Archäologie:Das große Graben

Bei Bauarbeiten werden in und um München immer wieder Relikte aus der Vergangenheit im Boden gefunden. Sie reichen von der Steinzeitsiedlung bis zur Römerstraße - acht Beispiele aus jüngster Zeit.

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Quelle: SZ

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Die ersten Bauern: Getreide aus der Steinzeit am Haspelmoor

Unkontrollierte Einwanderung brachte den Fortschritt nach Bayern. Die Migranten aus dem Nahen Osten kannten Ackerbau, Keramik und Viehzucht. Erste Dörfer entstanden um 5500 vor Christus. Möglicherweise hatten ein paar Jäger und Sammler am Haspelmoor im Westen des Landkreises Fürstenfeldbruck die Nase vorn. Der Archäologe Robert Graf hat Funde aus der mittleren Steinzeit ausgewertet und festgestellt, dass Obsidianfragmente von der griechischen Insel Melos stammen. Eine solch weitreichende Verbindung ist spektakulär. Die zweite Erkenntnis: Möglicherweise wurde dort schon vor etwa 7700 Jahren Getreide angebaut. Jedenfalls gibt es Indizien aufgrund der Pollenanalyse, die der Archäologe Michael Peters, ein Spezialist für Vegetationsgeschichte, vorgenommen hat. Er vermutet, dass damals noch kein regulärer Ackerbau betrieben wurde, weil es dafür zu nass und zu kalt war. Vielleicht aber haben die Menschen mit Holzstöcken einzelne Löcher für die Körner gegraben und dann experimentiert. bip

Archäologische Erschließung des Baugebiets Freiham in München, 2014

Quelle: Catherina Hess

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Spätantike Einblicke: Freihamer Funde wissenschaftlich wertvoll

Wo auch immer in der Region großflächig Humus abgeschoben wird, um Platz zum Bauen zu schaffen, da können Archäologen fündig werden. So auch in Freiham: Wo ein neuer Münchner Stadtteil entsteht, wurde ein Gräberfeld aus der Spätantike entdeckt, von dem sich die Wissenschaftler Aufschlüsse über den Untergang des Römischen Reichs, die Völkerwanderung und das entstehende Bayern erhoffen. Die 20 Grabstellen in Freiham Nord sind eine Schatzkammer - für die Wissenschaft, wertvolle Funde aus Gold und Silber wurden nicht gemacht. Die Entdeckungen geben Einblick in eine Zeit, als auf den Trümmern des römischen Reichs Bayern entstand. Eine Siedlung haben die Archäologen bisher noch nicht gefunden. Schon bald sollen die späten Nachfahren Freiham erneut besiedeln. Mehr als 80 Hektar Fläche müssen davor noch ausgegraben werden. Viel Platz für Häuser aus der Spätantike. kg

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Quelle: Arlet Ulfers

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Kreuzung der Römer: Bei Gauting mündeten zwei Straßen

In Gauting haben sie die Würm überquert, die berittenen Boten, die Anweisungen aus Rom zum Bodensee oder nach Augsburg zu bringen hatten. Zwei Römerstraßen nach Salzburg kommen hier zusammen. Von einem "antiken Autobahnkreuz" spricht scherzhaft der Archäologe Stefan Mühlemeier, der derzeit Gelegenheit hat, weitere Relikte der Vergangenheit zu bergen. Bei Bauarbeiten für eine Flüchtlingsunterkunft am Gautinger Ortsrand ist auch ein Stück der Römerstraße zum Vorschein gekommen. Seit Bagger das Erdreich weggeschoben haben, zeigt eine braune Verfärbung im Kiesboden den Verlauf der Route, die zur Keltenschanze in Buchendorf, über die Isar und zur Sauerlacher Keltenschanze ostwärts führt. Dass hier eine Römerstraße verläuft, war bekannt, wo genau sie sich befand, ist erst jetzt geklärt. Damit können die Altertumsforscher auch die Lage des römischen Bratananium besser erklären. rzl

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Quelle: Hartmut Pöstges

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Unikat zum Trinken: Münsinger Schale aus der Hallstattzeit

In der Hallstattzeit von 800 bis 450 vor Christus pflegten die Kelten intensiven Kulturaustausch mit der mediterranen Welt. Das zeigt ein einfüßiges Trinkgefäß aus einem Gräberfeld am südlichen Ortsrand von Münsing. Seinen Recherchen nach sei noch kein vergleichbares Stück nördlich der Alpen gefunden worden, sagt der Archäologe Markus Fagner. Das nur noch in Scherben erhaltene henkellose Gefäß, auch als Calix bezeichnet, sei zwar nicht im italischen Raum gefertigt, orientiere sich aber an der dortigen Formensprache. Die geometrischen Ritzverzierungen mit Dreiecks-Bändern sind typisch für die Hallstattzeit. Der Archäologe und sein Team haben auf der Baustelle im Juli 2015 insgesamt drei Hügel- und acht Nebengräber freigelegt. Neben der Trinkschale kamen Kegelhalsgefäße für Grabbeigaben, das Fragment einer Bronzenadel und eine Silex-Pfeilspitze aus der Zeit um 2000 vor Christus zutage. bene

