Architektur-Debatte:Eine Frage der Strahlkraft

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G-20 summit in Hamburg

Die Elbphilharmonie in Hamburg gilt als Maßstab für München.

(Foto: Christian Charisius/Reuters)

Demnächst soll eine Jury den Siegerentwurf für das Konzerthaus küren. Doch am Ablauf des Wettbewerbs gibt es erneut Kritik

Von Michael Zirnstein

In gut zwei Wochen soll eine Jury den Sieger im Architektenwettbewerb für das Konzerthaus im Werksviertel küren. Doch nachdem bereits Stephan Braunfels mit seiner Klage beim Oberlandesgericht (OLG) abgeblitzt ist, erhebt ausgerechnet jetzt ein weiterer Architekt Einspruch gegen den Wettbewerb. Der Anlass ist ähnlich: Wie Braunfels für die Pinakothek der Moderne ist auch Volker Giencke aus Graz für seine als Referenzbau eingereichte "Great Amber"-Konzerthalle im lettischen Libau in der entscheidenden Disziplin "Originalität, Innovation und gestalterische Qualität" abgekanzelt worden: Nur 60 von 150 möglichen Punkten gab ihm die Jury. Wie Braunfels wurde er gar nicht erst zum Wettbewerb zugelassen. Der Professor der Universität Innsbruck ist "nicht gekränkt". Er ist "wütend". Und wie Braunfels verweist er auf acht Preise, die sein Siegerentwurf, die größte Konzerthalle des Baltikums, gewonnen hat.

Damit hören die Gemeinsamkeiten mit Braunfels aber auch schon auf. Anders als der Berliner wittert Giencke keine Verschwörung gegen sich oder sein Büro. Und er will auch nicht vor Gericht ziehen: "Ich klage nicht, ich beklage mich." Dies aber heftig. Seine Kritik gilt der Art, wie das Staatliche Bauamt die Teilnehmer ausgesucht habe. In dem Gremium seien nur Architekten, die aus dem Umfeld der TU München kämen und eine "rigide, schweizerische Architektur" verfolgten. Auch wenn er für "solche subtilen Kisten durchaus Verständnis" habe, ist Gienckes Linie doch eine andere: "Architektur muss für mich ein visuelles Erlebnis sein." Wenn ein Wettbewerb wie der zum Konzerthaus schon die "planerisch-gestalterische Leistungsfähigkeit" der Büros ermitteln soll, dann brauche es auch ein Gremium, das diese beurteilen könne. "Wirkliche Konzerthallen-Architekten waren in München aber nicht dabei", sagt Giencke. Ein Vorwurf, den das zuständige Innenministerium zurückweist. "Die Bewertung wurde vom Bauamt unter Beratung durch zwei namhafte Professoren und einen Bauamtsleiter vorgenommen", heißt es. Zu dem habe das OLG im Verfahren um Braunfels "die grundsätzliche Korrektheit des Auswahlverfahrens bestätigt".

Volker Giencke, der selbst das Preisgericht für das Künstlerhaus in Graz leitete, schlägt für künftige Projekte grundsätzlich Neues vor: Wer ein modernes Wahrzeichen wie die Elbphilharmonie in Hamburg möchte, brauche schon im Vorfeld ein Bewertungsgremium mit Strahlkraft. In München hatte das Bauamt sechs namhafte Architekten für den Wettbewerb als gesetzt erklärt, darunter Herzog & deMeuron, die Erbauer der Elbphilharmonie, und Frank Gehry, der die Disney Concert Hall geschaffen hat. Solche Namen hätten als Juroren verpflichtet werden müssen: "Was hätte das für einen Hype unter den jungen Architekten gegeben!" Und den brauche es, "wenn man etwas Neues, Großartiges will."

In der Jury, die in zwei Wochen den Sieger kürt, fehlen solch internationale Namen, dafür sind namhafte Münchner Architekten wie Markus Allmann als Fachpreisrichter dabei. Problematisch könnten am Ende die Sachpreisrichter sein: Außer Ministerpräsident Horst Seehofer und OB Dieter Reiter sind noch drei Minister, zwei Stadträte und ein Bezirksausschussvorsitzender vertreten. Für die einzigen beiden Musiker unter den Juroren dürfte die Teilnahme knifflig werden: Bariton Christian Gerhaher muss am Abend des ersten Jury-Tages die "Figaro"-Premiere an der Staatsoper singen; Dirigent Mariss Jansons soll zur selben Zeit in Amsterdam dirigieren.

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