Armutskonferenz der Caritas:Gegen die soziale Spaltung

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Armutskonferenz der Caritas: Kardinal Reinhard Marx, SZ-Adventskalender-Chefin Anita Niedermeier und Sozialwissenschaftler Egon Endres (erste Reihe v.l.).

Kardinal Reinhard Marx, SZ-Adventskalender-Chefin Anita Niedermeier und Sozialwissenschaftler Egon Endres (erste Reihe v.l.).

(Foto: Robert Haas)

Wie kann man Menschen in Not helfen? Darüber diskutieren unter anderem Kardinal Reinhard Marx und Schauspielerin Uschi Glas

Von Viktoria Spinrad

Sie hat so wenig Geld, ist so sparsam geworden, dass sie mittlerweile fast keinen Hunger mehr hat. Um dennoch über die Runden zu kommen, geht sie in München Flaschen sammeln. Jeden Tag ist sie sechs Stunden zu Fuß unterwegs. Das bringt ihr 100 bis 300 Euro im Monat, immerhin. Am Anfang schämte sie sich, doch mittlerweile hat sie sich dran gewöhnt. Und das, obwohl sie mit Gehstock und Rollator unterwegs ist. "Es tut mir gut", sagt die ältere Frau.

Das Studenten-Video mit Stimmen von Betroffenen, das am Donnerstagvormittag über eine Leinwand im Jugendzentrum Salesianum flimmert, es zeigt eindringlich, was es für eine einzelne Person in dieser Stadt heißt, arm zu sein. Das lässt sich auch an den Zahlen ablesen: In der wohlhabendsten Großstadt Deutschlands lebt jeder sechste in relativer Armut, hohe Lebenshaltungskosten und hohe Mieten verschärfen das Problem weiter.

Eben deshalb hat die Caritas zur Armutskonferenz geladen, auf der es auch um die Vernetzung der Akteure in dem Bereich geht, gekommen sind Vertreter der Kirche, von Vereinen und Verbänden. Schnell wird klar, dass sich die Lage in München weiter verschlechtert. "Die prekären Lebensverhältnisse nehmen zu", sagt Kardinal Reinhard Marx. Eine Beobachtung, die auch Caritas-Direktor Georg Falterbaum macht: Immer mehr Menschen kämen zur Insolvenzberatung. Wie sich der Trend bei Kindern niederschlägt, weiß Schauspielerin Uschi Glas. Vor zehn Jahren hat sie den Verein "Brotzeit" gegründet, der auch an Münchner Schulen Kinder an Brennpunktschulen mit Frühstück versorgt.

"Manche werden ohnmächtig, weil sie total unterzuckert sind. Das ist doch kein Start in den Tag", sagt Glas. Auf ihrer Mission, die sie quer durch ganz Deutschland führt, begegnet die Schauspielerin auch Kindern, die zum ersten Mal zum Essen richtig am Tisch sitzen oder teils nicht mit Messer und Gabel essen können. Ihre Beispiele zeigen, wie sehr Armut bereits im Kindesalter diskriminiert.

Anita Niedermeier kann auch davon erzählen, wie schnell Menschen im Großraum München in die Armut abrutschen. Die Geschäftsführerin des SZ-Adventskalenders, einem Verein, der Spenden für Bedürfte sammelt, spricht von Auslösern wie Krankheit, Schulden oder dem Tod eines Familienmitglieds - "das kann man sich nicht vorstellen", sagt sie. Das Problem: "Die, die einmal drin sind, bleiben oft drin", sagt Kardinal Marx. Dabei sollte es bei der Konferenz natürlich auch um Lösungen gehen. So plädiert der Sozialwissenschaftler Egon Endres dafür, die freie Wirtschaft stärker in die Armutsbekämpfung einzubeziehen: "Wenn sie das Thema nicht im Blick haben, gefährden die Firmen ihre eigenen Grundlagen", mahnt er.

Andere Teilnehmer vermissen das Engagement der Zivilbevölkerung. "Die Mehrheitsbevölkerung möchte nicht täglich mit Armut konfrontiert werden", sagt Marx. Gleichzeitig gibt er sich selbstkritisch. Bei der Schaffung von Wohnraum für Arme und auch für kirchliche Mitarbeiter "müssen wir uns sehr viel mehr anstrengen". Was passiert, wenn die soziale Spaltung weiter voranschreitet, sehe man im Silicon Valley, wo Menschen mit Eiern auf Google-Busse werfen und Experten vor schweren gesellschaftlichen Unruhen warnen. In München mahnt Marx: "Unsere Gesellschaft wird nicht zukunftsfähig sein, wenn wir prekäre Lebensverhältnisse weiter wachsen lassen."

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