bedeckt München

Ausgezählt:Bitteres Ende

Auch bei der Wahlparty von Amerikahaus und Generalkonsulat im Landtag können viele kaum glauben, dass Donald Trump wirklich gewinnt. Bevor das Ergebnis feststeht, werden die Gäste aber nach Hause geschickt

Von Pia Ratzesberger

Irgendwann schlagen die ersten die Hände vors Gesicht, noch nicht entsetzt, noch nicht verzweifelt. Doch sie blicken fragend um sich, ungläubig nach vorne, auf die ersten Anzeichen, dass diese Nacht anders verlaufen wird, als es sich viele hier erhofft haben. Die Kronleuchter im Bayerischen Landtag strahlen in Blau und Rot, an den Revers stecken amerikanische Flaggen, in den Gläsern auf den Tischen sowieso, manche tragen Wahlkampfplakate von Hillary Clinton durch die Gänge. Niemand hält eines von Donald Trump hoch. Der allerdings gewinnt wohl gerade den Swing State Florida.

Die meisten Münchner werden erst am Mittwochmorgen davon erfahren, vom Sieg des Republikaners, den niemand ausschloss, aber mit dem auch kaum jemand rechnete. Noch aber ist es gegen drei Uhr in der Nacht, noch ist nichts entschieden, die Stadt schläft, auch wenn man im zweiten Stock des Landtags meint, es wäre Tag. Die Stiftung Bayerisches Amerikahaus hat gemeinsam mit dem amerikanischen Generalkonsulat zur Wahlnacht geladen, mehr als 1000 Gäste, einige Landtagsabgeordnete, auffallend viele junge Leute. Sie tragen Papphüte mit Flaggendruck, wollen bis zum Morgen wach bleiben, bis Amerika entscheidet. Zu diesem Zeitpunkt wissen sie noch nicht, dass es ihnen ähnlich gehen wird wie den Demokraten auf Clintons Wahlparty drüben in New York - dass sie nach Hause geschickt werden, bevor das Ergebnis endgültig feststeht.

Ein junger Student beobachtet im Foyer die Live-Schalte von CNN, der heiseren Sandra Maischberger im Ersten nämlich schaut hier kaum jemand zu. Er glaube eigentlich nicht, dass Trump es schaffen werde, sagt er. Aber was heiße das schon, denn er habe auch nicht an den Brexit geglaubt, und dann hat sich Großbritannien einfach mal so gegen sein Europa entschieden. Der Jurastudent, weißes Hemd, Anzugschuhe, lebte bis vor kurzem hier im Maximilianeum. Seine Kollegin neben ihm wohnt immer noch hier, dank der Stiftung für besonders begabte Abiturienten war der Weg zur Wahlparty also kurz. Sie hofft ebenfalls, dass Trump verliert, von Demokratin Hillary Clinton allerdings ist sie auch kein großer Fan. "Am besten wäre doch, Michelle Obama würde antreten", sagt der Jurastudent, 23, die habe es drauf, halte beeindruckende Reden. Vielleicht ja dann in vier Jahren. Später in der Nacht werden die beiden noch darum bitten, ihren Namen nicht in der Zeitung zu nennen. Man wolle doch nicht mit politischen Statements in der Öffentlichkeit stehen, ein Satz, den man hier öfters hört. Man meint fast, der wochenlange Wortkrieg zwischen Trump und Clinton habe bei manchen Zuschauern die gegenteilige Reaktion ausgelöst: Sie sagen lieber gar nichts mehr, bekennen sich zu keiner Seite.

Ein paar Meter weiter hat eine Dame eine Gummimaske mit dem Gesicht Donald Trumps an ihre Tasche geheftet. Sie habe ein ähnliches Exemplar auch von Hillary Clinton gekauft, aber das sei aus Papier, also unpraktisch für solch eine lange Nacht. An ihrer roten Jacke klebt ein Aufkleber "I voted", allerdings habe sie nicht in der Farbe ihrer Jacke abgestimmt, sagt Leslie von Wangenheim, geboren in Minnesota, sondern für Clinton. Egal, wie es ausgehe, selbst wenn Trump gewinne, die Amerikaner hätten es schon immer geschafft, aus dem Schlechten etwas Gutes zu machen, also werde es auch diesmal so sein. Trump habe ja noch Leute um sich. Eine Bekannte aus dem State Departement, innige Clinton-Unterstützerin, sagte ihr einmal: "Wenn Trump anrufen wird, bin ich die Erste, die da steht." Das beruhige.

In der hinteren Stuhlreihe im Plenarsaal sitzt einer der wenigen, die tatsächlich hoffen, dass Trump im State Departement anrufen wird. Zu viel Hass, zu viel Häme habe sich gegen den Republikaner gerichtet, sagt der Student im grauen Anzug, die Berichte seien zu einseitig gewesen. Nun würde er es den Gegnern gönnen, wenn sie sich tatsächlich mit Donald Trump als Präsidenten abfinden müssten. Außerdem, so viel würde sich nicht ändern, glaubt er, Trump rede eben viel, aber dumm sei er nicht. Der Student wird einer der wenigen sein, der sich am Morgen wird freuen können, dass die Amerikaner den Republikaner tatsächlich zu ihrem neuen Präsidenten gewählt haben.

Die Wahlnacht im bayerischen Landtag wird dann schon lange vorbei sein, gegen vier Uhr verschwindet die CNN-Übertragung von den Bildschirmen im Plenarsaal. Die Leute ziehen weiter ins Foyer, doch dort leuchten nach kurzer Zeit die Lampen auf, wie morgens im Club. Ein Herr im Anzug bittet die verbliebenen Gäste höflich hinaus, noch immer einige Dutzend. Einer blökt die Generalkonsulin Jennifer Gavito an: Das sei doch peinlich, eine Wahlparty, die ende, bevor gewählt sei. "Das kann noch Stunden dauern", entgegnet Gavito nur und verlässt den Raum. Der Landtag müsse eben aufgeräumt werden, rechtfertigen sich die Organisatoren für den Rausschmiss. Vielleicht ist es aber auch besser, dass die Party gegen halb fünf vorbei ist. Gejubelt hätte hier ohnehin kaum einer.

© SZ vom 10.11.2016
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