Süddeutsche Zeitung

Aubing:Größer denken

Bei der Umgestaltung des Ubo-Areals wird nun auch der Bahnhof einbezogen. Eine Reaktion auf die Angst, die Alteingesessenen seien nur mehr ein Anhängsel von Freiham

Von Ellen Draxel, Aubing

Die Stadt will die Neugestaltung der Areale Ubostraße 7-9 und Bahnhof Aubing "zusammen denken". Stand heute soll es laut Andreas Kacinari von der Stadtsanierung einen gemeinsamen städtebaulichen Wettbewerb für beides geben, allerdings müssten vorab noch Gespräche geführt werden, etwa mit der Bahn. "Wir haben den Bahnhof in das Sanierungsgebiet hineingenommen, obwohl er eigentlich nicht dazu zählt - weil der gesamte Platz sehr wertvoll ist, beide Gebiete zusammengehören und der Aubinger Bahnhof schnellstmöglich barrierefrei werden muss", sagt der für den Münchner Westen zuständige Planer. Damit erfüllt die Verwaltung der Bevölkerung und der Lokalpolitik einen wiederholt geäußerten Wunsch.

Im Herbst wird aber zunächst ein Bürgerdialog zur Anbindung Freihams an Aubing stattfinden. Auf diesen Termin und dessen Erkenntnisse aufbauend soll dann im Frühjahr 2022 die Bürgerbeteiligung zur Gestaltung des Bahnhofs und des Dorfplatzes starten. Dass erst vor Kurzem der Ausbau der S-Bahn-Strecke mit der Option für ein viertes Gleis beschlossen wurde, war für die Stadtsanierung mit ein Grund, das Beteiligungsverfahren zur Bahnhofsgestaltung anzuschließen.

"Dass der Umgriff jetzt bis zum Bahnhof geht, freut uns", sagte Jürgen Müller von der Bürgervereinigung Aubing-Neuaubing-Freiham am Mittwochabend in der Bezirksausschuss-Sitzung. Wenige Stunden, bevor die Stadtverwaltung den neuesten Status Quo bekannt gab, hatte das noch anders geklungen. Die Bürgervereinigung hatte zu einem Pressegespräch geladen, der Tenor: Aubings Bürger fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen. "Sind wir nur noch ein Anhängsel von Freiham? Wir haben den Eindruck, dass unsere Stimmen nicht zählen", hatte Vorstand Müller kritisiert. Jahrelang habe der Verein versucht, sich Gehör zu verschaffen. "Doch alles, was die Stadt uns anbietet, sind vorgefertigte Lösungen, die keine sind."

Konkret ging es bei der Pressekonferenz um drei Themen. Punkt eins: die Barrierefreiheit des Aubinger Bahnhofs. Barbara Ney, die lange als Expertin für Inklusion im Bezirksausschuss saß, betonte, seit 30 Jahren werde diese barrierefreie Verbindung zwischen Aubing und Neuaubing gefordert, "aber passiert ist nichts". Wer einen Rollator habe, mit Gehhilfen, Kinderwagen oder Rad unter den Gleisen durch möchte, müsse sich nach wie vor über viele Treppen quälen. Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen seien, bleibe dieser Weg verwehrt. Das habe zur Folge, dass viele Aubinger den neuen Edeka an der Colmdorfstraße auf der Südseite des Aubinger Bahnhofs nicht nutzten, so Ney. Vor allem aber erschwere es das Zusammenwachsen der Stadtteile.

Vor drei Jahren hatte die Bürgervereinigung bereits eine von Architekten entworfene Vision mit einer Rotunde als Verbindungsvariante vorgestellt. Doch die Stadt favorisierte 2019 eine Rampe im Norden, zumal der Freistaat diese Kosten übernommen hätte. Letztlich beschloss der Stadtrat, einen städtebaulichen Wettbewerb anzusetzen - auf Bitten des Bezirksausschusses. Kacinari versicherte Müller nun in der Sitzung, die Stadtsanierung habe den Entwurf der Bürgervereinigung "auf dem Schirm". Man werde das Ganze aber mit der Bahn erörtern müssen.

Das zweite Thema, das der Bürgervereinigung "erhebliche Bauchschmerzen" (Müller) bereitet, ist die Anbindung Freihams an Aubing. Aus Sicht des Vereins darf der zweite Realisierungsabschnitt Freiham-Nord erst gebaut werden, wenn der öffentliche Nahverkehr mit U- und S-Bahnen und enger Bustaktung so weit ertüchtigt ist, dass das Auto unattraktiv wird. Auch dürfe es keine Autoverbindung von Freiham an Altaubing geben, schon gar nicht mit Ableitung in Tempo-30-Zonen. Im Fokus der Stadt aber stehen derzeit zwei Varianten, die die Aubinger Allee in Freiham mit Aubing verbinden sollen.

Und der dritte Punkt, die Umgestaltung des Ubo-Areals? Um dieses zu einem lebendigen Zentrum werden zu lassen, brauche es die Beteiligung aller Bürger, hatte Klaus Bichlmayer vom Förderverein 1000 Jahre Urkunde Aubing, am Morgen betont. Er kritisierte, dass die Stadt, anstatt einen Bebauungsplan aufzustellen, der die Einbindung der Bürger verpflichtend machen würde, einen Weg ohne aktive Beteiligung der Öffentlichkeit gehe. Indem sie dieses komplexe Gebiet untergliedere, um dann für einzelne Bereiche Bauvoranfragen zu stellen, gegen deren Bescheide lediglich Nachbarn klagen könnten. "Klar, ein Zuckerl gibt es: Der Dorfplatz soll mit den Bürgern intensiv diskutiert werden. Aber das gesamte Dorfzentrum bleibt so der Einmischung der Öffentlichkeit entzogen." Kacinari dagegen sagt, es gehe bei diesem Verfahren nur darum, Baurecht abzuklären. Der erste Vorbescheid für Ergänzungsbauten des Technischen Hilfswerks und zusätzlichen Freiflächen für den Reitstall ist bereits positiv verbeschieden, an diesem "Musterraumprogramm" werde auch "nicht mehr geknetet". Offen ist aber noch, wie Lokalbaukommission und Denkmalschutz den 60 Meter langen, an den Dorfplatz angrenzenden Neubau der Feuerwehr an der Ubostraße 11 einschätzen. Errichtet werden soll dieser frühestens von 2026 an. Der Wettbewerb für Bahnhof und Dorfplatz startet nach jetziger Planung schon 2023.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5352731
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.07.2021
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.