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Architektur:Ein unfassbar teures Desaster - vom Ackermannbogen bis zum Hirschgarten

München, die teuerste Stadt Deutschlands, über Jahrhunderte als Stadtschönheit gepriesen und als Lebensraum gelobt, wird auf diese Weise immer mehr zum Discountnebenraum, wo Schachteln und Kisten lieblos aufeinandergestapelt im Weg herumstehen. Insofern ist der neue Wohnungsbau in München zwar kein Fall für die Polizei, wie noch zu Zilles Zeiten, als viele Menschen in dunklen und feuchten Behausungen eher vegetieren als leben mussten. Aber das neue Wohnen in München ist alles in allem dann doch dies: ein unfassbar teures Desaster. Mit sporadisch aufflackernden Lichtblicken.

Baumkirchen Mitte

Das Viertel im Osten von München gehört teilweise zu den Lichtblicken, es hat Schwung und Dynamik. Die organisch angeordneten Baukörper lassen immer wieder neue, oft verblüffende Räume und Perspektiven entstehen. Differenzierte Bauhöhen verstärken diesen Eindruck. Das ist das Gute an einem Ort mit einem sehr seltsamen Namen, denn man fragt sich stets, wo wohl Baumkirchen Rand sein könnte. Die teilweise expressiv formulierten, teilweise zurückhaltend backsteinern akzentuierten Fassaden sind abwechslungsreich und fügen sich doch zu einem Ganzen. Die Idee mit den privat oder gemeinschaftlich nutzbaren Dachgärten ist bemerkenswert.

Architektur âē wie schön sind Münchens Neubauten

"Baumkirchen Mitte" bietet überraschende Perspektiven.

(Foto: Florian Peljak)

Trostlos ist eigentlich nur eines: Dass das neue Stadtviertel offenbar vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen bleiben muss. Warum sonst öffnet sich das gesamte Areal zur Straße in Form einer gigantischen, fensterlosen Aldi-Wand (samt Rewe, Tiefgarage und so weiter) auf der einen Seite - sowie in Form eines noch zu erbauenden Bürohauses auf der anderen Seite? Schön, dass das Aldi-Mehrzweck-Warenhaus endlich einmal nicht nach Aldi aussieht. Dumm nur, dass der durchaus hübsche Betonfertigteilkubus alle Maßstäbe zunichte macht. Eine Tiefgarageneinfahrt zum Discounter als Entree zu einem neuen Viertel: So etwas gibt es nur in München.

Domagk-Park

Das Baustellenschild offeriert hier die demnächst entstehenden "Parklogen Schwabing" im Münchner Norden. Das wirft drei Fragen auf. Wo ist der Park? Wo sind die Logen? Und wo ist Schwabing? Es gibt offenbar eine Grundregel: Je fantasievoller der Projektname, desto ärmlicher das Projekt selbst. Die Parklogen Schwabing sind so etwas wie der neue Münchner Wohnungsbau in Reinform: ein orthogonal verschuhschachteltes Etwas, das aus Fensterlöchern, einem Flachdach und Balkonen besteht. Wenn das die Logen sind, will man die billigeren Plätze gar nicht kennenlernen.

Architektur âē wie schön sind Münchens Neubauten

Das Neubaugebiet "Domagk-Park" auf einem ehemaligen Kasernenareal im Münchner Norden.

(Foto: Florian Peljak)

Farblich variieren die meist einfallslosen, oft sogar ärmlich und billig wirkenden Fassaden der Umgebung die Themen Steingrau I, Steingrau II, Schiefergrau und etwas, was man vielleicht als Matschpampe bezeichnen könnte. Ein Ort der Tristesse ist das selbst dann, wenn man endlich den Park, der ein kleiner Grünzug ist, entdeckt.

Parkstadt Schwabing

Das Bemühen um die Erdgeschosszone verdient Anerkennung. Ein Fahrradladen, Büros, Werkstätten und "Münchens erstes Genossenschaftsgasthaus" können die Parkstadt urbanisieren. Das gilt auch für die zentrale Platzgestaltung, die gelungen ist. Aber auch hier wurde letztlich wieder der gleiche Fehler wie in allen anderen Stadtvierteln begangen: Man trennt das Wohnen vom Arbeiten, man trennt das Arbeiten vom Einkaufen, und man trennt das Einkaufen vom Essengehen. Dass man die Büros dann "Park.Gate" oder den Touristikladen "Parkstadtreisen" nennt, macht das Fehlen eines wirklichen Parks nur umso schmerzlicher bewusst. Das Viertel ist steinern, ohne städtisch zu sein. Und grün, ohne ein Park zu sein.

Schwabinger Tor

Entstanden dort, wo sich unweit des Tantris gleich die Metro-Kühltruhen befanden, besteht das Konzept des Schwabinger Tors an der Leopoldstraße unter anderem aus "Carsharing" und "Coworking". Man ist also mondän hier. Wenn nicht smart. Und, natürlich, teuer. Davon abgesehen ist man glücklich in der grundsätzlich geduckten Stadt München, die immer noch gerne Olching wäre, endlich einmal nach oben schauen zu dürfen: Dichte! Höhe! Städtisches! Es ist großartig.

Von hier aus, wo im zehnten Stock von "Leo 180" an der südöstlichen Ecke der Eames Chair steht, sieht man ihn übrigens endlich mal: den Englischen Garten, den Park. Hier wäre der Name berechtigt. Das Schwabinger Tor jedenfalls ist stadträumlich ein Genuss, die steinernen Fassaden sind (meist) geglückt: München ist hier mehr Manhattan als sonstwo. Das ist schön, wenn auch eben nicht Olching. Abgesehen davon ist es ein Stadtteil für mondäne Carsharer und Coworker. Wir anderen Menschen dürfen zum Gucken kommen und wenn wir sparen, dann reicht es auch für einen Espresso beim schicksten Bäcker der Stadt.

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