Aufführung Der weite Weg zum Du

Sich in die Augen sehen, Berührungen: Im Stück der Theatergruppe des Vereins Autismus in Oberbayern geschieht viel Subtiles

Von Franziska Gerlach, Pasing

Die Römer waren irgendwie auch schon mal besser in Form. Obelix (Benedikt Eglsoer) fällt das sofort auf. Er muss ja nur die Arme ausbreiten, einmal tief Luft holen, und diese Luft dann als archaisches Brummen aus sich herauspressen, schon purzeln seine Gegner zu Boden. "Ihr Schlaffis!", ruft der Gallier mit den roten Zöpfen. "Was ist denn das hier, ihr Römer seid's ja auch nicht mehr, was ihr mal wart!"

Moment: Das sind doch gar keine Römer, die sich bei der Probe gerade wieder vom Boden aufrappeln. Der mit der Schiebermütze stellt doch Sherlock Holmes dar, und das Mädchen mit den Zöpfen, das ist doch Johanna Spyris Heidi. Aber im Theaterstück "Raum-Zeit-Kontinuum" ist eben so einiges anders.

Und wer an diesem Samstag, 10. Februar, die Premiere der jüngsten Produktion von "Die Körpermomente", der Theatergruppe des Vereins Autismus Oberbayern, erleben wird, der begibt sich in eine Welt, in der Heidi, Obelix und Sherlock Holmes ganz selbstverständlich aufeinander treffen, in eine Welt, in der auf wundersame Weise alles möglich scheint. Eine Minute lang, so viel sei verraten, schweben die sechs Darsteller - ausnahmslos Autisten, die sich in ihren Dreißigern befinden - sogar als Astronauten durchs Weltall. Wenn auch nur in einem kurzen Film, der zum Theaterstück gehört.

Jeden Samstag kommt die Gruppe zur Probe zusammen, seit Regisseur Otto Novoa, ein gebürtiger Kolumbianer, der in Prag, Bratislava und Paris studiert hat, im Oktober 2010 die Leitung übernommen und damit auch pädagogisch einen neuen Weg eingeschlagen hat. Nun nämlich wird nicht mehr einfach nur auswendig gelernt, was andere geschrieben haben. Das Ensemble erschafft in einem Prozess ständigen Austausches vielmehr eigene Stücke.

"Wir machen es selbst, und zwar alles", sagt Novoa und verweist auf eine Technik des lateinamerikanischen Theaters, die auf diesem Miteinander aufbaut. Niemals, so sagt er, niemals würde er seinen Schauspielern eine Szene vorspielen, die diese dann nachzuspielen hätten. Nein, Novoa besteht darauf, dass sie sich das Stück selbst erarbeiten. Satz für Satz, Schritt für Schritt. Vertrauen und Selbstbewusstsein sind die Werte, die er den Schauspielern auf diese Weise vermitteln möchte. Menschen mit Autismus, so weiß er nach mehr als sieben Jahren nur zu gut, begegnen sich auf einer anderen Ebene. Dem Gegenüber direkt in die Augen zu schauen, falle ihnen normalerweise schwer. "Aber auf der Bühne, da schaffen sie es", sagt Novoa. "In manchen Momenten sogar sehr gut."

Benedikt Eglsoer (Obelix) erhält Tipps von Regisseur Otto Novoa.

(Foto: Robert Haas)

Der Regisseur springt von seinem Stuhl auf, balanciert nun auf einem Bein, weil er zeigen möchte, dass seine Arbeit auch Bewegungsübungen beinhaltet. Drehungen und Sprünge, die seinen Schauspielern zu mehr Körpergefühl verhelfen sollen. Zu Beginn jeder Probe liest der Regisseur der Gruppe aus einem Theaterlexikon vor. Inzwischen hat sich dieser kurze Ausflug in die Theorie zu einem lieb gewordenen Ritual etabliert, das den Schauspielern gerade durch seine Regelmäßigkeit jenes Gefühl von Routine gibt, das sie auf der Bühne frei agieren lässt. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass spontane Abweichungen von einmal Eingeübtem besser vermieden werden. Sonst kann die Stimmung schon mal kippen.

Über zwei Jahre hinweg haben die Darsteller mit Hilfe von Regisseur Novoa und dessen Assistenz Johanna Winter das Stück entwickelt. Comicfiguren und Persönlichkeiten der Literaturgeschichte wollten die Laienschauspieler mit ihrem neuen Stück zum Leben erwecken. Und weil diese nicht einfach so vom Himmel fallen können, bauten sie eine Art Zaubertrick in die Geschichte ein: Zu Beginn des Stücks noch als "Zuschauer" im Publikum, klettern die Schauspieler alsbald in eine spezielle Waschmaschine, die sie - Hokuspokus - in Obelix, Heidi (Anna Funk), Sherlock Holmes (Jochen Hopp), Pinocchio (Manuel Schietinger), Pumuckl (Markus Niggemann) und Sailor Moon (Kristina Riefert), ein kämpfendes Manga-Mädchen, verwandelt, und sie über ein schwarzes Loch nach Gallien befördert, in die Heimat der Comic-Helden Asterix und Obelix. Und ehe die Sechs von dort wieder zurückkehren können, gilt es eben einige Abenteuer zu bestehen.

So weit die Handlung der in Zügen doch skurrilen Geschichte, in der die Ereignisse um die Comicfiguren freilich nur den Rahmen bilden, innerhalb dessen das Ensemble Gedanken anstößt, die wohl nicht nur Menschen mit Autismus umtreiben: Was ist da, diesseits und jenseits dieses Planeten, und welche Rolle kommt uns in diesem großen Ganzen zu? Solche Fragen tangieren die eigene Identität zwangsläufig. Und wer den Schauspielern dabei zusieht, wie sie aufeinander zurennen und sich beherzt in die Augen blicken, wo Autisten das angeblich doch so ungern tun, der wird sich ein anerkennendes Pfeifen nicht verkneifen können.

Die Schauspieler mit Autismus haben ihr neues Stück "Raum-Zeit-Kontinuum" selbst entwickelt. Auf der Bühne lernen sie, sich direkt in die Augen zu blicken.

(Foto: Robert Haas)

Jochen Hopp, die Sherlock Holmes-Mütze tief im Gesicht, erzählt mit druckreifen Formulierungen vom Theater im Allgemeinen und dieser Gruppe im Besondern. Er ist von Anfang an dabei, seine Psychologin hatte ihm das Theaterspielen einst empfohlen. "Mir hat es sehr geholfen, aus mir rauszukommen, mit anderen in Kontakt zu treten - und offener zu werden", sagt der Mann, der als Verwaltungsfachangestellter tätig ist. Seine Augen ruhen einen Moment auf seinen Händen. Dann muss er wieder weg. Zurück auf die Bretter, die für ihn die Welt bedeuten.

"Raum-Zeit-Kontinuum": Premiere am Samstag, 10. Februar, 19 Uhr, im Jugendzentrum Aquarium, Alois-Wunder-Straße 1, Pasing. Im Anschluss: Publikumsgespräch mit den Darstellern