Architektur Bitte einmischen

Seit Oktober arbeitet Benedikt Boucsein an der TU München. "Er ist ein sehr frischer Kollege, der fachlich beschlagen ist und präzise argumentiert", urteilt Dekan Andreas Hild.

(Foto: Florian Peljak)

Schluss mit dem verschwenderischen Lebensstil: Benedikt Boucsein ist neuer Professor für Urban Design. Ihn treibt die Frage um, wie sich die Lebensgrundlagen so erhalten lassen, dass die Städte auch für die nächsten Generationen noch funktionieren - diese Debatten will er führen

Von Sebastian Krass

Es ist diese eine Feststellung, die Benedikt Boucsein schon mehrmals gehört hat, seit er wieder in Deutschland lebt. Wenn er davon erzählt, imitiert er den Gesichtsausdruck der Menschen, die ihm die Frage stellen, irgendwo zwischen erstaunt und fassungslos. Der Satz dazu ist: Ach so, Sie haben kein Auto.

15 Jahre hat Boucsein in Zürich gelebt, neben der deutschen hat er inzwischen auch die Staatsbürgerschaft der Schweiz. Seit Oktober nun ist München der neue Lebensmittelpunkt für ihn und seine Familie. Und Boucsein, 38, merkt, dass ihm einige kulturelle Dinge in Deutschland fremd geworden sind. Das Leben in der Schweiz fühlte sich liberaler, unkomplizierter an. "Aber was mir am meisten auffällt, ist die Dominanz des Autos und welche Rolle es hier im Alltag spielt", sagt Boucsein. Er merkt es jeden Tag, wenn er die zwei Blocks von seiner Wohnung zum Büro in der Architektur-Fakultät der Technischen Universität (TU) München an der Ecke Luisen-/Gabelsbergerstraße zurücklegen will: "Mit dem Fahrrad geht das nicht wirklich." Denn der Straßenraum dort ist primär nach den Bedürfnissen des Autoverkehrs gestaltet. Das passt wiederum zu seinem neuen Job, in dem es darum geht, wie Städte sich entwickeln sollten, damit Menschen dort auch künftig gut leben können.

Seit dem 1. Oktober ist Benedikt Boucsein Professor für Urban Design. Er ist Nachfolger der emeritierten Sophie Wolfrum, die 15 Jahre lang den Lehrstuhl für Städtebau und Regionalplanung geleitet hat. Eines ihrer großen Themen war die Knappheit von Wohnraum in München - und was man dagegen tun kann. Wenn man den Bogen noch weiter spannt, ist Boucsein auch Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Theodor Fischer, der als Architekt, Hochschullehrer und Leiter des Stadterweiterungsbüros das Gesicht Münchens geprägt hat. Sein größtes Vermächtnis ist die Staffelbauordnung von 1904 - mit der städtebaulichen Idee, dass München abgestuft und nach außen hin flacher und lockerer werdend wachsen soll. Boucsein sieht in diesem Erbe "einen Ansporn und eine Verantwortung". Aber er sagt auch: "Ich will nicht versuchen, in Fußstapfen zu treten. Es ist eine andere Zeit."

Architektur und Städtebau an einer Universität - da ist man versucht, an visionäre, manchmal auch spinnerte Studien für Neubaugebiete und Häuser der Zukunft zu denken, die Studierende sich ausdenken. Doch das ist nicht der Schwerpunkt von Boucseins Arbeit. Er beschäftigt sich vor allem mit dem, was schon da ist - und wie man das weiter entwickelt. Und ihn treibt die Frage um, wie sich die Lebensgrundlagen so erhalten lassen, dass die Städte und damit die Gesellschaft insgesamt auch für die nächsten Generationen noch funktionieren. "Auf so großem Fuße wie jetzt zu leben, das wird in 30 Jahren nicht mehr gehen", sagt Boucsein.

Zum Gespräch bittet er in sein improvisiertes Büro. Der Schreibtisch steht etwas verloren hinten in der Ecke eines fast saalartigen Raums. Das Bücherregal besteht aus auf die Seite gestellten Umzugskisten. Am meisten Platz nimmt ein großer Besprechungstisch ein. Boucsein und seine vier neu eingestellten Mitarbeiter müssen noch überlegen, wie sie ihre Räume organisieren.

