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Architektenwettbewerbe und "städtebauliche Bubenstreiche":Die Angst der Bauherren, dass Fürchterliches passiert

Wie ein Architekt und SZ-Leser die Städteplanung in München sieht und warum der Schnee von morgen ein Problem werden könnte

Gut gebaut? Das München-Stadtmodell Jakob Sandtners von 1570, als Kopie zu sehen im Stadtmuseum.

(Foto: Robert Haas)

"Mehr Offenheit, mehr Abwechslung" vom 11. Januar und die Münchner Debatte über die Qualität von Neubauten:

Vielen Dank für den gut recherchierten Artikel. Ich möchte behaupten, mit unserem Architekturbüro für die Planung von überdurchschnittlich viel Wohnraum in München verantwortlich zu sein. Viele Projekte haben wir selbst entworfen, wir werden aber oft auch um Hilfe bei der Ausführungsplanung gebeten, wenn diese den Entwurfsarchitekten nicht mehr zugetraut wird. Grund dafür war noch nie der Ansatz der Kostensenkung, sondern immer nur die Angst der Bauherren, dass sonst Fürchterliches passiert.

Bei der Planung von größeren Wohngebäuden ist es in München üblich, dass eine Kindertagesstätte oder geförderter Wohnungsbau zu integrieren sind. Es handelt sich dann um komplexe Bauaufgaben, die eine große Erfahrung erfordern, und es ist aus meiner Sicht durchaus von Vorteil, wenn diese in München gemacht worden ist. Fragen wie "wann gelten welche Normen", "wie ist die Bayerische Bauordnung zu interpretieren" sollten nicht mehr im Planungsprozess diskutiert werden müssen. Ich halte es also für unverantwortlich, junge Architekten und auch Kollegen aus dem Ausland da alleine laufen zu lassen.

Wir erleben hier regelmäßig nach städtebaulichen Wettbewerben nicht mehr zu korrigierende Fehler, die zu städtebaulichen Bubenstreichen führen, weil sich vorher keiner Gedanken gemacht hat, wie die Ideen in der Realität umgesetzt werden können. Fünf-Zimmer-Wohnungen, bei denen alle Kinderzimmer über das Wohnzimmer erschlossen werden (hat einer von den jungen Kollegen drei Töchter im pubertierenden Alter?), Zwei-Zimmer-Wohnungen mit 100 Quadratmeter (wer soll die in München noch bezahlen?) und Ähnliches sind da noch die kleinsten Übel. Es wir hier oft einfach an den geltenden Vorschriften vorbei geplant.

Gute Wohnarchitektur erkennt man nicht auf den ersten Blick im Wettbewerb an einem bisher nicht dagewesenen Baukörper oder einer noch nie gesehenen Fassade. Wer soll überhaupt mehr als fünf Projekte noch an einem Tag angemessen beurteilen können? Hier möchte ich anmerken, dass es meistens einen guten Grund gibt, warum der eine oder andere Ansatz bisher nie umgesetzt wurde. Ich halte es sowieso für seltsam, dass es bei Wettbewerben immer wieder gelingt, 300 Architekten einen Monat ohne Honorar mit Arbeit vollzuklatschen, weil am Ende einer eventuell den Auftrag erhält. Im Falle des letzten Wettbewerbes am Mc-Graw-Graben vor mehr als zehn Jahren sogar, ohne dass sich jemand überhaupt näher mit den Ergebnissen beschäftigt hat. Würden andere Berufsstände auch reihenweise umsonst arbeiten? Würden Sie einen jungen Arzt an ihre Herz-OP lassen, weil der alte eventuell zu abgebrüht erscheint?

Gute Architektur bedeutet aus meiner Sicht lange Erfahrung. Nette Bilder und witzige Ideen helfen uns da nicht weiter. Ich bin zum Beispiel schon gespannt, wie die Kollegen an dem von ihnen zitierten Konzertsaal im Werksviertel mit dem aktuellen Problem der abrutschenden Schneemassen bei ihrem Dach umgehen wollen... Michael Biedermann, München