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Architektenentwurf zu teuer:Junge Genossenschaft stößt mit Bauprojekt an finanzielle Grenzen

Dieser Entwurf für ein Gemeinschaftswohnhaus hatte Platz zwei im Wettbewerb gemacht. Nun ist er auf Platz eins gerückt.

(Foto: Summacumfemmer Architekten)
  • Vor zwei Jahren hat sich die Genossenschaft "Kooperative Großstadt" gegründet.
  • Nun ist klar, dass das erste Bauprojekt anders aussehen wird, als ursprünglich geplant.
  • Der Grund: Die Kosten waren zu hoch.

Von Anna Hoben

Auf ihrer Facebook-Seite hat es die Kooperative Großstadt schon kundgetan, ausgerechnet am Sonntagabend, eine halbe Stunde nach der ersten Prognose zur Bundestagswahl. Dass ihnen die jüngsten Entwicklungen trotzdem einiges an Aufmerksamkeit einbringen werden, ist den jungen Genossen aber natürlich klar. "Es ist schon unglücklich, dass wir so schnell unsere selbst gesetzten Ansprüche nicht erfüllen können", sagt Vorstandsmitglied Christian Hadaller.

Die selbst gesetzten Ansprüche, sie waren hoch und sind es selbstverständlich noch. Die vor knapp zwei Jahren gegründete Wohnungsbaugenossenschaft will zugleich eine Plattform für Wohn- und Architekturdebatten sein, ein Akteur auf dem Münchner Wohnungsmarkt werden - und diesen auch verändern. Mit frischen Ideen, mit einer offenen Diskussionskultur, mit Transparenz. Für ihr erstes Projekt namens San Riemo, ein Gemeinschaftswohnhaus für ungefähr 100 Bewohner in der Messestadt Riem, schrieben sie einen offenen Wettbewerb aus, es war in München der erste dieser Art seit Jahrzehnten.

Im Juli kürte eine hochkarätig besetzte Jury einen Siegerentwurf. Jeder, der wollte, konnte der Entscheidungsfindung beiwohnen; es gab lange, zum Teil auch zähe Diskussionen, am Ende aber herrschte Feierlaune. Es folgten erste Verhandlungen mit dem Siegerbüro, drei jungen Architekten aus Zürich. Mit San Riemo hätten sie ihr erstes Haus verwirklicht. Doch die Feierlaune schlug alsbald in Katerstimmung um: Der Entwurf, so merkten die Genossenschaftler, war zu teuer.

Die Architekten überarbeiteten ihren Entwurf, das Gleiche taten die Zweit- und Drittplatzierten. Die Kooperative Großstadt ließ sich von Experten beraten und die Projekte auf Wirtschaftlichkeit überprüfen. Dabei bestätigte sich, dass der Siegerentwurf mit dem Budget für San Riemo - 6,7 Millionen Euro - nicht umsetzbar gewesen wäre, dass die realen Kosten immer noch "deutlich abgewichen" wären.

Also wieder zurück auf Los: Neue, wöchentliche Treffen mit den künftigen Bewohnern wurden einberufen. Am Anfang herrschte Unverständnis. "Es gab sehr intensive Diskussionen", berichtet Hadaller. Nach dem ersten Schock hätten die Genossen den Schritt aber positiv aufgenommen. Ein Gutes hätten die Debatten zudem gehabt: Die Bewohner seien sich noch bewusster geworden, was sie sich erwarten vom Gemeinschaftswohnen, präziser geworden in ihren Wünschen. Nämlich, dass sie doch mehr klassisches Wohnen wollen und etwas weniger Gemeinschaft.

Vorstand und Aufsichtsrat der Genossenschaft fällten schließlich eine neue Entscheidung. Eine reine Bauherren-Entscheidung, in welche die Jury nicht mehr eingebunden war. Die war, vorsichtig ausgedrückt, mit diesem Vorgehen zunächst natürlich nicht ganz zufrieden. Verständlich, immerhin stellt die Vorgehensweise die Jury-Entscheidung infrage. Vorstandsmitglied Hadaller gibt sich denn auch selbstkritisch: "Wir hätten von Anfang an stärker auf die Wirtschaftlichkeit hinweisen sollen. Es geht hier um kostengünstigen Wohnungsbau." Man könne beim Planen und Bauen in München eben keine Zürcher Maßstäben ansetzen.

Die ersten Genossen können wohl in drei Jahren einziehen

Die vergangenen Wochen waren für ihn und seine Kollegen eine strapaziöse Zeit. Weil sie wissen, was die Entscheidung für die ursprünglichen Gewinner bedeutet. Weil sie zuallererst ihren Mitgliedern verpflichtet sind, die in dieser Woche ihre Genossenschaftsanteile einzahlen, wofür die Kooperative ihnen im Gegenzug eine Wohnung zusichert. Und, klar, wegen der Sache mit den eigenen Ansprüchen.

Nun haben sie ein neues Haus. Entworfen haben es die Leipziger Architekten vom Büro Summacumfemmer (Florian Summa, Anne Femmer) und Juliane Greb. Auch für das 2015 gegründete Büro wird es das erste Projekt sein, das realisiert wird. "Wir hatten uns schon über den zweiten Preis gefreut, und dann natürlich noch mehr, als die Möglichkeit kam, das Projekt zu überarbeiten", sagt die Architektin Anne Femmer. Ihr San Riemo haben sie flexibel gestaltet. "Man könnte sich überall im Haus Räume teilen, aber man muss nicht." Gemeinschaftlich genutzte Räume könnten später wieder zu Individualräumen werden.

Bis die ersten Genossen in voraussichtlich drei Jahren nach San Riemo ziehen, wird es sicherlich noch viele schwere Entscheidungen geben. Im Oktober steht erst einmal der Grundstückskauf an. Und man kann sagen, dass die Kooperative Großstadt auch in der Stadtpolitik schon eine Debatte angestoßen hat. Die Grünen-Fraktion im Stadtrat wünscht sich in einem Antrag nun mehr offene Architektenwettbewerbe, die Stadt solle entsprechende Vorgaben entwickeln. Die Kommunalpolitiker versprechen sich davon mehr Vielfalt. Bisher seien Wettbewerbe "fast immer beschränkt und mit Einladung von bereits etablierten Büros". Auch Jurysitzungen sollten offen für alle sein. Als Vorbild nennen sie: die Kooperative Großstadt.

© SZ vom 27.09.2017/axi

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