Der Verkehr ist ein großes Thema für Boucsein. "Seit 2000 Jahren bewegen sich die Menschen im Durchschnitt etwa eine Stunde am Tag", sagt er. "Der technische Fortschritt hat dabei nicht zu einer Entlastung geführt, sondern dazu, dass wir größere Strecken zurücklegen. Mich interessiert die Frage, was passiert, wenn der Radius sich wieder verringert, wenn Bewohner einer Stadt also weiterhin eine Stunde am Tag unterwegs sind, aber dabei weniger Kilometer zurücklegen und damit auch Ressourcen schonen."

Boucsein hat an der Uni in Aachen und an der ETH Zürich Architektur studiert. Dort blieb er nach dem Abschluss als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Parallel baute er mit zwei Partnern ein Architekturbüro in Zürich auf. München muss Boucsein erst noch kennenlernen. Aber seine Themen, die auf Anhieb sehr übergeordnet wirken, passen gut zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatten des Alltags. Wie lässt sich das Wachstum sinnvoll regeln? Wie muss der Verkehrsraum künftig aufgeteilt werden? Boucsein spricht mit Leidenschaft über diese Fragen. Er will sich auch nicht mit seiner Forschung in der Uni verkriechen, er will sich in die Debatten einbringen, "den Dialog mit der Gesellschaft suchen". Er denkt an Veranstaltungen oder an "Reallabors", also wissenschaftliche Arbeiten, bei denen die Öffentlichkeit eingebunden ist.

Als Hochschullehrer hat Boucsein einen hehren Anspruch. Er will seinen Studierenden vermitteln, "dass ihre Generation entscheidend dafür ist, ob diese Gesellschaft weiter bestehen kann, und dass sie sich einmischen sollen. Ich werde ihnen sagen: Lasst euch nicht einlullen." Zu seinem Job gehört eine in diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzende Aufgabe: Boucsein ist auch zuständig für die Ausbildung von Baureferendaren, also jenen Menschen in der Verwaltung, die die Entwicklung der Städte maßgeblich prägen. "Das Beispiel Theodor Fischer zeigt, wie wichtig es ist, eine starke und gute städtebauliche Verwaltung zu haben", sagt Boucsein.

Die Motivation, die dieser Mann ausstrahlt, hat auch die Berufungskommission an der TU überzeugt - wie übrigens auch an der Uni Karlsruhe, wo sie ihm ebenfalls eine Professur gegeben hätten, aber gegenüber der größeren Fakultät in München das Nachsehen hatten. "Er ist ein sehr frischer Kollege, der fachlich beschlagen ist und präzise argumentiert", sagt Dekan Andreas Hild. Dass Boucsein sich in seiner Arbeit auch mit der Entwicklung Münchens beschäftigt, gehört für Hild dazu.

Sie haben Boucsein auch deshalb berufen, weil er sich "mit einem der wesentlichen Themen der nahen Zukunft", wie Hild es nennt, gut auskennt: dem Umgang mit der Nachkriegsarchitektur. Erhalten? Umbauen? Erweitern? Das sind Fragen, die in den nächsten Jahren an vielen Stellen der Stadt aufkommen werden und die ein Schwerpunkt der Fakultät sind. Hild etwa hat mit zwei Kollegen eine Zukunftsstudie für Neuperlach entworfen, die im Dezember öffentlich vorgestellt wird.

Boucsein hat sich in seiner Doktorarbeit am Fallbeispiel Essen mit "grauer Architektur" beschäftigt, also mit dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, der das Gesicht vieler deutscher Städte prägt. Boucsein erkennt darin einen "kulturellen Wert", der bisher nicht hinreichend anerkannt werde. Aber er erinnert auch daran, dass die Bewertung von Architektur nie abgeschlossen ist: "In der Nachkriegszeit fand man die Architektur der Gründerzeit hässlich und hat den Stuck abgeschlagen, weil sich Dreck darin gefangen hat." Heute sind diese Viertel in München die begehrtesten. So muss es mit Nachkriegsbauten nicht kommen, aber Boucsein kämpft dafür, bei anstehenden Sanierungen und Umwandlungen sensibel vorzugehen.

Boucsein denkt dabei etwa an die Steinheil- oder die Enhuberstraße, in direkter Nachbarschaft zu seiner Uni. Eines ist ihm gleich aufgefallen, als er nach München kam: dass auch diese Bauten schmucker aussehen als anderswo, "nicht so trashig wie im Ruhrgebiet". Dennoch verschwinden diese Gebäude immer wieder, damit Platz entsteht für Neubauten, gerade auch in der Maxvorstadt. An Gelegenheiten, sich einzumischen, wird es nicht fehlen für Benedikt Boucsein.