Auftritt in Tutzing:Wenig Toleranz gegenüber Muslimen

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Doch der Tumult bleibt aus in Tutzing. Zum einen, weil es eine eigentümlich vertraute Duzkultur zwischen den Kontrahenten gibt: Weißt Du noch, damals, 1978, in der Grundwertekommission? Manchmal lächelt da Thilo Sarrazin in ferner Erinnerung. Und dann wird es ruhig, weil Hans Eichel sich scharf Zwischenrufe und Hohn verbittet. Es wirkt. Wer an diesem Samstag an den Starnberger See gekommen ist, um "den Muslimen" ordentlich einzuheizen, hat falsch investiert.

Es sollte keine reine Sarrazin-Debatte werden in Tutzing, und so hat die Akademie an diesem Wochenende ein Programm gebaut, das so ziemlich alles beleuchtet, was in der Islam- und Integrationsdebatte aktuell ist. Am Freitagabend präsentieren der Münsteraner Soziologe Detlef Pollack und sein Münchner Kollege Holger Liljeberg Zahlen: Zwei Drittel der Deutschen haben Vorbehalte gegenüber Muslimen, nur ein Drittel befürwortet den Bau von Moscheen, in keinem europäischen Land gibt es so wenig Toleranz gegenüber Muslimen wie in Deutschland. Vor allem die Türkisch-Stämmigen im Land fühlen sich andererseits noch sehr ihrer alten Heimat verbunden, schwanken in den Identitäten, fühlen sich abgelehnt.

Seit Sarrazins Buch auf dem Markt ist, hat die Ablehnung der Muslime zugenommen, sagt Pollack - Sarrazin sitzt da und hört zu.

Am Samstag sagt dann der Penzberger Imam Benjamin Idriz, dass er sich für einen toleranten, friedfertigen, demokratieverträglichen Islam einsetze. Dann redet der Publizist Henryk M. Broder so lustig, dass niemand seine These so recht mitkriegt: Weil die Deutschen den Holocaust endlich wegbewältigen wollen, trauen sie sich nicht, die Muslime hart anzupacken - lieber bezeichnen sie jeden Islamkritiker als Rassisten und finanzierten eine sich selbst vermehrende Armee von Sozialarbeitern.

Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, plädiert für eine unaufgeregte Debatte - und da Schneider ein unaufgeregter Mensch ist, trägt auch er zur Beruhigung bei.

Buschkowsky wirbt für Kindergartenpflicht

Nur ein richtiger Dialog entsteht nicht, es reihen sich die Wahrheiten, die Idrizsche, Brodersche, Schneidersche. Es kommt die Wahrheit von Lale Agkün dazu, der ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten, die für einen säkularprotestantischen Islam wirbt, der Gebete, Fasten, Kopftuch, alle Regeln als Möglichkeiten des persönlichen Glaubenslebens, nicht aber als kollektive Gebote ansieht.

Und dann die von Heinz Buschkowsky, dem SPD-Bürgermeister von Berlin-Neukölln, der von Schulen berichtet, bei denen keiner der Schüler mehr Eltern mit regulärer Arbeit hat, und sagt: Es braucht Krippen, eine Kindergartenpflicht "am besten ab einem Jahr", Ganztagsschulen wie die Rütli-Schule, die inzwischen eine Vorzeige-Einrichtung ist.

Am Ende des Tages lässt Vural Öger, Reiseunternehmer, durchblicken, wie sehr ihn das Buch von Sarrazin verletzt hat. Die Rechtsanwältin Nevon Van aus Izmir erzählt, wie viele gut ausgebildete Türkischstämmige zurück in die Türkei gehen, weil sie sich abgelehnt fühlen.

Und ja: Auch in Tutzing durften sich die Muslime, die den Tag mit Thilo Sarrazin teilten, vor allem als Problem fühlen.

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