Integration In der Arnulfstraße eröffnet ein Haus für die ganze Welt

  • In der Arnulfstraße betreiben mehrere interkulturelle Organisationen nun ein gemeinsames Haus.
  • Das Angebot reicht von Kursen zur Berufsorientierung über Spielgruppen für Kinder bis hin zu Selbsthilfegruppen.
  • Die Betreiber wollen außerdem eine Jugendherberge einrichten.
Von Anna Hoben

Jedes zweite Kind in München hat einen Migrationshintergrund, bei den Erwachsenen sind es knapp 30 Prozent. Viele von ihnen leben seit Jahren oder Jahrzehnten in der Stadt, hier ist ihr Zuhause. Und trotzdem verorten sie sich meist zwischen zwei Kulturen. Warum es also ein gemeinsames Haus braucht, für interkulturelle Organisationen und Migrantenvereine? Weil all diese Menschen einen Ort brauchen, an dem sie sich austauschen, Unterstützung finden und sich in Gruppen zusammentun und engagieren können.

Seit Donnerstag ist das Haus Arnulfstraße 197 - ein charmanterer Name wird noch gesucht - offiziell eröffnet. Verschiedene Träger sind dort nun unter einem Dach vereint: die Initiativgruppe (IG) zur interkulturellen Bildung und Begegnung, das Kulturzentrum Gorod/GIK in Kooperation mit dem Selbsthilfezentrum München und der Verein Morgen, ein Netzwerk Münchner Migrantenorganisationen.

Wirtschaft in München So voll wird es in München bis 2037
Bevölkerungsprognose

So voll wird es in München bis 2037

Mehr Zuzug, mehr Geburten, mehr Arbeitsplätze: Laut einer Prognose wird die Region stark wachsen - und sich verjüngen.   Von Anna Hoben

Sie stehen für bislang 90 verschiedene Gruppen, die in dem Haus auf vier Stockwerken Platz finden: vom afghanischen Kulturverein und Alphabetisierungskurs für Frauen über Selbsthilfegruppen zum Wohnen im Alter, für trockene Alkoholiker oder Stressprävention am Arbeitsplatz. Tatsächlich ist die IG schon seit 2013 in dem Haus beheimatet, die anderen in der großen WG sind jetzt quasi mit eingezogen.

In einem Raum in einem der oberen Stockwerke sitzen knapp zwei Dutzend Frauen vor Bildschirmen, sie kommen aus vielen Ländern. Da ist zum Beispiel eine Algerierin, die in ihrer Heimat Lehrerin war und "keine Chance" hat, wie sie sagt, diesen Beruf hier auszuüben - auch weil ihr Fachgebiet, arabische Literatur, natürlich nicht auf den Stundenplänen steht. Da ist eine Frau aus Pakistan im Hijab, auch sie war Lehrerin, hat sogar eine Schule geleitet. Als alleinerziehende Mutter zieht sie zwei Kinder groß. Eine dritte Frau ist Ingenieurin aus Lettland, mit abgeschlossenem Studium, aber ohne Berufserfahrung.

Was alle gemeinsam haben: Sie wollen arbeiten. Und dafür gegebenenfalls erst einmal die richtige Richtung finden, sich neu orientieren. Deshalb absolvieren sie den sogenannten Kompass-Kurs, ein Angebot der Initiativgruppe. Er beinhaltet ein Deutschtraining auf hohem Niveau, manche der Frauen machen im Zuge des Kurses auch ein Praktikum. Die Algerierin zum Beispiel weiß schon genau, wo es hingehen soll: Kinderpflegerin will sie lernen, anschließend Erzieherin.

Auf einem anderen Stockwerk sitzt Teresita Oramas-Singer vom Verein Venezuela en Baviera mit zwei venezolanischen Studenten zusammen. Die beiden wollen einen Verein gründen, und Oramas-Singer erklärt ihnen auf Spanisch, wie das geht, welche rechtlichen Dinge zu beachten sind, wie man einen Antrag schreibt.

In einem dritten Zimmer trifft sich an diesem Vormittag eine Spielgruppe mit Sprachförderung für russische Kinder. Dass Kinder ihre Muttersprache erlernen, ist ein wichtiges Anliegen von Gorod. Früher habe man geglaubt, dies behindere die Integration, sagt Vorstandschefin Nina Vishnveska. "Doch wir beweisen seit Jahren, dass das Gegenteil der Fall ist." Dreimal pro Woche kommen die Kinder, immer vormittags für ein paar Stunden. Nachdem die Zwei- bis Vierjährigen Brotzeit gemacht haben, hüpfen sie durch den Raum, um die Seifenblasen zum Platzen zu bringen, die ihre Betreuerin in die Luft pustet.

Über eine Börse des Vereins Gorod können selbstorganisierte Gruppen in der Arnulfstraße künftig kostenlos Räume finden - wobei die Zimmer an den Abenden eigentlich ausgebucht sind, während es tagsüber, vor allem vormittags, noch Kapazitäten gibt. Das Haus in der Arnulfstraße soll auch ein Stadtteilzentrum für Neuhausen sein. Und weitere Pläne gibt es auch: Im Erdgeschoss wollen die Akteure eine Jugendherberge einrichten. Bei Bildungsveranstaltungen könnten eines Tages dann bis zu 60 junge Menschen in dem Haus übernachten. Noch ist das allerdings Zukunftsmusik; eine Genehmigung von der Lokalbaukommission steht aus.