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Aschermittwoch:Hunger in der Höhle

Fastenmahl oder medizinische Diät: Trockenes Brot, ein Apfel und Wasser erfüllen wohl beide Ansprüche.

(Foto: Imago)

Die Medizin begründet das Fasten als Mangel an Nahrung, heute gibt es für den bewussten Verzicht unterschiedliche Motive

Text und Protokolle von Julia Haas

Mit 17 Jahren wollte Felix Leibrock das erste Mal richtig fasten. Ein ganzes Jahr keinen Alkohol. Nach ein paar Monaten spielten sie im Freibad eine Runde Volleyball, es war heiß, ein Freund reichte Bier rum, und auch Leibrock nahm zuerst einen Schluck, spuckte ihn dann aber schnell wieder aus, als er an seinen Vorsatz dachte. Der Freund, mit dem er gewettet hatte, dass er das Fasten einhalten würde, erklärte die Wette trotzdem für verloren. Seitdem hat der evangelische Pfarrer keine Lust mehr auf Fasten. Wenn er es auch im religiösen Sinn nur 40 Tage durchhalten müsste und kein Jahr.

Vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag versuchen viele Menschen auf etwas zu verzichten. Als Motiv nutzen sie die Fastenzeit, Glauben hin oder her. Möglich ist dabei alles, was gefällt: die Klassiker Alkohol, Zigaretten, Süßigkeiten, Fleisch, aber auch Handy, Netflix, Aufzug oder Plastik. Doch auch die Kirchen möchten Anreize bieten. Die evangelische Kirche stellt die Fastenzeit dieses Jahr unter das Motto "Sieben Wochen ohne Kneifen". Ein Kuratorium setze sich jedes Jahr zusammen und überlege, "was gesellschaftlich gerade dran ist", erklärt Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Für dieses Jahr sei es der Mentalitäts- und Haltungswandel gewesen. "In Zeiten des Populismus und der Hetzparolen ist es wichtig, dass Menschen nicht kneifen und sich zeigen, mit ihrer Weltoffenheit." Breit-Keßler sieht im diesjährigen Motto drei Ebenen. Zum einen die individuelle Ebene, dass Menschen sich zeigen, wie sie sind, sich nicht verstellen. Dazu die gesellschaftliche Ebene: "Für das Jugend- und Schönheitsideal passen wir uns an etwas an, das wir nicht sind." Und schließlich die politische Ebene, die bedeute sich gegen Tendenzen in dieser Gesellschaft zu stellen, nicht wegzuschauen. Für die Fastenzeit habe sie sich persönlich auch etwas vorgenommen, sagt die Regionalbischöfin, nämlich bei Konflikten nicht mehr zu kneifen und offen und ehrlich Stellung zu beziehen.

Felix Leibrock, Pfarrer und Geschäftsführer des Evangelischen Bildungswerks München, kann mit dem Motto dagegen wenig anfangen. "Das ist doch aufgesetzt", sagt er. "Ein gestandener Christ sollte 52 Wochen im Jahr nicht kneifen." Ihm sei das Motto viel zu verschwurbelt. Er wolle keine sieben Wochen bei jeder Handlung überlegen müssen, ob das jetzt unter Kneifen fällt oder nicht. "Bei den Evangelen musst du immer Leistung bringen", sagt er. Die Katholiken seien da viel gelassener, "die machen in der Fastenzeit auch Bockbieranstich."

Aber sind die Katholiken wirklich so viel gelassener? Ein richtiges Fastenmotto, nach dem sich die ganze Erzdiözese München und Freising richten soll, gibt es nicht. Dafür die Misereor-Fastenaktion mit dem Titel "Heute schon die Welt verändert?". Das Hilfswerk stellt damit die Menschen in Indien in den Mittelpunkt. Kardinal Reinhard Marx eröffnet die Fastenaktion mit einem Gottesdienst am Sonntag, 18. Februar, 10 Uhr, im Liebfrauendom. "Heute schon die Welt verändert?" gibt nun aber wenig Tipps, worauf man als Katholik in der Fastenzeit verzichten sollte. "Das Thema Unterstützung von Armen gehört eben auch zur Fastenzeit", erklärt eine Pressesprecherin der Diözese.

