bedeckt München

ARD-Film "Väter allein zu Haus":Neue Männer braucht das Land

Tobias van Dieken, Schauspieler

Tobias van Dieken verbindet viel mit München: Die Schauspielschule, das Volkstheater – und einen Bruder, den er derzeit in Neuhausen besucht.

(Foto: Robert Haas)

Derzeit läuft in der ARD der Mehrteiler "Väter allein zu Haus". Tobias van Dieken, bekannt vom Münchner Volkstheater, steht als schwuler Vollzeitpapa im Fokus.

Von Barbara Hordych

Seine Schwierigkeiten, nach sieben Jahren Pause in den Beruf zurückzukehren, dürften so mancher Vollzeitmutter bekannt vorkommen: "Sind Sie sich sicher, dass Sie unserem Unternehmen dann voll und ganz zur Verfügung stehen können?", wird Andreas skeptisch im Bewerbungsgespräch gefragt. Eine Frage, die er sich auch selber stellt, wenn plötzlich die Lehrerin ihn anruft, weil seine Tochter Stella sich in der Turnhalle verletzt hat: Ihre beste Freundin Anna hat ihr einen Medizinball an den Kopf geworfen. Warum, will Tobias van Dieken als Andreas wissen, als er in die Schule gehetzt kommt. Anna habe sich über die "drei Papas" von Stella lustig gemacht, worauf diese konterte: dafür vergessen deine Eltern vor lauter Arbeit sogar deinen Geburtstag!

Es geht hoch her in dem Vierteiler "Väter allein zu Haus", produziert von der Bavaria Fiction GmbH für die ARD. Jede Folge ist einem anderen Vertreter des Quartetts gewidmet, die als Hausmänner mit Kind, Kegel und Karriere kämpfen. Am Freitag, 26. Februar, steht um 20.15 Uhr Andreas im Mittelpunkt, der schwule Adoptivvater und hingebungsvolle Vollzeitpapa von Stella. Dumm nur, dass Stella plötzlich darauf beharrt, schon "groß" zu sein. Was bedeutet, dass sie alleine zur Schule gehen will. Und nachmittags lieber ihre Freunde trifft, als mit ihrem Papa Sportschuhe kaufen und Eis essen zu gehen. "Ich fühle mich so leer", bekennt Andreas seinen Väter-Kumpels. Worauf ihn Peter Lohmeyer als Gerd beruhigt: Das kenne er von seinen Ex-Frauen. Jedes Mal, wenn die Kinder zur Schule kamen, fühlten sie sich überflüssig.

Eigentlich sind es also ganz normale Eltern-Gefühle, die Andreas zu schaffen machen, auch wenn er nur der angeheiratete Vater von Stella ist. "Für seinen Vater Herbert ist auch nicht die Homosexualität seines Sohnes das eigentliche Problem. Sondern dass er nach einem erfolgreichen Ingenieurstudium alle tollen Jobangebote ausgeschlagen und sich ganz der Kindererziehung gewidmet hat", sagt van Dieken bei einem Treffen auf einen Kaffee, den man im Ruffini bei schönstem Vorfrühlingswetter durch das Fenster hinaus gereicht bekommt.

In Neuhausen besucht der in Bonn geborene Schauspieler derzeit seinen Bruder, der seit knapp zwei Jahren als Philosophie-Dozent an der LMU tätig ist. Und Maximilian Brückner, den ewigen "Brandner Kaspar" aus Christian Stückls Volkstheater-Inszenierung, wird er nach dem Gespräch ganz in der Nähe besuchen. "Mit München verbindet mich seit meiner Schauspielausbildung an der Otto-Falckenberg-Schule sehr viel", sagt van Dieken. Auch wenn er sich mit seiner rheinländisch-extrovertierten Mentalität von vielen Bayern unterscheide, sagt er und lacht.

Seit 18 Jahren tritt der 41-Jährige im Volkstheater auf, die ersten Jahre als Ensemblemitglied, dann als fester "Stammgast" des Hauses, etwa in der "Dreigroschenoper" und im "Brandner Kaspar". Als er in München eintraf, sei er aus alter Gewohnheit die Augustenstraße in Richtung Stiglmaierplatz hochgelaufen. "Auf dem Weg begegnet mir immer jemand vom Volkstheater", sagt van Dieken. Auch dieses Mal war es so. "Ich traf einen Techniker, und so erfuhr ich, dass Stückl die ,Dreigroschenoper' und den ,Brandner Kaspar' mit ins neue Haus hinüber nehmen will", sagt er.

