Christopher Street Day "Ich bin schwul, aber keine Frau"

Gutmanns Verwandlung ist nicht ganz vollständig: Er weigert sich, Brüste zu tragen.

(Foto: Nightlife-check.de)

Zweimal die Woche verwandelt sich Dennis Gutmann mit High-Heels, Korsett und Strumpfhose in Dean Deville - eine Drag Queen will er aber nicht sein.

Von David-Pierce Brill

"Ich will keine Frau sein", sagt Dennis Gutmann, 22. Und doch verwandelt er sich zweimal in der Woche in eine blonde Dame. Wenn aus Dennis Dean Deville wird, trägt er Make-up, High-Heels, Korsett und Strumpfhose. Vom Mann bleibt wenig übrig. Zwei Auftritte hat der Friseur in der Woche, er ist im Garry Klein oder im New York-Club in der Sonnenstraße zu sehen, wird für Hochzeiten oder Geburtstage gebucht. An diesem Samstag tritt er mehrmals auf dem Christopher Street Day auf. Während seiner Auftritte singt und tanzt er.

Er? Oder doch sie? Auf den ersten Blick ist Gutmann in seinem Job eine Frau. Aber nicht ganz: Er weigert sich, Brüste zu tragen, verzichtet auf Polster am Gesäß. Vor allem aber zieht er sich keine Perücke über den Kopf. Er definiert sich selbst als "Gender Blender", als jemand, der nicht eindeutig als Mann oder Frau zu identifizieren ist. Gutmann ist nicht Mann - und nicht Frau.

Für ihn eine bewusste Entscheidung. "Ich vermische die Geschlechter", sagt er, "so bin ich viel freier." Freiheit ist für Gutmann wichtig, der sich selbst als Künstler sieht, als jemand, der gerne in andere Rollen schlüpft. Er hat viele weibliche Seiten, wie er sagt. Rein äußerlich wenige männliche Kanten, ein sehr weibliches Gesicht, im Inneren sei er eine zutiefst fragile und weiche Person, die sehr sensibel sei und oft emotional handelt.

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Diese Seiten will er ausleben - und doch keine Frau sein. Es wirkt so, als führe er im Inneren einen Kampf zwischen Dean und Dennis. Dennis zeigt sich am Tag, Dean am Abend bei Auftritten. In seiner Rolle zwischen Mann und Frau kann er beides bedienen, wie er sagt: "In der Mischung fühle ich mich am wohlsten."

Für die Shows muss sich Gutmann viel zeit nehmen. Umziehen und Schminken dauern in der Regel zwei bis drei Stunden. Er zieht dann mehrere Schichten übereinander, die nach und nach fallen. Nackt zeigt er sich dem Publikum nie. Die Gäste in den Clubs sind mehrheitlich schwul, Frauen sind in der Regel in der Unterzahl. Seine männlichen Partner auf der Bühne nennt er bewusst "Kolleginnen", auch wenn er sich selbst nie als Frau bezeichnen würde.

"In meiner Rolle habe ich vielmehr Spielraum als Drag Queens." Gutmann grenzt sich bewusst von klassischen Drag-Queens wie der deutschen Olivia Jones oder der Amerikanerin RuPaul ab. Letztere feiert in den USA gerade mit ihrer Serie "RuPaul's Drag Race" große Erfolge und sorgt auch in Deutschland für einen kleinen Hype in der Szene.

"Ich bin halt anders vom Anderssein"

Klassische Drag-Queens bedienen laut Gutmann zu sehr das Klischee der Weiblichkeit. "Ich bin schwul, aber keine Frau", stellt der Münchner klar. Authentizität ist in seinem Verständnis das wichtigste im Schauspiel. "Wer Mann ist, kann keine Frau sein", sagt Dennis. Seine Sexualität habe nichts mit seinem Job zu tun.

In der Schwulen-Szene stößt er auf gemischte Reaktionen. Auch weil er bewusst provoziert. Er kritisiert die gespielte Abneigung von Schwulen gegen Frauen. Trotzdem kämen viele mit Drag-Queens besser zurecht als mit seiner Interpretation. Er sagt: "Drag Queens verstehen Schwule besser, weil sie greifbarer sind." Als Künstler zwischen den Geschlechtern werde er nicht verstanden. "Bist du nicht fertig geworden", wurde er mehrfach gefragt. Gutmann reagiert selbstironisch: "Ich bin halt anders vom Anderssein" und ergänzt: "Das Ganze ist schon schräg genug."

In seinem privaten Umfeld und im Freundeskreis hat er hingegen andere Erfahrungen gemacht. Als er sich mit 19 Jahren outete, haben die Eltern sehr locker reagiert: "Schatz, wir wissen, dass du schwul bist", hieß es. Seit Gutmann als Dean Deville auftritt, hilft die Mutter beim Kostüm. Ob darin eine Frau oder ein Mann steckt, ist ihr egal.

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