt sich um eine große Entmietungsaktion. Wenn wir wieder zurückkommen, sind alle unsere Wohnungen luxussaniert und wir sollen die dreifache Miete bezahlen." Ein anderer meint: "Ich habe die Bombe gelegt, aus Rache, dass die Schwabinger 7 vor Jahren einmal den Bierpreis erhöht hat."

11:02 Uhr

Vor dem Moritz, einem kleinen Kiosk am Rande des Englischen Gartens, sitzt Christa Loeber auf einem Liegestuhl und isst ein belegtes Brot. Um Mitternacht wollte sie in ihre Wohnung in der Wagnerstraße, doch stattdessen wurde sie in die Notunterkunft in der Katholischen Akademie gebracht. Sie reibt sich mit einer Hand den Rücken. "Dort habe ich nur ein Laken bekommen", erzählt die 80-Jährige. "Erst gegen fünf Uhr kamen die Feldbetten und Schlafsäcke und ich konnte endlich einschlafen." Gegen sechs Uhr sei sie jedoch bereits wieder wach geworden - zu unruhig sei es in dem Raum gewesen. Nun will Christa Loeber erstmal ins Ungererbad zum Schwimmen. Den Badeanzug hatte sie zufällig in ihrem Rucksack. Aus der Ruhe bringen lässt sie sich sowieso nicht. "Als Kind habe ich den Zweiten Weltkrieg in Berlin miterlebt", sagt sie. "Ich weiß, was echte Bomben bedeuten."

10:44 Uhr

Gerd "Manila" Waldhauser vor seiner Kneipe "Schwabinger 7" im Jahr 1975.

Gerd "Manila" Waldhauser vor seiner Kneipe "Schwabinger 7" im Jahr 1975.

(Foto: privat / oh)

Gerd Waldhauser, besser bekannt als Manila, ist Wirt der Schwabinger 7. 42 Jahre lang betrieb er die berüchtigte Kneipe in der Feilitzschstraße 7, auf deren Gelände jetzt die Fliegerbombe gefunden wurde. Die Nachkriegsbaracke wurde im Sommer 2011 wegen eines neuen Luxusquartiers abgerissen und zog nur ein paar Häuser weiter. Die SZ erreicht Manila am Gardasee, wo er gerade urlaubt. Von der Bombe weiß er bereits. "Das überrascht mich überhaupt nicht! Schließlich war die Baracke aus Bauschutt vom Zweiten Weltkrieg errichtet. Wusste ja keiner, was sich darunter befand", sagt er. Kein unangenehmes Gefühl, dass die Bombe in all den Jahren jederzeit hätte losgehen können? "Offenbar haben wir nicht wild genug gefeiert, sonst wäre sie ja hochgegangen. Das wirft ja fast ein schlechtes Licht auf die 7!", scherzt er. Ein wenig Sorgen macht er sich aber auch - schließlich befinden sich auch seine Wohnung und seine anderen Lokale in der Gefahrenzone: "Ich hoffe sehr, dass ich nicht auf eine Marslandschaft treffe, wenn ich zurückkomme. Wird schon alles gut gehen."

10:40 Uhr

In der Katholischen Akademie stehen zahlreiche Feldbetten und Stühle. Vorne sitzen zwei Sanitäter, über ihnen hängt ein großes Kreuz, ein kleiner Fernseher ist angeschaltet. Zu sehen ist ein Bergpanorama, untermalt mit idyllischer Musik. Doch keiner schaut hin. 177 Menschen haben hier die Nacht verbracht. Ihnen ist die Müdigkeit anzusehen. Erik Huch-Hallwachz sitzt an einem Tisch und trinkt ein Glas Wasser nach dem anderen. Kein Auge hat er die Nacht zugemacht. Gegen 23 Uhr kam der Physiotherapeuth am Montagabend von der Arbeit zurück. Doch er durfte nicht mehr in seine Wohnung. Er trägt Jeans und ein blaues T-Shirt. Mehr hat er nicht dabei. "Seit 51 Jahren wohne ich in Schwabing", sagt er. "Aber so etwas habe ich noch nie erlebt." Auch seine Mutter und vier seiner fünf Brüder sind Schwabinger, auch sie sind vorübergehend in die Notunterkünfte eingezogen. "Aber für heute Nacht suche ich mir ein Hotelzimmer", sagt Huch-Hallwachz. "Das mache ich nicht noch einmal mit. Und ich glaube, das geht noch länger."

