Architekturspaziergang Einfach Grandezza, das Glockenbach

Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel werden oft verwechselt, gemeinsam sind sie unverwechselbar. Auch deswegen hat die Gentrifizierung hier ganz besonders starke Spuren hinterlassen.

Von Elisa Britzelmeier (Texte) und Johannes Simon (Fotos)

Zuletzt war es ausgerechnet ein Klohäuschen, an dem die Grandezza des Glockenbachviertels deutlich wurde. Wie vieles hier steht das stillgelegte Pissoir am Holzplatz unter Denkmalschutz. Nun soll womöglich ein Gedenkort daraus werden, ein Memorial für zwei der berühmtesten Bewohner der Gegend: Freddie Mercury und Rainer Werner Fassbinder. Historische Bausubstanz plus ein Hauch von verruchtem Nachtleben, das fasst das Viertel eigentlich schon recht gut zusammen. Manche Münchner kennen es nur abends, schließlich gibt es hier so viele Bars wie nirgends sonst in der Stadt, manche kommen vielleicht noch am Wochenende zum Frühstücken her. Dabei lohnt sich ein Spaziergang zu jeder Tageszeit. Besonders schön ist es unter der Woche, wenn die Betreiber der kleinen Läden sich mit ihrem Mittagessen vor die Tür setzen und ratschen.

Wenn vom Szeneviertel die Rede ist, fangen die Probleme ja schon beim Namen an. Die Begriffe "Glockenbach-" und "Gärtnerplatzviertel" werden meist synonym verwendet, dabei ist die Unterscheidung eigentlich ganz einfach: Die Fraunhoferstraße trennt das eine vom anderen. Queen-Sänger Freddie Mercury, ehemals wohnhaft in der Hans-Sachs-Straße, war also Glockenbacher. Der Regisseur Fassbinder dagegen lebte nahe dem Gärtnerplatz. In der Müllerstraße war das Action-Theater, dann, von 1968 an, das Antiteater. In Fassbinders Wohnung in der Reichenbachstraße sind Szenen aus "Deutschland im Herbst" entstanden, die Filmgeschichte wurden. Gegenüber ist heute immer noch das Hotel Deutsche Eiche, damals sein Stammlokal. Seit den Fünfzigern ist es Treffpunkt der homosexuellen Szene, dabei ist es geblieben, während die schwulen Lokale im Viertel sonst immer weniger werden. Weil man sich inzwischen sowieso leichter per App kennenlernt, aber auch, weil Gastronomen auf Grund der unglaublich hohen Mieten kaum mehr Flächen finden.

Tourbeschreibung

Der Spaziergang startet am Sendlinger Tor (U1, 2, 3, 6, 7, 8) und geht über die Blumenstraße. In die Theklastraße abbiegen. Von der Müllerstaße über die Corneliusstraße bis zum Gärtnerplatz. Kurz in die Reichenbachstraße, zurück in die Corneliusstraße. Links in die Baaderstraße, in der anderen Richtung bis zur Fraunhoferstraße. Dieser zur Isar folgen und über die Auenstraße flussabwärts. Rechts in die Westermühlstraße, die einen Bogen nach links macht. Über die Hans-Sachs-, Ickstatt- und Klenzestraße zur Fraunhoferstraße (U 1,2,7).

Dauer: etwa eine Stunde

So stark gentrifiziert wie Glockenbach- und Gärtnerplatzviertel wurde wohl kaum eine andere Gegend der Stadt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs galt die gesamte Isarvorstadt als Kleine-Leute-Gegend. In den Achtzigern kamen Künstler wegen der billigen Wohnungen, nach und nach machten Bars auf. Heute spürt man hier ganz besonders das Problem, das die ganze Stadt hat: schön, aber verdammt teuer. Wie Monaco Franzes Freund Manni Kopfeck sagen würde: Da wohnen ja jetzt ganz andere Leut wie früher. Das Viertel hat sich herausgeputzt, und dass das nicht allen passt, lässt sich an den Graffiti ablesen, die man an den Mauern sieht, "Aufwertung abfucken" steht da zum Beispiel.

Dass die Altbauten, die heute den Charme des Viertels ausmachen, so wunderbar harmonieren, hat mit der gründerzeitlichen Stadterweiterung zu tun. Denn so gut wie alle Häuser hier wurden im späten 19. Jahrhundert gebaut. Nach 1860 wurde innerhalb von wenigen Jahren das planmäßig konzipierte Viertel hochgezogen. Davor war die gesamte Isarvorstadt eher von ärmlichen Behausungen geprägt und vom Gewerbe: Müller, Wäscher und Bleicher wohnten hier, weil es so viele Stadtbäche gab. Dazu gehört auch der Glockenbach, der heute unterirdisch verläuft, und der seinen Namen davon hat, dass er an einer Glockengießerei vorbeilief. Offen sichtbar ist heute nur noch der Westermühlbach. Es gibt Bestrebungen, den Glockenbach wieder freizulegen - denn wenn man schon ein ganzes Viertel danach nennt, wäre es gar nicht so blöd, wenn man auch etwas davon sehen könnte.

In der Zeit als Gewerbeviertel war die Gegend auch ein eindeutig jüdisches Viertel mit koscheren Lebensmittelgeschäften und einem jüdischen Gemeinschaftsleben. Heute noch lässt sich das an der sanierungsbedürftigen Synagoge in der Reichenbachstraße sehen. Sie wurde 1931 eröffnet, im Hinterhof, was auch mit dem aufkommenden Antisemitismus zu tun haben dürfte. Damals war es das Gotteshaus der Ostjuden, bis daraus nach dem Krieg die Hauptsynagoge Münchens wurde.

Der Spaziergang führt daran genauso vorbei wie an der Fassade des Gärtnerplatztheaters, der über der Isar ragenden Kirche St. Maximilian und den vielen kleinen Ecken, die das Viertel liebenswert machen. Auch wenn das Quartier zwischen Isar und Altstadt längst in jedem Reiseführer steht, ist man hier mit deutlich weniger Touristen unterwegs als im Zentrum. Am besten lässt man sich wegtreiben von der Strecke, oder bleibt in einem der vielen Cafés sitzen und schaut einfach nur. Grandezza eben.

1. Städtisches Hochhaus

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Adresse: Blumenstraße 28b

Architekt: Hermann Leitenstorfer

Fertigstellung: 1929

Gehzeit: 7 Minunten vom Sendlinger Tor (U1, 2, 3, 6, 7, 8 / Trambahnen)

Warum es sich lohnt innezuhalten: "Altes Technisches Rathaus", "Städtisches Hochhaus" oder einfach "das Hochhaus" - das Gebäude hat viele Namen. Mit 45 Metern und zwölf Stockwerken ist es zwar längst nicht mehr das höchste Hochhaus der Stadt, aber immerhin das älteste. Vor dem Bau gab es heftige Diskussionen, von denen man sich bis heute nicht erholt zu haben scheint. Dabei war Anfang der Zwanzigerjahre sogar einmal ein "Hochhausring" um die Altstadt im Gespräch. Bekanntermaßen darf jedoch kein Haus höher sein als die Frauenkirche. Mit der steht das Hochhaus in einer Art optischem Dialog: Oben sind die Kanten abgeschrägt, das Haus hat Strebepfeiler wie viele gotische Kathedralen, und beide Gebäude tragen außen Ziegel. Heute hat das Referat für Stadtplanung und Bauordnung seinen Sitz im Hochhaus. Drinnen fährt einer der wenigen erhaltenen Paternoster auf und ab, hinten raus ist ein winziges italienisches Café.

