Asylbewerber So sollen Flüchtlinge in München besser integriert werden

Weil die Hälfte aller Geflüchteten unter 25 Jahre alt ist, kommt der Bildung für die Integration eine Schlüsselrolle zu - von Anfang an.

(Foto: dpa)

Das Münchner Sozialreferat stellt seinen Integrationsplan für Flüchtlinge vor. Was die Stadt schon leistet und wo sie noch mehr tun will. Ein Überblick.

Von Sven Loerzer

Fast zwei Jahre lang haben die Stadt und mehr als 20 Münchner Organisationen daran gearbeitet, einen Gesamtplan zur Integration von Flüchtlingen vorzulegen. Auf 110 Seiten stellt das Sozialreferat nun die Situation der 21 541 Flüchtlinge dar, die von 2012 bis 2016 nach München kamen. Dabei wird beschrieben, was für eine gelungene Integration schon geschehen ist und was noch getan werden muss.

"Geflüchtete sind vom ersten Tag an Teil dieser Stadtgesellschaft, unabhängig davon, ob sie dauerhaft hier bleiben können oder wollen", betont Sozialreferentin Dorothee Schiwy. Ihr Referat will sich im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten auch um Menschen kümmern, die keine dauerhafte Bleibeperspektive haben, um so der Entstehung von Konflikten vorzubeugen.

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61,3 Prozent der Geflüchteten sind Männer. Etwas mehr als die Hälfte sind jünger als 25 Jahre. Die meisten kamen aus Afghanistan (17,6 Prozent), Irak (17,3 Prozent) und Syrien (11,8 Prozent), gefolgt von Bosnien und Herzegowina (6,9 Prozent), Kosovo (6,7 Prozent) und Nigeria (6,6 Prozent). Fast zwei Drittel der Geflüchteten haben eine Aufenthalts- oder Niederlassungserlaubnis, ein Drittel Aufenthaltsgestattungen, wie sie Asylbewerbern bis zum Abschluss des Verfahrens erteilt werden. Nach den Schätzungen der Ausländerbehörde stellen 65 Prozent der anerkannten Flüchtlinge einen Antrag auf Familiennachzug, im Durchschnitt kämen so noch einmal vier Personen dazu.

Ging es 2015 zunächst vor allem darum, Tausende von Menschen, deren Flucht in München vorerst endete, unterzubringen und zu versorgen, so initiierte OB Dieter Reiter bereits Anfang 2016 einen Gesamtplan zur Integration. Den legt das Sozialreferat nun am Dienstag dem Stadtrat zur Kenntnisnahme vor. Das Papier beschreibt fünf Handlungsfelder und benennt die jeweiligen Aufgaben. Wie sie zu bewältigen sind und was das jeweils kostet, dazu sollen dann die jeweils zuständigen städtischen Referate Beschlussvorlagen erarbeiten. Der Gesamtplan nennt keine Kosten. Aber auch so wird deutlich, dass die Stadt vor einer gewaltigen Aufgabe steht.

Unterbringung und Betreuung

Rund 8000 Geflüchtete waren 2017 noch in staatlichen Gemeinschaftsunterkünften oder städtischen Unterkünften untergebracht. Fast 2000 galten dabei als "Fehlbeleger": Sie könnten bereits in eine Wohnung umziehen - wenn sie denn eine fänden. Und nicht wenige Wohnungslose, die in Notunterkünften untergebracht sind, haben einen Fluchthintergrund. "Die Stadt hat bereits viel investiert in soziale Integrationsangebote", sagt Andrea Betz von der Inneren Mission als Vertreterin der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege. So habe die Stadt beispielsweise ermöglicht, die Asylsozialberatung über das vom Freistaat zugestandene Maß hinaus zu verstärken. Unterstützungsangebote für Kinder und Jugendliche in Unterkünften müssten verstetigt werden. Der Gesamtplan macht auch deutlich, dass noch größere Defizite bei der Versorgung von psychisch Erkrankten bestehen. Auch die Gesundheitsversorgung von Kindern, chronisch Kranken und Menschen mit Behinderung müsse verbessert werden.

Bildung und Erziehung

Weil die Hälfte aller Geflüchteten unter 25 Jahre alt ist, kommt der Bildung für die Integration eine Schlüsselrolle zu - von Anfang an: Nur wenig Kinder aus den Unterkünften haben einen Platz in der Kindertagesbetreuung. Tagesstätten sind zu Fuß oft nicht zu erreichen, Fahrkarten, die Asylbewerber erhielten, gelten erst von neun Uhr an. Nur wenige Kinder schaffen den Übergang zu Realschule und Gymnasium, um das zu ändern, sind intensive Deutschkurse in der vierten Grundschulklasse nötig. Eine zweijährige Orientierungsstufe und der Ausbau der Schulsozialarbeit sind weitere Forderungen im Integrationsplan.

Ausbildung

Zwar fangen immer mehr Geflüchtete eine Ausbildung an. Viele seien aber "noch nicht ausbildungsreif, sie verfügen noch nicht über die für erforderlichen Lerntechniken und Kompetenzen", heißt es im Integrationsplan. Zudem bestehen zwar alltagssprachliche Deutschkenntnisse, aber oft fehle Textverständnis und Schreibkompetenz, was den Prüfungserfolg gefährde. Gewarnt wird vor dem Ausschluss von Schülern, die eine ungesicherte Bleibeperspektive haben, sie könnten in Depression, Radikalisierung oder Suchtmittelmissbrauch abgleiten. Die Stadt steuert mit einem 1400 Plätze umfassenden Deutschkursangebot und 118 Berufsintegrationsklassen mit besonderer Sprachförderung gegen. Eine zentrale Erstanlaufstelle, die den Bildungsweg von Zugewanderten und ihren Familien begleitet und sie berät, soll die Situation langfristig verbessern.

Arbeitsmarkt

Entscheidend für den Zugang zum Arbeitsmarkt sind wegen der rechtlichen Rahmenbedingungen das Herkunftsland und der Status im Asylverfahren. 7600 der Geflüchteten über 25 Jahre dürfen uneingeschränkt arbeiten. Bildungsstand und Qualifikation seien sehr niedrig, heißt es im Bericht, etwa 30 Prozent der beim Zentrum Flucht der Arbeitsagentur registrierten Geflüchteten haben keinen Schulabschluss. 60 Prozent verfügen über keine Ausbildung, etwa 19 Prozent bewegen sich auf Fachkraftniveau. Auch die Sprache erschwert die Vermittlung: Bei 59 Prozent der Registrierten fehlten jegliche Deutschkenntnisse. Weil in München vor allem gut qualifizierte Fachkräfte gesucht werden, passen Nachfrage und Angebot nicht zusammen. Es bestehe "immenser Qualifizierungsbedarf". Zugleich gebe es nicht unbedingt die Bereitschaft, sich auf lange Qualifizierungsmaßnahmen einzulassen, etwa weil Geflüchtete schnell Geld verdienen wollten, um Verwandte zu unterstützen.

Wohnen

"Je geringer das Einkommen, je prekärer die Arbeitsverhältnisse, je fremder der Name, je größer die Familie, umso schwieriger ist es für die Menschen, bezahlbare Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt zu bekommen", schreibt die Stadt. Der Plan setzt daher vor allem auf das Wohnungsbauprogramm "Wohnen für alle", das 3000 Wohnungen für Menschen mit geringem Einkommen bringen und 2020 fortgeführt werden soll.

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