ARD-Musikwettbewerb:Sopran gewinnt

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Der zweite Durchgang Gesang offenbart die Schwierigkeiten dieses Fachs - und die Möglichkeiten.

Von Klaus Kalchschmid, München

Sensationelle 368 Sängerinnen und Sänger hatten sich für den 70. Internationalen Musikwettbewerb der ARD im Fach Gesang beworben. Eine Vorjury wählte aus den eingereichten Videos 70 Teilnehmer aus, die den ersten Durchgang ebenfalls digital absolvieren mussten. Er ist bis zum Ende des Wettbewerbs wie der zweite Durchgang auf der Website abrufbar.

Von den 20, die live in München singen durften, wurden acht Sänger von der hochkarätigen Jury zum Semifinale zugelassen. Sie besteht unter Vorsitz von Dame Felicity Lott aus Ben Heppner, Robert Holl, Johannes Martin Kränzle, Deborah Polaski, Gerhild Romberg und Bo Skovhus. Leider war pandemiebedingt im Studio 1 des BR-Funkhauses kein Publikum, sondern nur eine Handvoll Journalisten, Agenten und Operndirektoren zugelassen.

Am Donnerstag werden von 19 Uhr an im Prinzregententheater allein fünf Sopranistinnen singen: Die in den USA lebende Lettin Lubov Karetnikova verblüffte mit ausnehmend schönem Timbre, feinem Kern in der Stimme sowie prägnantem Ausdruck in kurzen Liedern von Schubert und Webern, aber auch von Bach und Rimskij-Korsakow. Lida Antola aus Finnland erwies sich bereits als ein klangvoll dunkel grundierter lirico spinto mit Verdis "Trovatore", Messiaen und ausdrucksstarkem Schubert ("Der Zwerg"). Diese Ballade sang auch Julia Grüter, die einen ähnlich gewichtigen, ausdrucksstarken Sopran besitzt, was Bach ebenso zugute kam wie Rusalkas "Lied an den Mond" oder Reimann. Wie alle musste auch die in Russland geborene, in Dresden lebende Anastasiya Taratorkina Schubert singen, aber mit gehaltvoll lyrischem Koloratursopran war das "Lied der Delphine" ebenso opernhaft effektvoll wie Gounods Julia, Puccinis Musetta und Weill. Ganz anders die klangliche Fülle von Axelle Fanyo aus Frankreich, die an eine Jessye Norman oder Grace Bumbry erinnert und Mozarts Vitellia ebenso viel Furor wie Gershwins "Porgy and Bess" Tiefe zu geben vermochte wie dem Lied: Schuberts "Die junge Nonne" und Duparc. Valerie Eickhoff, die bereits an der Deutschen Oper am Rhein engagiert ist, gelang mit wunderbar schlankem, seidigen Mezzo differenziert farbenreich sowohl das Lied ("Suleika" und Korngold) wie ein fantastischer Spagat zwischen Bach ("Es ist vollbracht") und dem eitlen Prinz Orlowsky aus der "Fledermaus".

Von nur vier Männern im zweiten Durchgang schaffte es die Hälfte ins Semifinale: Der südkoreanische Bariton Jeongmeen Ahn gestaltete differenziert und leidenschaftlich die Verzweiflung von Mendelssohns Elias ("Es ist genug") und energetisch aufgeladen ebenso Lied (Poulenc) wie Oper (Massenet). Würde der erst 24 Jahre alte Stefan Astakhov, geboren in Moskau, nicht nur das Russisch von Georgy Sviridov mit seiner kernigen Stimme idiomatisch sicher gestalten, sondern weniger kehlig und druckvoll singen und nicht jede Silbe mit Ausdruck und Artikulation aufladen, man würde ihm bei Bach ("Die Liebe hat gelogen") und Massenet noch lieber zuhören.

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