Süddeutsche Zeitung

Au:Umverteilung

Lange hat die Stadtverwaltung einen stadteinwärts führenden Radweg am Gebsattelberg abgelehnt, jetzt könnte er Wirklichkeit werden. Dass dann bis zu 90 Parkplätze entfallen, wollen die meisten Stadtviertelvertreter in Kauf nehmen

Von Johannes Korsche, Au

300 Meter lang ist der Gebsattelberg, der die untere und die obere Au zwischen Mariahilfplatz und Regerstraße verbindet. Es dürften die 300 Meter sein, über die in der Au und in Haidhausen während der vergangenen Monate am intensivsten diskutiert worden ist. Zumindest, seitdem auf der Rosenheimer Straße mit Tempo 30 gefahren wird und Autofahrer sich andere Wege suchen. Immer wieder schaltete sich der Bezirksausschuss (BA) zum Thema Gebsattelstraße ein, immer wieder meldeten sich Auer deswegen auf den Bürgerversammlungen. Sie alle fordern dort mehr Sicherheit für Radler. Nun, durch den Radentscheid angestoßen, könnte sich tatsächlich etwas unter der Gebsattelbrücke ändern. Zumindest gibt es erste Vorplanungen der Stadtverwaltung, die das vermuten lassen. Demnach könnte der Gebsattelberg einen Radweg bekommen, der bergab führt. Bisher gibt es nur einen bergauf. Für diese zweite Fahrradspur müssten allerdings Parkplätze entfallen. Denn sehr viel schmaler können die Fahrbahnen wegen der MVV-Busse nicht werden.

Die Gebsattelstraße ist auch deswegen so im Fokus, weil sie außerhalb von Corona-Zeiten Schulweg für zwei Gymnasien ist. Schülerinnen und Schüler des Maria-Theresia- und des Pestalozzi-Gymnasiums nutzen die Straße zweimal am Tag. Mindestens. Darauf weisen die verschiedenen Initiativen, die die Verkehrssituation dort entschärfen wollen, immer wieder hin. So forderten die Auer auf ihrer Bürgerversammlung im Januar Tempo 30 und einen Radweg, der stadteinwärts, also bergab führt. Tempo 30 wird es dort zwar aller Voraussicht nach so schnell nicht geben, den zweiten Radweg allerdings schon. Dafür will das Planungsreferat, so geht aus der Vorplanung hervor, "ein- beziehungsweise beidseitigen Parkplatzentfall" prüfen, um ausreichend Platz zu schaffen. Schon 2018 hieß es vom Planungsreferat, dass man sich dafür "den Entfall der Parkplätze vorstellen" könne, vor allem auf der nördlichen Straßenseite, wo keine Wohnhäuser stehen, genau dort also, wo ein Radweg Richtung Innenstadt verlaufen würde. Allerdings sah die Verwaltung damals "keine zwingende Notwendigkeit", Parkplätze aufzugeben und dafür einen Radweg einzutauschen. Mit dem Radentscheid 2019 hat sich diese Notwendigkeit nun wohl ergeben.

Im seit der Kommunalwahl kräftig durchgeschüttelten Bezirksausschuss Au-Haidhausen jedenfalls stößt die Vorplanung überwiegend auf Zustimmung. Vor allem bei den Grünen, denen künftig nur noch eine Stimme zur absoluten Mehrheit fehlt. "Wir sind eindeutig auf Seiten des Radentscheids", sagt Jörg Spengler, der neu in den BA gewählt ist und bereits angekündigt hat, seinen Themenschwerpunkt bei der Verkehrswende zu setzen. Die Situation am Gebsattelberg sei für Radler "unzumutbar", der zweite Radweg könnte das ändern. Wenn es nicht anders gehe, dann "bitte auf Kosten der Parkplätze", sagt Spengler. Zumindest auf der Straßenseite ohne Häuser. Dann sei Tempo 30 - so lange sich nicht etwas an der bundesweiten Straßenverkehrsordnung ändert - auch nicht mehr so drängend.

Ähnlich sieht das Nina Reitz (SPD). Es sei ein guter Kompromiss, auf der einen Straßenseite den Anwohnern ihre Stellplätze zu lassen. Und auf der anderen Seite, wo weder Wohnungen noch Läden lägen, die Parkplätze gegen einen sicheren Radweg zu tauschen. Denn die größte Gefahr gehe am Gebsattelberg von zu knapp überholenden Autos und von plötzlich sich öffnenden Türen frisch geparkter Wagen aus. Der Fahrradstreifen würde den Schulweg für viele Kinder sicherer machen, urteilt Reitz. Allerdings müsse man grundsätzlich eine Lösung für die Au finden, wie sich der Parkplatzmangel beheben ließe. Zumindest während der Dulten auf dem Mariahilfplatz gebe es derzeit ein Problem. Das sei "vielleicht über Anwohner-Tiefgaragen" anzugehen, die dann "auch nicht so teuer" sein dürften.

Barbara Schaumberger (CSU) ist es "wichtig, dass es mit dem BA abgestimmt ist", was sich am Gebsattelberg ändern soll. Einen entsprechenden Antrag hatte sie für die BA-Sitzung im März schon vorbereitet, bevor die wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde. Nicht nur Anwohner parkten entlang des Gebsattelberges, stellt Schaumberger fest, auch die Beschicker der Dulten stellten ihre Fahrzeuge dort ab. Bei der weiteren Planung sei daher "über den Tellerrand hinauszugucken", sagt sie. "Man darf nicht nur auf den normgerechten Fahrradweg schauen." Viel eher sei zu überlegen, wie sich die Änderungen im Viertel auswirken. Insgesamt gibt es etwa 90 Parkplätze zwischen Mariahilfplatz und Regerstraße, hat das Planungsreferat gezählt.

Auf die ist Carsten Marr seit etwa einem Jahr nicht mehr angewiesen, so lange habe er kein Auto mehr. Ohnehin seien dort oft noch Parkplätze frei, hat der Auer beobachtet. Marr forderte auf der Bürgerversammlung unter anderen den zweiten Radweg, der nun kommen könnte. Das sich nun was tut, "finde ich toll", sagt er. Es sei dringend nötig, vor allem wegen der Sicherheit des Schulwegs. Die geht für ihn allerdings über den Radweg hinaus. Mit Tempo 30 ließen sich Schadstoffe in der Luft verringern. Auch das gehöre zum Schutz der Kinder.

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SZ vom 02.04.2020
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