Au Freundschaften am Herrgottseck

Eine Gemeinschaft: Im Wohnprojekt des Adelgundenheims leben Jugendliche, Familien und Flüchtlinge zusammen. Die einen können nicht bei ihrer Familie leben, andere sich die Miete in München nicht leisten

Von Johannes Korsche

Vom Mariahilfplatz aus ist es ein Gang durch verwinkelte Gässchen zum "Wohnen in der Au". So mancher Lebensweg, der in das Wohnprojekt des Adelgundenheims - einer Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge - geführt hat, ist wohl ebenso verschlungen. Obwohl die meisten Bewohner noch keine 21 Jahre alt sind. Wie Lisa, die eigentlich anders heißt, aber ihren richtigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Vielleicht, weil sie als Lisa Sätze sagen kann wie: "Mit meinen Eltern ist es halt kompliziert, die sind nicht so die Klischeeeltern, die man sich wünscht." Mit 16 zog sie zur Familie einer Freundin, kurz bevor sie 18 wurde, mit ihrem damaligen Freund zusammen und schließlich ins Adelgundenheim. Der letzte Umzug führte sie zum "Wohnen in der Au", zum Haus am so herrlich benannten "Herrgottseck 5". Heute ist sie 19 und sich sicher, ohne das Wohnprojekt wäre das für sie "eine Katastrophe."

Sadiye oder Chiara (von links): Im Wohnprojekt "Wohnen in der Au" findet man schnell zusammen.

(Foto: Robert Haas)

Im WidA, so kürzt sich das Haus selbst ab, sind Jugendliche, Familien und Flüchtlinge untergebracht - teils sind sie über die Jugendhilfe gekommen wie Lisa, teils weil dort die Miete für ein Apartment auch für Studenten und Auszubildende bezahlbar ist. Das WidA will mehr sein als bloßer Wohnort, den Austausch und das Miteinander seiner Bewohner fördern, eine Plattform für ein Miteinander bieten. Es versteht sich als integratives Wohnprojekt, unter anderem mit einem gemeinsamen Essensabend, immer donnerstags im Gruppenraum im Erdgeschoss. Das zeichne das WidA aus, das mache es zu einem Pilotprojekt für integratives Wohnen, sagt WidA-Leiterin Silvia Hofmann. Vergangenen Mai ist das Projekt gestartet, damals zogen die ersten Bewohner ins Haus. "Wir bauen das langsam auf", sagt Hofmann. Damit sich die Bewohner in ihrem geschützten Raum kennenlernen können, braucht es eben Zeit.

Zerin und Yasir (von links): Das Miteinander wird gelebt, zum Beispiel beim gemeinsamen Essen jeden Donnerstagabend.

(Foto: Robert Haas)

Lisa wohnt in einer Mädels-WG im ersten Stock. Die Wohnungen sind zwar beim Einzug möbliert, aber sie hat sich ihr Zimmer selbst eingerichtet, das Bettgestell beispielsweise hinter den Schrank geräumt und stattdessen Tatami-Matten ausgerollt, auf denen ihre Matratze liegt. An einer Wand steht eine Kommode, die sie bei einer Wohnungsauflösung abgestaubt hat, auf dem Fensterbrett zieht sie Kräuter. So ähnlich läuft das im WidA. Hofmann und ihre Kolleginnen bieten Unterstützung, Hilfe und Betreuung an, beispielsweise bei Amtsgeschäften und dem Ausfüllen von Formularen. Aber wie sich die Bewohner ihr Leben einrichten, entscheiden die schon selbst. Ob Bettgestell oder Tatami-Matte ist da jedem selbst überlassen.

Das Projekt will jungen Erwachsenen wie Nicole (rechts) den Übergang in ein selbständiges Leben ermöglichen.

(Foto: Robert Haas)

Auf diese Weise will das WidA jungen Erwachsenen den Übergang in ein selbständiges Leben ermöglichen - oder überhaupt ein Leben in München. Wie bei Nicole. Sie ist eine der "Externen", so nennt Hofmann die Bewohner, die nicht über die Jugendhilfe ins Haus kamen und ihre Apartments selbst bezahlen. Nicole kommt ursprünglich aus Peiting südlich von Landsberg am Lech und arbeitet als Kinderpflegerin in der Au. Eine Wohnung über den freien Markt mit ihrem Gehalt zu stemmen oder zu finden, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. "Das schaffe ich in München nicht, so allein auf dem Wohnungsmarkt." Ohne WidA müsste sie wohl in Peiting wohnen, sicherlich kein Weltuntergang, aber für die 19-Jährige hätte das sehr direkte Konsequenzen. "Ich hätte keine Freizeit mehr." Oder keinen Schlaf. Sie würde abends irgendwann nach Hause kommen, gegen acht ins Bett, weil sie am nächsten Tag schon um vier Uhr aufstehen müsste, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, rechnet sie vor. Ohne das Apartment am Herrgottseck "wäre ich jeden Tag ziemlich kaputt". Dass die beiden, Nicole und Lisa, unter einem Dach wohnen, sich beim Essen am Donnerstagabend unterhalten, das sind genau jene Momente, für die das WidA stehen will.

Das Konzept funktioniert bei den beiden also schon, auch wenn im Haus noch nicht alles fertig ist. Im Keller sollen noch Gruppenräume eingerichtet werden, zum gemeinsamen DVD-Abend oder Kickern. Wenn sich das Miteinander im WidA eingespielt hat, will sich das Wohnprojekt dem Viertel öffnen. Nach den Sommerferien sei eine verspätete Einweihungsparty geplant, kündigt Hofmann an. Außerdem sollen Kurse wie zum Beispiel "Gesund kochen für Kinder" angeboten werden. Es gebe im Team eine Hauswirtschaftlerin, die das auf die Beine stellen könne, sagt Hofmann. So sehr es ein Anliegen ist, die Auer einzuladen; zum Glück eilt es nicht so sehr. Für die nächsten zehn Jahre sei das Projekt in der Au gesichert, sagt Hofmann. Es könnte sein, dass während dieser Zeit nicht nur innerhalb des Hauses Freundschaften entstehen, sondern auch zwischen der Au und dem WidA.