Armut in der Großstadt:Problemviertel am Harthof

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Das Problemviertel im Norden zählt zu Münchens schlechtesten Adressen - und ist doch nicht nur ein Ort der Tristesse.

Bernd Kastner

Irgendwann hat man, auf dem Weg nach Norden, die Bayerischen Motorenwerke hinter sich gelassen und mit ihnen die glänzenden Fassaden. Linker Hand preist ein Schild Rolls Royce und Jaguar an, ohne dass von den Luxusautos etwas zu sehen wäre, die Knorrstraße biegt nach rechts und verliert sich im Lieberweg.

Lieberweg ist Harthof. Grün und rot, weiß und gelb sind die Fassaden hier, das heißt, sie waren es einmal, nun sind die meisten grau und geflickt, hier ein Riss, dort ein Mörtelfleck.

Die Fensterläden sind geschlossen, auf Klingelschildern fehlen die Namen, Satellitenschüsseln kleben an den Wänden. Es rentiert sich nicht mehr, diese Häuser herzurichten, werden sie später in der Hausverwaltung sagen. Es wirkt wie von Narben überzogen, das Quartier.

In den städtischen Statistiken liegt das Gebiet, kurz vor dem Neubaugebiet der Panzerwiese gelegen, zwischen Schleißheimer und Ingolstädter Straße, meist ganz unten. Oder ganz oben, je nachdem. Armutsdichte heißt so ein Indikator, er misst, wie viele von 1000 Personen mit weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens auskommen müssen.

131 sind es stadtweit - 269 im nördlichen Teil des Bezirks Milbertshofen-Am Hart. Dabei ist aber auch die Siedlung Am Hart mit den adretten Häuschen mitgerechnet, der Harthof allein dürfte also noch weiter oben liegen. Antonie Thomsen kennt das Viertel wie wenige andere. Seit Jahrzehnten leitet sie den Bezirksausschuss, und sie sagt schlicht: ,,Es herrscht Armut.''

Die Bier-Streifenkarte

Der Lieberweg führt ins Quartierzentrum. Fahrschule, Sparkasse, Zeitungsladen, Eisdiele, Bäcker, Edeka, Postbank-Finanzcenter. ,,Genießen Sie Ihr Bier mit unserer Bier-Streifenkarte'', steht im Fenster vom ,,Anita-Stüberl''.

So eine Karte funktioniert wie ein MVV-Ticket. Für 24,30 kriegt man zehn Helle. Nebenan hat das Café Zara Tische auf dem Fußweg stehen, und im Fenster lockt ein Plakat: Jeden Sonntag, morgens zwischen zehn und zwölf, jedes Getränk einsneunundneunzig, ein Longdrink zweineunundneunzig.

Im reichen München sind es die Viertel am Rande der Stadt, Neuperlach zum Beispiel, Hasenbergl oder eben, gleich nebenan, Harthof, wo überdurchschnittlich viele Menschen wohnen, die man neuerdings zum Prekariat zählt. Die auf soziale Hilfen angewiesen sind, denen Arbeitslosigkeit droht, die es nach ganz unten nicht mehr weit haben.

Der Armutsbericht von 2004 weist für das Gebiet Am Hart 13 Prozent Arbeitslose aus - im Stadtgebiet waren es 8,8. Und wenn in ganz Milbertshofen 13,1 Prozent der Menschen Wohngeld beziehen (München: 7,5), sind es im Harthof eher mehr. ,,Man muss aufpassen'', sagt Antonie Thomsen, ,,dass das Viertel nicht abrutscht.''

Wer auch viel weiß über das Leben unterhalb der Rockefellerstraße, das sind die Leute von der GWG. Der städtischen Wohnungsgesellschaft gehört ein Großteil des Quartiers, der Harthof ist ihre größte Siedlung, die vernarbten Häuser gehören dazu.

Verwalterin Doris Benad bittet ihre Kollegin Hildegard Daniel zum Gespräch, sie ist Sozialpädagogin. Neulich, erzählt diese, hatte sie wieder mal Streithähne am Tisch, Deutsche gegen Ausländer, und da sei die Deutsche ausfällig geworden. Sie sagt: ,,Dann hab ich sie rausgeschmissen, die Deutsche.''

Die Statistik sagt, dass im Stadtbezirk jeder Dritte Ausländer ist, wohl jeder zweite hat einen Migrationshintergrund, die Menschen stammen aus 140 Nationen. ,,Egal, was sie machen, die Deutschen beschweren sich immer über die Ausländer'', sagt sie zu Hildegard Daniel und spricht von ,,latentem Rassismus.''

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