Indie-Pop-Sänger Ariel OehlWie ein Musiker mit Autismus die Bühne zu seinem sicheren Ort macht

Lesezeit: 3 Min.

„Ich brauche Regeln. Und die anderen müssen sich daran halten. Das klingt, als wäre ich ein Diktator“, sagt Oehl und muss selbst darüber lachen.
„Ich brauche Regeln. Und die anderen müssen sich daran halten. Das klingt, als wäre ich ein Diktator“, sagt Oehl und muss selbst darüber lachen. Tim Cavadini

Der Österreicher Ariel Oehl zählt zu den eigenwilligsten Stimmen im deutschsprachigen Indie-Pop. Seit seiner Autismus-Diagnose 2020 versteht er sich als Mensch besser. Auf Tournee braucht er klare Regeln – und ganz viel Humor.

Von Anna Weiß

SZ bei Google bevorzugen

Die Bitte kommt überraschend. Mitten im Gespräch, genau an dem Punkt, an dem der Musiker Ariel Oehl über seine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) spricht. „Ist es in Ordnung, wenn wir die Kameras ausmachen?“, fragt er beim Video-Interview. Die Bücher seien ein bisschen ablenkend.

Der Österreicher Ariel Oehl, 38, ist als „Oehl“ erfolgreich. Seit der ersten Platte ist er bei Grönland Records, dem Label von Herbert Grönemeyer, der sein Potenzial gleich zu Beginn erkannte und als Vorband mit auf Tour nahm. Der Durchbruch kam 2019 mit dem Song „Wolken“, verträumtem Elektro-Pop: melancholisch, mit abstraktem Text und doch leicht.

YouTube

Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert

Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.

Es folgten Konzerte und Alben, zuletzt 2025 „lieben wir“. Jedes Lied darauf ist ein feines Stück Indie-Pop, große Themen wie Liebe und Einsamkeit werden auf ungewohnte Art vertont. „Als wir einander fast fünf Jahre kannten, da / Kam deine Liebe eines Tags abhanden Wie das Ladegerät / Deiner Sony Cyber-Shot“. Es ist die Präzision der Alltagsmomente, gepaart mit einer lyrischen Art zu schreiben, die Oehls Texte besonders macht. „Das meiste, was ich denke, hat sich schon mal irgendjemand in irgendeiner Sprache an irgendeinem Ort gedacht. Ich glaube nicht ans Genie“, sagt Oehl.

Doch seine Kunst ist so eigenwillig, weil sie eine direkte Verarbeitung seines Innenlebens ist. „Es hängt sehr von der eigenen emotionalen Notwendigkeit ab, etwas in die Welt zu geben“, sagt er. Ihm sei dieser Prozess in der „eigenen Innenwelt“ fast wichtiger als der fertige Song.

Erkenntnisse über diese Welt erhielt Ariel Oehl 2020. Da bekam er seine Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung. Er begann, sich besser zu verstehen und zu erkennen, wie er im Beruf damit umgehen kann. Etwa auf Tour: Er spielt im Frühling viele Konzerte. Wie ist es als Musiker mit Autismus-Spektrum-Störung auf Tour? Oehl sagt, er sei am liebsten allein zu Hause, einem geschützten Ort. „Je mehr Ordnung und Regeln und weniger Spontaneität, desto wohler fühle ich mich“, sagt Ariel Oehl. „In meinem Alltag äußert sich mein Autismus so, dass ich viele Zwänge habe, ein starkes Bedürfnis nach Regeln und Ordnung.“ Für ihn sei es wichtig, den Tagesablauf so genau wie möglich zu kennen.

Seine Band und sein Team richten sich nach ihm. „Ich brauche Regeln. Und die anderen müssen sich daran halten. Das klingt, als wäre ich ein Diktator“, sagt Oehl und muss selbst darüber lachen. Dazu kommt seine Hypersensibilität: Geräusche, Lichter, Gerüche sind anstrengend. Das kann ein schweres Parfum im Auto sein. Ein spontanes Biertrinken. „Das kann für mich belastend sein bis zum Shutdown“, sagt er, sein System fahre runter, nichts ginge mehr. Viel Kommunikation und gegenseitiger Respekt sei die Lösung.

Trotzdem ist Touren für Oehl wie für viele Musiker eine der schönsten Sachen am Beruf. Was sich in seiner Musik in beiläufigen Witzen und Songtiteln („Nett hier, aber waren Sie schon mal in Therapie?“) durchscheint, lebt Oehl live gern aus: seinen Humor. „Wenn man die Musik hört, könnte man meinen, oh, jetzt kommen ein paar traurige Gestalten, aber das ist nicht der Fall“, sagt er. Live macht er Interviews mit seiner Band, holt Gäste auf die Bühne.

Dort fühle er sich so sehr im Moment verankert wie sonst fast nie, weil er wegen seiner ASS gedanklich oft an mehreren Orten sei. Ihm ist wichtig, dass Menschen mit Autismus nicht pauschal abgestempelt werden. „Ich wünsche mir von der Gesellschaft die Anerkennung, dass es ein Spektrum ist: Es können kleinere Aspekte davon zutreffen oder ganz viele“. Oder Klischees hinterfragt werden, „dass die Leute nicht sagen, oh, du bist ja gar kein Rainman, du bist gar nicht behindert“.

„Jedes Konzert, auf dem ich in einer Masse von Menschen funktioniere, ist ein kleiner Beweis, dass es geht, wenn man sich traut“, sagt er. „Ich sitze am liebsten in meiner Wohnung in Wien und kann trotzdem mit Hunderten Menschen etwas Gemeinsames erleben.“

Oehl, Tour der guten Hoffnung: Nürnberg, 25. April, Weiden, 29. April, Würzburg, 2. Mai, Regensburg, 14. Mai, Passau, 16. Mai

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Michael Patrick Kelly
:„Weinen ist befreiend, es ist heilend“

Mit der „Kelly Family“ wurde er früh berühmt, inzwischen coacht Michael Patrick Kelly selbst den Nachwuchs. Ein Gespräch über „The Voice Kids“, große Gefühle auf der Bühne und warum ihm Tränen so wichtig sind.

SZ PlusInterview von Michael Zirnstein

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: