Architektur Im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt

Das Jesuitengymnasium hatte sofort großen Zulauf, im Jahr 1597 zählte man bereits 900 Schüler. Gut 30 Jahre später waren es knapp 1500. In der Stadt, die damals etwa 20 000 Einwohner hatte, waren die Jesuitenzöglinge weit mehr als nur ein verlorenes Häuflein. Und zweifellos war das Kolleg eine Kaderschmiede, an der, gewiss auch im Geist der Gegenreformation, über Jahrhunderte hinweg die bayerische Elite ausgebildet wurde. Die verbreitete Vorstellung, die Jesuiten wären, anders als die Lutheraner, zu jener Zeit von Haus aus rückwärtsgewandt und verstaubten Traditionen verpflichtet gewesen, verkennt, dass es ihnen ja gerade darum ging, die katholische Erneuerung voranzutreiben.

In seinem Buch "Geschichte Münchens" schreibt Richard Bauer, der ehemalige Leiter des Stadtarchivs: "Wer an den Schulen und an der Landesuniversität die nicht nur auf Wissensvermittlung, sondern auch auf Wertvorstellungen und Disziplin angelegte Ausbildung der Gesellschaft Jesu durchlaufen hatte, verfügte über Sachverstand, Bildung und ein hohes Maß an sozialer Verantwortung." Bauer fügt aber hinzu, dass das jesuitische Erziehungsideal "auf einem geschlossenen, religiös zentrierten Weltbild und einer landesväterlichen Herrscherautorität gründete", was dem fürstlichen Absolutismus Fundament und Rahmen lieferte.

Der Stich vom Kupferstecher und Topographen Michael Wening (entstanden um 1700) zeigt, welche Größe und Bedeutung das Wilhelminum für München hatte.

(Foto: SZ Photo)

Nachdem die Jesuiten im 18. Jahrhundert diversen europäischen Mächten lästig geworden waren, hob Papst Clemens XIV. im Jahr 1773 den Orden auf. Damit war auch das Münchner Kolleg am Ende. Wie es mit dem Gebäude weiterging, ist auf einer der beiden Steintafeln aus dem Jahr 1890 zu lesen, welche heute die Fassade an der Neuhauser Straße zieren. Demnach nutzten nach dem Auszug der Jesuiten - Kurfürst Max III. Joseph hatte das betreffende päpstliche Breve am 21. Juli 1773 offiziell verkündet - etliche Hof- und Staatsanstalten den Gebäudekomplex, unter ihnen die Staatsbibliothek (1774-1843), das Kadettenkorps (1775-1826), das Landesarchiv (1784-1844), die Kurfürstliche Maler-, Bildhauer- und Zeichenschule (1781-1809) und das Bayerische Handelsministerium (1842-1866). Überdies beherbergte das Anwesen im 19. Jahrhundert verschiedene Gerichte, das Geheime Staatsarchiv sowie eine Postfiliale.

Auch die Ludwig-Maximilians-Universität hat ihre Münchner Wurzeln im Wilhelminum. Im Jahr 1826 verlegte König Ludwig I. die Universität von Landshut in die Säle des ehemaligen Jesuitenkollegs, wo der Lehrbetrieb bis zum Umzug in die Ludwigstraße anno 1840 ablief. Die Königliche Akademie der Bildenden Künste, die aus der kurfürstlichen Zeichenschule hervorgegangen war, hatte ihren Sitz ebenfalls im Wilhelminum. Der heutige Name "Alte Akademie" mag daher rühren, vermutlich aber hat er noch mehr mit der Kurfürstlichen und später Königlichen (heute Bayerischen) Akademie der Wissenschaften zu tun, die von 1783 bis zum Zweiten Weltkrieg an der Neuhauser Straße ihre Heimat hatte.

In der Nacht zum 25. April 1944 wurden bei einem Großangriff der 5. Bomberflotte der Royal Air Force große Teile der Altstadt sowie anderer Viertel zerstört, bedeutende historische Bauten versanken in Schutt und Asche. Auch von der Alten Akademie blieben nur Teile der Fassade stehen. Die St. Michaelskirche erlitt bei dieser Attacke geringere Schäden, sie wurde bei späteren Bombenangriffen verwüstet.

Nach den Plänen des Architekten Josef Wiedemann erfolgte in den Fünfzigerjahren der Wiederaufbau der Alten Akademie. Was die Fassade zur Neuhauser Straße betrifft, folgte Wiedemann dem Original; der Neubau für das Kaufhaus Hettlage erhielt allerdings eine moderne Anmutung. Über dem Portal des Wilhelminums steht die Inschrift "Bayerisches Statistisches Landesamt" - die Behörde residierte hier bis ins Jahr 2012.

Es mag ein subjektiver Eindruck sein, aber im ersten Moment freut man sich immer, die schöne Renaissancefassade in Verbindung mit der Michaelskirche zu sehen. Und doch fehlt etwas. Wo ist die Aura einer geistigen Wirkungsstätte? Sie ist fort. Erwin Schleich hatte recht, als er 1978 in seinem Buch "Die zweite Zerstörung Münchens" schrieb: "Die Neubauten, die an die Stelle der Alten Akademie getreten sind, sind nicht schlecht, aber eine Gottesburg der Renaissance bilden sie nicht mehr."

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