2. The Seven

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Adresse: Müllerstraße 7

Architekten: Léon Wohlhage Wernick

Fertigstellung: 2014

Gehzeit: 3 Minuten vom Städtischen Hochhaus

Warum es sich lohnt innezuhalten: Nirgendwo sonst lässt sich Gentrifizierung so bestaunen. Im "The Seven" (der Name kommt von der Adresse) liegen einige der teuersten Wohnungen Deutschlands, die ganz oben soll zwischen zwölf und 14 Millionen Euro gekostet haben. Die Schornsteine auf dem Dach sind vom ehemaligen Heizkraftwerk geblieben, sonst sieht alles aus, als hätte jemand die Regieanweisung "luxuriös" befolgt. Ein Foyer mit Concierge, Vasen mit frischen Blumen. Wer hier wohnt, hat nicht einfach eine Klingel oder einen Briefkasten. Die Grundidee, schreiben die Architekten, sei es gewesen, mit der postindustriellen Nutzung ein Stück Innenstadt für die Öffentlichkeit wiederzugewinnen. Ob das gelungen ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Für viele Münchner jedenfalls steht der Turm - mehr noch als die nahen Glockenbachsuiten - für eine Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt, die sie ablehnen.

3. Gärtnerplatz

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Adresse: Gärtnerplatz

Architekten: Franz Michael Reiffenstuel, Max Kolb

Fertigstellung: 1860 (Platz), 1865 (Theater)

Gehzeit: 4 Minuten von "The Seven"

Warum es sich lohnt innezuhalten: Der Gärtnerplatz ist Mittelpunkt des Viertels und einer der schönsten Plätze Münchens. Je nach Jahreszeit schmücken ihn Blumen, mit Gärtnern hat er trotzdem wenig zu tun, wie München-Neulinge alsbald erfahren, dafür aber mit dem Architekten Friedrich von Gärtner. Gestaltet wurde der Platz von Max Kolb, das Staatstheater mit der Hausnummer 3 entstammt den Entwürfen Franz Michael Reiffenstuels. Es wurde als volksnahes Musiktheater im Maximilianstil errichtet und wird derzeit saniert. Gärtner selbst hat unter anderem die Feldherrnhalle, das Siegestor, die Stabi und das LMU-Hauptgebäude gebaut, er hatte also unter Ludwig I. zusammen mit Leo von Klenze recht viel zu tun. Die beiden bedeutenden Baumeister sieht man heute in Büstenform auf dem Platz stehen. Abends bewachen sie alle, die es sich zum Ärger mancher Anwohner mit Bier bei Gesprächen gemütlich machen.

4. Alte Synagoge

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Adresse: Reichenbachstraße 27

Architekt: Gustav Meyerstein

Fertigstellung: 1931

Gehzeit: 2 Minuten vom Gärtnerplatz

Warum es sich lohnt innezuhalten: Zugegeben, die Fassade des Vorderhauses sieht nicht gerade nach Schmuckstück aus. Es geht um das Gebäude dahinter - hier ist die alte Synagoge versteckt. Von der Wiedereinweihung 1947 bis zur Eröffnung des neuen jüdischen Gotteshauses am Jakobsplatz 2007 war sie die Hauptsynagoge Münchens. Während die beiden anderen Synagogen 1938 komplett verschwanden, blieb die Synagoge in der Reichenbachstraße in ihren Grundmauern bestehen. Sie wurde in der "Reichspogromnacht" zwar zerstört, wegen der Nähe der Nachbargebäude aber nicht angezündet. Im Urzustand muss der Bau mit vielen Farben beeindruckt haben - heute ist er allerdings stark sanierungsbedürftig und kann deswegen derzeit nicht besichtigt werden. Aber man kann durch die Glastür in den Hinterhof lugen, wo für viele Münchner Juden ein Teil ihrer Jugend liegt, während die meisten Passanten einfach vorbeigehen.