10:33 Uhr

(Foto: dapd)

"Wir versuchen, die Bombe zu entschärfen. Bei dieser Entschärfung ist die Möglichkeit, dass die Bombe hochkommt, aber doch relativ groß", hat der Leiter der Kampfmittelbeseitigung, Diethard Posorski, der Nachrichtenagentur dpa erklärt. Darum müssten starke Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden. "Wir bauen Wälle auf mit Sandsäcken und Gitterboxen." Die Bombe habe sich etwa einen Meter tief im Erdboden befunden.

10:17 Uhr

Die Polizei meldet jetzt: Der angeforderte Experte kommt aus Brandenburg. Wann er in München eintrifft, ist noch nicht sicher. Die Beamten hoffen derzeit noch, dass die Bombe entschärft werden kann und nicht gesprengt werden muss. Besonders gefährlich: Die Bombe hat einen chemisch-mechanischen Zünder, der auch nach Jahrzehnten im Untergrund noch voll funktionsfähig ist und die Bombe jederzeit zur Explosion hätte bringen können. In Göttingen starben 2010 beim Versuch so eine Bombe zu entschärfen, drei Menschen, berichtet die tz. Sie hätten den Sprengkörper nur ein wenig angehoben. "Auch wir haben sie hochgehoben, aber das Gott sei Dank überlebt", soll der Sprengmeister in Schwabing der Zeitung gesagt haben.

10:14 Uhr

Michael Wittmann wohnt in der Marktstraße, gleich ums Eck von der Baustelle, auf der die Bombe gefunden wurde. Mit seiner Frau und seinem kleinen Kind wurde er nachts aus der Wohnung geholt, um in der Notunterkunft in der Katholischen Akademie zu übernachten. "Um 23 Uhr hat jemand an der Tür geklopft. Wir hatten nur fünf Minuten Zeit, unsere Sachen zu packen", erzählt Wittmann. Ihnen sei nicht gesagt worden, dass sie die ganze Nacht wegbleiben müssen. "Wir hatten nicht mal eine Zahnbürste dabei."

10:07 Uhr

(Foto: Stephan Rumpf)

Auch Schwabings prominentester Bewohner war am Montagnacht da: Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) eilte zur Feilitzschstraße und informierte sich über die Vorbereitung der Sprengung.

09:40 Uhr

Im Café Butterbrot in der Feilitzschstraße sitzen Schwabinger beim Frühstück. Für sie heißt es nun warten: Einige hier konnten nachts nicht zu Hause übernachten. Etwa 2500 Menschen aus der Clemensstraße, der Wilhelmstraße, der Kaiserstraße, der Fendstraße, der Wagnerstraße und der Marschallstraße mussten ihre Häuser verlassen. Etwa 800 Menschen kamen in rasch eingerichteten Notunterkünften im Willi-Graf-Gymnasium und in der ebenfalls nahe gelegenen Katholischen Akademie in der Mandlstraße unter. Dort wurden sie von Sanitätern des Roten Kreuzes betreut.

09:00 Uhr

Die Polizei meldet nun, die Bombe soll im Laufe des Tages entschärft werden. Wann genau kann derzeit niemand sagen. Die Aktion könne sich bis in den Abend hinziehen, heißt es. Sicher ist jetzt schon: Kommt es zu einer Sprengung, werden auch umliegende Gebäude beschädigt werden.

08:13 Uhr

Feuerwehrwagen fahren durch die menschenleeren Straßen. Immer wieder wird eine Durchsage vom Band wiederholt: "Achtung, Achtung, hier spricht die Feuerwehr! Wegen einer akuten Gefahr muss diese Straße kurzfristig geräumt werden." Kurzfristig ist leicht übertrieben. Schon seit mehr als zehn Stunden fahren die Fahrzeuge mit den Lautsprechern durch die Straßen.

07:30 Uhr

(Foto: dpa)

Teile der Leopoldstraße sind am Dienstagmorgen noch immer gesperrt. Im morgendlichen Berufsverkehr hat sich ein Verkehrschaos gebildet. Vor allem die Nebenstraßen sind verstopft. An der Baustelle, wo die Fliegerbombe gefunden wurde, werden derweil Sandsäcke zur Dämmung angekarrt.

07:00 Uhr

Am Dienstagmorgen ist die Fliegerbombe an der Münchner Freiheit noch immer nicht entschärft. Die Polizei spricht gegenüber Süddeutsche.de von einer "brenzligen Situation". Man warte noch auf einen weiteren Experten. Am Montag gegen Mittag hatten Bauarbeiter die 250 Kilogramm schwere Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg auf einer Baustelle in der Feilitzschstraße gefunden. Genau dort, wo früher die Kultkneipe "Schwabinger 7" stand.