Glücklicherweise melde sich Stückl regelmäßig mit Anfragen bei ihm, "da freue ich mich immer sehr, aber es muss halt mit den Dreharbeiten zusammenpassen", sagt van Dieken. Er ist gut im Fernsehgeschäft, derzeit neben dem Mehrteiler auch als Hausmeister einer Schule in der Comedy-Fernsehserie "Läusemutter" zu sehen. Abgedreht ist bereits der Film "Schwarz im Quadrat", in dem er eine kleinere Rolle neben Sandra Hüller spielt. "Es wäre toll, wenn er im Juni beim Filmfest München Premiere haben könnte", sagt van Dieken.

Wie schätzt er die Aktualität des Väter-Mehrteilers ein, der ja auf der erfolgreichen australischen Langzeit-Serie "House Husbands" von 2012 basiert? "Wenn ich mich so in meinem Freundeskreis umschaue, ist die Idee, Väter als Hausmänner zu zeigen, die mit Rollen- und Geschlechterklischees aufräumen, klasse und sehr zeitgemäß", sagt van Dieken. Mit seinen "Väter"-Kollegen Lohmeyer, Tim Oliver Schultz und David Rott sei er mittlerweile auch privat gut befreundet, in einer eigenen Whatsapp-Gruppe fachsimpele man auch über Fußball. Kurioses Faktum: Während Lohmeyer immer Schalke favorisiere, er selbst den 1. FC Köln, habe ausgerechnet Schultz, der den Ex-Bundesliga-Profi Timo spiele, keinerlei Interesse an Fußball.

Die Dreharbeiten zu seiner 90-Minuten-Folge erfolgten unter Corona-Bedingungen. "Da war die ganze Zeit ein Gesundheitsbeauftragter am Set, wir durften uns bloß nicht zu nahe kommen." Mit Steve Windolf als seinem Ehemann Christian sei das eine Ausnahme gewesen, da sie während der Dreharbeiten freiwillig in Quarantäne gegangen seien. Jede Berührung mit anderen Personen, auch wenn er seine Filmtochter Sophia Heinzmann nur mal über den Arm gestreichelt habe, musste so aufgenommen werden, dass sie dabei Masken trugen - die dann im Bild nicht zu sehen sein durften. "Da liegt der Fokus von Regie und Kamera verstärkt auf diesen Punkten, ich hoffe, das merkt man dem fertigen Film nicht an", sagt van Dieken.

Die emotional kniffligen Situationen, in die er als Andreas gerät, sind dramaturgisch klug und alltagsnah eingefädelt sowie filmisch witzig umgesetzt. Aber wie steht er zu dem Ende, in dem alle Konflikte rundum harmonisch aufgelöst werden, und auch der plötzlich aufgetauchte leibliche - schwarze - Vater von Stella keine weiteren Kollisionsschäden verursacht? "Das ist für mich schon ein Beleg dafür, dass man sich im deutschen Fernsehen grundsätzlich mehr trauen darf und den Zuschauern mehr zumuten könnte." Immerhin habe er einen Kuss mit seinem Partner Steve Windolf in dem Film unterbringen können, der nicht im Drehbuch stand. "Da gibt es ja diese Situation, in der mein Mann Christian nach Hause kommt, Stella im Wohnzimmer auf dem Boden spielt, ich in der Küche stehe. Eine ganz normale Familiensituation, wenn man so will. Da ist es doch naheliegend, dass wir uns zur Begrüßung einen Kuss geben", sagt van Dieken.

Im Grunde genommen gehe es doch immer darum, gute Geschichten zu erzählen. Und seit Streamingplattformen selber produzierten, sei da auch was in Bewegung gekommen. Privat seien die von Phoebe Waller-Bridge geschriebenen Serien "Fleabag" und "Killing Eve" seine Vorbilder: "Die sind schräg und originell, erzählen tolle Geschichten und trauen sich was", so van Dieken. Wen verwundert es da, dass er mit Freunden schon selbst an einer Serie bastelt: "Wir erzählen die Geschichte einer Beziehung, vom Ende her zurück zum Anfang", sagt van Dieken. Verkauft an eine Produktionsfirma sei der Stoff schon. Jetzt müsse noch ein Sender gefunden werden, "als Schauspieler scharrt man da natürlich mit den Füßen und will, dass es schnell weitergeht". München ist auch dabei wieder ein wichtiger Bezugspunkt: Den Trailer für die Serie haben sie im vergangenen Sommer hier in der Stadt gedreht.

© SZ vom 26.02.2021/kafe
Zur SZ-Startseite
Götz Otto Richard III.

SZ PlusGötz Otto
:"Ich bin groß, ich bin böse, und ich bin Deutscher"

Seit seinem internationalen Durchbruch als Bond-Bösewicht lassen Götz Otto die Fieslingsrollen nicht los: Er spielt den Sektenführer in einer Serie über Colonia Dignidad oder Richard III. am Münchner Hofspielhaus. Wie ist das - immer der Böse zu sein?

Von Barbara Hordych

Lesen Sie mehr zum Thema