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Architektur:München hat alles nur geerbt

Erweiterungsbau des Lenbachhauses in München, 2013

Gute Stadtplanung ist eine wissende Balance aus Bewahrung und Veränderung: der vor vier Jahren eröffnete Anbau des Lenbachhauses und im Hintergrund die Propyläen am Königsplatz.

(Foto: Johannes Simon)

Die Architektur hier war einmal mutig und innovativ, manchmal auch irre. Heute ist sie das kaum noch. Denn die Stadt berauscht sich zu sehr an dieser Vergangenheit.

Ganz links im ersten Obergeschoss hängt sich die Bayernfahne in den Wind, rechts davon ist es die papageienbunte Fahne Brasiliens - und das dort oben sieht aus wie das weißrote Gewürfel der Kroaten. Dazwischen: Unterwäsche und Blumen. Am Klingelschild die Namen Ojo, Rahimi oder Jelavic. Wären da nicht die Bayern-Rauten, man käme niemals auf die Idee, dass sich dieses Wohnhaus in München befindet. In einer Stadt, der so etwas wie weltoffene Dynamik so fremd ist, wie es dem Oktoberfest ein paar Gäste aus München sind.

Aber das ist bereits der erste Irrtum, denn tatsächlich gehört München schon lange zu den Metropolen mit hohem Ausländeranteil. Berlin, gerüchteweise eine Weltstadt, ist dagegen geradezu ein preußisches Einheimischen-Dorado, die Schwaben mal ausgenommen. Der zweite Irrtum aber besteht in der Annahme, es gäbe in der Mia-san-mia-Hauptstadt nur Beharrung und keine Dynamik. Kein Tempo und keinen Drive. Keine Visionen und keinen Utopismus. Keinen Mut zur Veränderung. Stimmt eben auch nicht. Jedenfalls nicht so ganz.

Man steht ja gerade vor einer Utopie, die in nur zwölf Monaten zur Realität wurde. Man steht vor einem Bau, den man dem amtierenden Oberbürgermeister und dieser depressiv verstimmten Damit-München-München-bleibt-Rhetorik niemals zugetraut hätte. Verblüfft und hoffnungsfroh steht man daher vor dem von Dieter Reiter initiierten, architektonisch ambitionierten Hybrid-Riegel am Dantebad, einerseits Verkehrs-, andererseits Wohnraum, der in seinem früheren Leben ein toter Parkplatz war.

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Nach nur zwölf Monaten war der Parkplatz mit 100 geförderten, daher günstigen Wohneinheiten überbaut: unten die Blechkisten auf Rädern, darüber ein Leben für Menschen in einem klug konzipierten Holz-Systembau. Es ist das Wunder von München. Geplant hat es Florian Nagler. Der staunt immer noch darüber, wie schnell das alles ging: "Weihnachten 2015 standen wir das erste Mal auf dem Parkplatz, Weihnachten 2016 wurden die ersten Wohnungen übergeben." Wer um die Trägheit des immer komplexer werdenden Bauens weiß, der kommt aus dem Staunen über diesen Geschwindigkeitsrausch nicht heraus.

Das ist Bauen mit dem Warp-Antrieb, also eigentlich Science-Fiction. Es ist ein Beweis für die Existenz architektonischer Tatkraft, politischer Entschlossenheit und unternehmerischen Engagements ausgerechnet dort, wo man diesen Dreiklang der Stadtentwicklung am wenigsten vermutet hätte: in München. Nagler muss deshalb lachen, wenn er erzählt, dass das Bauwerk nach nur zwölf Monaten fertig war, aber die restlichen Pflasterarbeiten "noch einmal vier Monate gedauert haben". Münchens Dynamik: etwas zwischen Warp-Futurismus und Pflasterstein-Elend.

An sich ist das kein Fehler, denn die Geschichte der Stadt ist schon immer eine Abfolge von retardierenden Momenten und kühnem Ausschreiten. Gute Stadtplanung ist eine wissende Balance aus Bewahrung und Veränderung. Zuletzt aber konnte man in München fast nur verzweifeln am Dornröschenschlaf der Stadt.

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Die Stickoxid-Pest, die sich auf der Stadtautobahn wie mit Hilfe einer Kreissäge durch den Englischen Garten fräst und damit eine Landschaftsarchitektur von Weltrang ruiniert: Wie viele Jahrzehnte benötigt man, um einen Tunnel zu realisieren? Oder die unendliche Konzertsaal-Geschichte, die neben dem zu kleinen Berliner Großflughafen zu den Lachern der Nation gehört - und hoffentlich bald ein gutes Ende findet.

Oder der Hauptbahnhof: Ganze Generationen lebten bislang mit einem im halbseitigen Schlaganfall erstarrten Da-reden-wir-noch-mal-drüber-Monument. Erst jetzt geht da etwas voran. Oder der Großteil der neuen Stadtteile: Ramscharchitektur wie aus dem Schlussverkauf - nach Jahren des Bedenkentragens. Vom Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, der sich nach den Olympischen Spielen zu oft schlafen gelegt hat, ist zu schweigen - um nicht in Tränen auszubrechen. München kommt einem vor wie die Hauptstadt der Behauptung ("Radlstadt") und die Metropole der Mutlosigkeit.

