"Lesenswert":Damals wie Heute

Der historische München-Krimi "Aufmarsch" von Angelika Felenda spielt in den Zwanzigerjahren. Sowohl Orte als auch Stimmungen spiegeln sich in die Gegenwart hinein.

Von Veronika Kügle, München

Aufkeimender Antisemitismus, Demonstrierende, die unsere Demokratie gefährden wollen, und Machtinhaber innerhalb der katholischen Kirche, die Missbrauchsvorwürfe vertuschen möchten - erschreckend aktuell erscheinen die Schlüsselmotive in "Aufmarsch" von Angelika Felenda, einem München-Krimi, der im Jahr 1923 spielt.

Die Erzählung beginnt mit einer Szene auf dem Viktualienmarkt, unmittelbar wird der Leser in die tagtäglichen Ermittlungen von Kommissar Reitmeyer und seinem Polizeischüler Rattler hineingeworfen. Dann wird plötzlich eine Frau ermordet in ihrer Wohnung aufgefunden, ein Kind verschwindet, und ein Foto enthüllt einen Skandal mit weitreichenden Folgen. Rasant entspinnt sich mehr und mehr ein Netz aus Fragen um die Ereignisse, unter denen die Ermittelnden schließlich einen Zusammenhang erkennen. Der Alltag von "Herrn Kommissär" Reitmeyer und dem jungen Rattler erscheint nicht konstruiert, sondern so hektisch und unübersichtlich, wie es erfahrungsgemäß werden kann, wenn sich Privat- und Berufsleben nicht klar trennen lassen. Auch die Dialoge wirken authentisch. Felendas Figuren haben Tiefe, die Frauen handeln eigensinnig und selbstbestimmt.

Obwohl fast ein Jahrhundert zwischen Felendas Geschichte und heute liegt, lässt sich die ein oder andere Parallele zu aktuellen Begebenheiten ziehen. Die Stadt leidet unter den Folgen der Krise, Inflation und Wohnungsnot sorgen für wachsende Unzufriedenheit. Die Überforderung von Politik und Behörden wächst angesichts von Bürgerinnen und Bürgern, die sich weigern, kooperativ zu sein, und einer Presse, die eine klare Stellungnahme fordert. Vor dem aktuellen Hintergrund ruft das ins Gedächtnis, wie wackelig das politische Fundament in den damaligen Zwanzigern war, und wie leicht es zu beben anfängt, wenn es zum Nährboden für Faschismus und Rechtsextremismus wird.

Nebenbei gibt die Autorin einen kleinen Einblick in das damalige Münchner Kulturleben. Theaterhäuser wie etwa das am Sendlinger Tor oder die Rathaus-Lichtspiele sowie die Lilien-Lichtspiele kommen vor. Die Charaktere sprechen über den "neuen Stuart-Webbs-Film" oder loben die Sherlock-Holmes-Reihe, die gerade Anfang der 20er besonders beliebt war. Münchner werden außerdem Plätze und Straßennamen wiedererkennen. Über dem Eingang des heutigen "Xaver's" in der Rumfordstraße prangt noch heute der Schriftzug vom "Zwingereck", in dem im Buch die Mutter eines Jungen arbeitet, den die beiden Kommissare vergeblich suchen.

Angelika Felenda selbst lebt und arbeitet in München. Die literarische Übersetzerin hat bereits drei Kriminalromane bei Suhrkamp veröffentlicht: "Herbststurm", "Wintergewitter" und "Der eiserne Sommer". 2017 stand sie auf der Longlist des Crime Cologne Award 2017, und 2015 wurde sie für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. "Aufmarsch" ist nun der vierte Teil ihrer Reihe mit Kommissar Reitmeyer. Souverän und geschickt verwebt sie auch hier Geschichte mit einer flotten Handlung, ohne dabei historische Authentizität einzubüßen.

Angelika Felenda: "Aufmarsch", Suhrkamp, 418 Seiten, 15,95 Euro

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