Dem gleichen Prinzip folgt auch die Jugendaktion: "Basta! Wasser ist Menschenrecht!" Claudia Hoffmann, die Öffentlichkeitsreferentin des Erzbischöflichen Jugendamts ist bewusst: "Wir brauchen hier natürlich kein Wasser zu sparen, damit es den Leuten in Indien besser geht." Die Pfarreien bieten dafür unabhängig von der Fastenaktion ihr eigenes Programm an. Das Dekanat Pasing veranstaltet beispielsweise eine Suppenpause, zu der Jugendliche vorbeikommen können. Viele Gemeinden organisieren außerdem für ihre Gläubigen Bußgottesdienste oder Exerzitien im Alltag, wie etwa Pater Herbert Graupner bei den Jesuiten in St. Michael. "Exerzitien bedeuten, dass wir jeden Tag eine halbe Stunde meditieren und gedanklich einen Tagesrückblick erarbeiten", sagt Graupner. Jede Woche stehe dabei unter einem anderen Thema. Es gehe darum, bewusst zur Ruhe zu kommen. Einmal in der Woche bespreche man seine Gedanken in der Gruppe.

Vikarin Sophia Fürst von der evangelischen Gethsemanekirche in München-Sendling bietet eine unkomplizierte Alternative: Einen Fasten-Newsletter per Whatsapp. Ab Aschermittwoch gibt es jeden Tag einen Impuls zum Thema "Ohne Kneifen". "Als ich das Motto, das erste Mal gehört habe, dachte ich zuerst nur an den richtigen Umgang mit Flüchtlingen", sagt Fürst, "aber es ist noch viel weiter gefasst." Zusammen mit vier Vikaren aus Bayern hat sie Inhalte erarbeitet: eine Geschichte zu einem Bibeltext, eine Videobotschaft oder einen Song der Woche. "Beim Fasten geht es uns nicht ums Verzichten, sondern ums Nachdenken." Zum Beispiel, ob die äußere Fassade der Selbstinszenierung wirklich nötig sei. Für Fürst persönlich ist der wichtigste Aspekt: Zeig deine Liebe. "Ich möchte meiner Familie in der Fastenzeit offener und öfter zeigen, wie wichtig sie mir ist", sagt die Vikarin.

Ganz so freiwillig läuft das Fasten nicht bei allen. Wer mit Professor Dieter Melchart vom Kompetenzzentrum für Komplementärmedizin und Naturheilkunde sein Fastenprogramm bespricht, bei dem geht es meist um Fettleibigkeit. Den Adipositas-Patienten wird eine Fastenwoche als Teil eines einjährigen Abnehmprogramms dringend empfohlen. Doch was verstehen Mediziner unter Fasten? Für Melchart ist es der Verzicht auf feste Nahrung. Das bedeutet für seine Patienten eine Woche lang nur Tee und Brühe. Für Holger Seidl, zuständig für Gastroenterologie am Isarklinikum, gehört zu Fasten aber auch Schonkost: "Kohlenhydrate sind unsere größte Sucht", sagt er.

Beide Mediziner sehen das Fasten als stark verankerte Erfahrung des Menschen. Das Genmaterial habe sich vor Tausenden Jahren daran gewöhnt, "dass wir auch mal nichts essen, während wir von einer Höhle zur nächsten marschieren", erklärt Melchart. Und er zitiert auch den Griechen Hippokrates, der 400 vor Christus lebte: "Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente." Melchart erläutert, dass Fasten dem Körper vor allem bei Übergewicht und Fettleber guttue. "Wenige Tage genügen für die Leber schon, um sich zu regenerieren." Alles schmecke in dieser Fastenzeit außerdem intensiver, der Patient verlange nicht mehr nach extrem süßem oder salzigem Essen. Auch Melchart selbst fastet einmal im Jahr. "Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es mir gut tut." Das Fastenbrechen sei dann ein tolles Erlebnis. "Wenn ich nach zehn Tagen wieder in einen Apfel beiße, das ist der schönste Moment. Du kaust besonders, du isst besonders, das ist eine richtige Zeremonie."

© SZ vom 14.02.2018
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