Aufnahmeeinrichtung:Neue Durchgangsstation für Flüchtlinge eröffnet in der Karlstraße

Aufnahmeeinrichtung: Das "Musterzimmer" ist schon fast bezugsfertig.

Das "Musterzimmer" ist schon fast bezugsfertig.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Ab dem 15. September sollen die Gebäude an der Karlstraße 20 bis 22 als neue Außenstelle der Aufnahmeeinrichtung Oberbayern genutzt werden.
  • Bis zu 270 Asylbewerber sollen dort untergebracht werden.
  • Für die Flüchtlinge soll es aber nur eine Durchgangsstation sein.

Von Katharina Blum

Ganz oben, unterm Dach, offenbart sich, was im Musterzimmer noch nicht zu sehen ist. Mit den Doppelstockbetten, dem Tisch und den Spinden wirkte dieser Raum noch wie einer aus dem Musterkatalog für Jugendherbergseinrichtungen. Doch wer vom Treppenhaus aus in die Tiefe blickt, der kann an den Gitternetzen über dem Hohlraum nicht vorbeischauen. Mit Mühe kann man Müll durchwerfen, ein ganzer Körper aber passt dort nicht durch. Und das ist wichtig. Denn die, die hier bald einziehen, haben oft Furchtbares erlebt, so dass man lieber vorbereitet sein will.

Von 15. September an sollen die Gebäude an der Karlstraße 20 bis 22 als neue Außenstelle der Aufnahmeeinrichtung Oberbayern für bis zu 270 Asylbewerber genutzt werden. Diese ist eine Art Durchgangs-Bleibe, wohin Flüchtlinge kommen, nachdem sie im Ankunftszentrum an der Maria-Probst-Straße medizinisch untersucht und registriert wurden. Die Mehrheit wird in der Bayernkaserne untergebracht, zusätzlich gibt es bereits acht Dependancen, vier davon in der Stadt, weitere in Fürstenfeldbruck, Eichstätt, Waldkraiburg und Unterhaching.

Weil in der Nachbarschaft der neuen Zweigstelle in der Karlstraße vor allem gearbeitet und nicht gewohnt wird, entfällt der übliche Anwohner-Infoabend. Stattdessen hat die Regierung von Oberbayern die Mitglieder des Bezirksausschusses eingeladen. "Wirkt ja gar nicht so gefängnisartig, wie man sich das immer vorstellt", sagt eine Besucherin, als sie den Gemeinschaftsspeisesaal betritt. Der Altbau, in dem sich während der Nazizeit die "Reichspropagandaleitung der NSDAP" und andere Verwaltungseinrichtungen der Partei befanden, stand zuletzt leer. Künftig wird es an den Biertischen dreimal täglich Essen für die Flüchtlinge geben. Die Ausgabetheke steht schon, die Wohnbereiche in den Obergeschossen werden noch eingerichtet.

Renoviert sind bereits die sanitären Anlagen, mit drei Duschen, Sitz- und Stehtoiletten. Hier riecht es intensiv nach dem Reiniger, der zusammen mit den Zehn-Kilo-Säcken Vollwaschmittel und dem Toilettenpapier, zweilagig, im Vorratsraum lagert. So gut wie bezugsfertig ist auch das Musterzimmer im ersten Stock. Die Führung dorthin übernimmt der neue Leiter, Christoph Fenzl von der Inneren Mission. Ein freundlicher Mann, der Probleme aber unverdruckst und klar thematisiert. Er wolle kein "Ich will aber"-Gezeter haben, deshalb wird er das Mobiliar noch durchetikettieren. Spind 1 gehört zu Bett 1, darüber soll es keine Diskussion geben.

Die Zimmer in der Einrichtung sind unterschiedlich groß. In den meisten stehen zwei oder drei Doppelstockbetten, es gibt auch Einzel- und Doppelzimmer. Man werde darauf achten, dass die Bewohner eines Raumes die gleiche Muttersprache haben und nicht unbedingt "Ramadan und Sonntagsgottesdienst" aufeinander treffen, wie Stefanie Weber sagt, die zuständige Abteilungsleiterin bei der Bezirksregierung.

Die Einrichtung soll fünf Jahre bestehen bleiben

"Aber die Asylbewerber müssen auch lernen, dass Deutschland kein Land ist, in dem jeder nur in seiner Herkunftsrealität unterwegs ist." Dabei helfen sollen Sprach- und Rechtsbelehrungskurse, die im Schulungsraum am Ende des Flures stattfinden werden. Die Innere Mission übernimmt die Asylsozialberatung - im üblichen 1:100 Faktor, bei 270 Betten macht das 2,5 Stellen. Weitere Dienstleister für Catering, Wachdienst und Reinigung sind engagiert.

Fünf Jahre soll die Einrichtung bestehen bleiben. Bei der Regierung geht man davon aus, dass sie nicht sofort voll belegt sein wird. Etwa 50 Flüchtlinge kommen noch täglich in München an, rund ein Drittel wird an andere Städte weitergeschickt, so dass 30 am Tag hier bleiben - viel weniger noch als im zweiten Halbjahr 2015. Fast schon "idyllisch" fühle sich das derzeit an, so Weber. Maximal sechs Monate bleiben Asylsuchende in den Aufnahmeeinrichtungen.

Die Gebäudestruktur in der Karlstraße sei eher auf eine kurze Verweildauer ausgelegt. Das heißt: Zu den beiden Häusern gehört weder Garten noch Innenhof, nicht mal ein Grünstreifen. Gemeinschaftsräume und Spielzimmer sollen das abfangen, wenn es den Bewohnern in den Zimmern zu eng wird. Bobbycars, Bücher und ein Karton mit Bällen liegen schon bereit.

© SZ vom 09.09.2016/vewo
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