München ist zu satt und berauscht vom eigenen Erfolg

Das war einmal anders. Als am Beginn des 19. Jahrhunderts die Alte Pinakothek eröffnet wurde, kannte man sie als die Pinakothek "bei Dachau" - weil sie so weit draußen verwirklicht wurde. Die ganze Maxvorstadt war noch, zumal in ihrer unbegreiflich modernen Orthogonalität, eine ferne Vision. Der Karolinenplatz, heute einer der schönen und zugleich urban-funktionalen Plätze Münchens, galt als derart unwirtlich, dass Ludwig I. die ersten Bewohner in die Palais förmlich zwingen musste. Oder das Maximilianeum, das sich der leidlich verrückte und eben deshalb anregende Architekt Friedrich Bürklein als "point de vue", als Blickfang, ans Ende einer Straße setzte, die noch lange keine Prachtstraße war: Damals wusste man längere Zeit gar nicht, was man mit dem Bau eigentlich anstellen soll. Er war zunächst einfach nur der Schönheit der Stadt gewidmet. Und abgesehen davon erst mal eine sehr irre Idee.

SZ-Dossier "Münchens Architektur"

Wer in München einen Architekturspaziergang machen will, stößt rasch auf die Werke großer Baumeister wie Leo von Klenze oder Friedrich von Gärtner, geht vorbei an weltberühmten Sehenswürdigkeiten. Doch abseits dieser Monumente gibt es viele architektonisch spannende Orte, die auch von der Geschichte Münchens erzählen. Mal stehen sie für eine andere Idee des Wohnens, mal sind sie Symbole gesellschaftlicher Entwicklungen, mal prägen sie ein ganzes Viertel. Die SZ präsentiert in dieser digitalen Sonderausgabe 14 Architekturspaziergänge durch die Stadt, ergänzt um Videos und interaktive Elemente (online unter www.sz.de/architekturmuc). Birgit Kruse

Wer heute darüber nachdenkt, wie die tendenziell auch sehr irre Idee von einem Konzerthaus mitten in der Isar gleich als "unmöglich" verunmöglicht wurde, könnte fast auf die Idee kommen: Ein gestaltungsfreudiger Monarch wäre eigentlich auch mal eine Alternative zu den Bezirksausschüssen und der Stellplatzverordnung. Bogenhausen: Das war die Idee eines Investors. Schwabing: Das war die feindliche Übernahme eines Dorfes vor den Toren der Stadt. Und der alte Flughafen: War, abgesehen davon, dass er eine Idee der Nazis war, einst der modernste Flughafen der Welt. München war tatsächlich schon mal innovativer drauf als heute, wo Ideen dazu verurteilt werden, an jenen Stadtteiloberaufsehern zu scheitern, die insgeheim daran arbeiten, aus München eine Mischung aus Altenstift und Postkartenidyll zu machen. Wobei man ja auch dann noch eine geduckte Angst hätte vor jedem Projekt, das möglicherweise den Widerrist eines Dackels überragt.

Mittlerweile fehlt einem der nach Berlin emigrierte Stephan Braunfels, also ein Architekt mit Vorstellungskraft. Er hat sich ausgedacht, wie aus der infernalischen Sonnenstraße ein großstädtischer Boulevard werden könnte. Das Inferno ist geblieben. Und aus dem Marienhof hätte er einen Platz gemacht. Die Verlegenheitslösung ist geblieben. Braunfels sagt heute: "Münchens Weltruf nährt sich fast ausschließlich von den königlichen Bauten, Straßen und Plätzen des 19. Jahrhunderts." Vernichtend fügt er hinzu: "Fast in jeder Stadt der Welt sind in den letzten Jahrzehnten aufregendere Gebäude entstanden als in München."

Vielleicht ist das ja auch die Erklärung dieser lähmenden Sattheit: München ist noch immer zu besoffen vom Himmel aus "blauer Seide" und der Kunst, auch der Baukunst, die "ihr rosenumwundenes Zepter" über die Stadt hinstreckt (aus "Gladius Dei" von Thomas Mann). Zu satt und zu berauscht von sich und seinem Erfolg ist es, um zu begreifen: Das wurde früher erwirtschaftet. Heute lebt man an der Isar vom Geld jener Global Player, die gerne in die Berge und an die Seen des Voralpenlandes gehen. Und in jene Museen und Theater, die unsere Generation geerbt hat. München steht zwergenhaft auf den Schultern früherer Riesen. Und angesichts der gloriosen Vergangenheit stellt sich die Frage: Welche Ideen hat die Gegenwart, um ähnlich vital und strahlend in die Zukunft zu gelangen?

Doch, es gibt bisweilen Talent und Entschlossenheit. Wer durch München streift, begegnet einem Stück Mut hier oder einer Portion Vision dort. Der BMW-Welt etwa. Oder dem Schwabinger Tor. Der Allianz-Arena oder einer Aussegnungshalle in Riem, die so grandios ist, dass sie in der Werbung schon als mondäne Villa inszeniert wurde. Was natürlich eine Frechheit ist - eine anregende. Wie Intarsien ruhen singuläre Überraschungen im Stadtgrundriss einer immer noch schönen und liebenswerten Stadt, die man manchmal einfach aus Verzweiflung ohrfeigen möchte. Damit sie endlich mal richtig wach wird.

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