5. Mietshaus Baaderstraße

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Adresse: Baaderstraße 38

Architekt: unbekannt

Fertigstellung: um 1877

Gehzeit: 5 Minuten von der Alten Synagoge

Warum es sich lohnt innezuhalten: Die Baaderstraße ist mit ihren vielen Altbauwohnungen typisch für die Gegend; beinahe jedes zweite Haus gilt als historisch wertvolles Baudenkmal. Das Besondere an Nummer 38: An dem Mietshaus blättert der orangebraune Putz, eher so, wie man das aus Italien kennt, inmitten der hochsanierten, strahlenden Fassaden des Gärtnerplatzviertels ist es ein mittlerweile seltener Anblick. Das Gebäudes wurde in spätklassizistischer Tradition gebaut. Man sollte sich Zeit nehmen, die Details zu studieren, die Rahmung der Fenster, die Seitenrisaliten genannten Vorsprünge. Ebenso gilt das natürlich für die aufgebrezelten Häuser ringsherum, den Neurenaissance-Bau mit Nummer 17, das Reifenstuel-Gebäude mit Nummer 44, das 2004 den Fassadenpreis des Landeshauptstadt gewann. Benannt ist die Baaderstraße natürlich nicht nach dem Terroristen, sondern nach dem Philosophen Franz Xaver von Baader.

6. St. Maximilian

Info

Adresse: Auenstraße 1

Architekt: Heinrich von Schmidt

Fertigstellung: 1908

Gehzeit: 9 Minuten von der Baaderstraße

Warum es sich lohnt innezuhalten: Weil die Kirche für die Isar das ist, was die Frauenkirche für ganz München ist. Kaum ein Fluss-Foto, auf dem St. Maximilian nicht zu sehen wäre; weil sie das Ufer überragt und wegen der Nähe zur belebten Reichenbachbrücke. Früher wurde die Kirche angeblich sogar "Notre Dame an der Isar" genannt. Was viele nicht wissen: Die beiden Türme trugen einmal achteckige Spitzen. Sie wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört, bis heute blieb es bei den provisorischen Notdächern. Ausgerichtet ist der neoromanische Bau nicht nach Osten, sondern nach Südwest. Im großzügigen, hellen Inneren soll der Hochaltar an ein keltisch-germanisches Ringgrab erinnern und damit das Königreich Bayern mit der Frühzeit verbinden. Es lohnt sich, einen Blick auf den Altar im rechten Seitenschiff zu werfen. Bekannt ist St. Maximilian auch wegen ihres medienaffinen und unkonventionellen Pfarrers Rainer Maria Schießler.

7. Ensemble Hans-Sachs-Straße

Info

Adresse: Hans-Sachs-Straße 17

Architekt: Hans Thaler

Fertigstellung: 1900

Gehzeit: 7 Minuten zur Fraunhoferstraße (U 1,2,7)

Warum es sich lohnt innezuhalten: Die Ecke, an der Westermühl-, Jahn- und Hans-Sachs-Straße aufeinander treffen, zeigt den Charme des ganzen Viertels: mehrere schön renovierte Fassaden scheinen sich gegenseitig anzuschauen, im Erdgeschoss Restaurants, Cafés und Läden, Bäume davor. Die Hans-Sachs-Straße 17 ist ein Neubarock-Eckbau mit Stuckdekor und vielen Erkern, hübsch anzusehen ist auch der verschnörkelte Eingang des Wirtshauses. Läuft man von hier aus die Hans-Sachs-Straße entlang, lässt sich bestaunen, was Denkmalschützer ein Ensemble nennen. Auf beiden Straßenseiten reihen sich Häuser im Stil der Deutschen Renaissance und des Neubarock aneinander, Nischen, Türmchen, Simse, runde Torbögen und geschnitzte Eingangstüren. Alles harmoniert - kein Wunder, ein Großteil der fünfgeschossigen Mietshäuser wurde innerhalb von drei Jahren, zwischen 1897 und 1900, gebaut.