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Quelle: Catherina Hess

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Ein Garten für Urnen: Grünwalder Funde aus allen Epochen

Unten der Fluss mit Wasser und Fischen, als Verkehrsweg wie als Schutzgraben nutzbar, oben sichere Plätze zum Siedeln. Das Isarhochufer war schon für Menschen der prähistorischen Zeit interessant. Entsprechend reich an Bodenfunden ist Grünwald. Wann immer die Gemeinde baute, stieß sie auf Spuren ihrer eigenen Vergangenheit. So wurde unter dem Gymnasium ein 4000 Jahre altes Grab gefunden, dessen Nachbau inzwischen in der Schule unter Glas steht. Und neben dem Schulsportplatz ist der Grundriss eines Baus mit Apsis abgesteckt, ebenfalls für den Geschichtsunterricht verwendbar. Zuletzt wurde auf der Baustelle für das Haus der Begegnung ein spätkeltischer Grabgarten entdeckt, angelegt um 100 vor Christus zur Bestattung in Urnen. Die Gemeinde lässt sich die Erforschung ihrer Geschichte einiges kosten - so wird deutlich, dass Grünwald lange vor den "alten Rittersleuten" besiedelt war. kg

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Quelle: Christian Endt, Fotografie & Lic

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Interessanter Abfall: 3200 Jahre alter Müll in Poing

Die Menschen von damals haben es den Archäologen von heute nicht immer leicht gemacht: Im kiesigen Grund der Baugebiete Poings, im Norden des Landkreises Ebersberg, fanden Archäologen in den vergangenen Monaten vor allem Müll. Bis zu 3200 Jahre ist dieser Abfall alt und deshalb wertvoll. Aus den Tonscherben, den Tierknochen und Werkzeug-Überresten entwickeln die Archäologen der Firma Planateam ein Bild davon, wie die Menschen früher gelebt haben. "Negative Selektion" nennen sie das. Aus der Suche im Müll ergibt sich ein aufschlussreiches Bild des Alltags, den die Menschen im nördlichen Landkreis während der Bronzezeit lebten: Die Ur-Poinger wohnten in Großfamilien zusammen, und das auf engem Raum. Rund 100 Quadratmeter umfassten die Hausfundamente, deren Überreste das Planateam zutage befördert. Das Mehrgenerationenhaus ist keine Erfindung der Neuzeit. coco

Spangenbarren Oberding

Quelle: Fraunhofer Entwicklungszentrum Röntgentechnik/OH

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Handel mit Kupfer: Spangenbarrenhort in Oberding

Beim Bau eines Doppelhauses in Oberding wurde im Frühjahr 2014 ein Spangenbarrenhort zu Tage gefördert. Dabei handelt es sich um 88 Zehnerbündel von 4000 Jahre alten Kupferstangen, die als Rohmaterial für Sicheln, Schmuck oder Schwerter dienten. Die etwa 80 Kilogramm Kupfer wurden in einer Abfallgrube entdeckt, in der ansonsten Reste von Tierknochen und Keramikscherben gefunden wurden. Dass die Barren in Oberding produziert wurden, halten die Forscher für unwahrscheinlich. Es fanden sich keine Werkzeuge, die auf die Verarbeitung von Metall hindeuten. Möglicherweise machten die Barren im Landkreis Erding nur Zwischenstation, denn mit Kupfer wurde in der frühen Bronzezeit bereits Handel getrieben. Kupfer ist neben Zinn ein wichtiger Bestandteil bei der Herstellung von Bronze. Doch auch Zinn wurde in Oberding nicht entdeckt. tdr

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Quelle: Marco Einfeldt

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Brand und Rätsel: Bronzezeit-Befestigung in Bernstorf

Gold und Bernstein, die in Bernstorf bei Kranzberg gefunden wurden, haben nicht nur einen wissenschaftlichen Streit über die Datierung der Funde ausgelöst, sondern den Ort auch bekannt gemacht. Verbunden damit ist die Theorie, dass schon zur Bronzezeit Handelsbeziehungen bis nach Griechenland bestanden. Wie das auch ausgehen mag: Dass in Bernstorf die größte bisher bekannte bronzezeitliche Befestigung nördlich der Alpen steht, ist unumstritten. Noch gibt die gewaltige Wallanlage der Fachwelt Rätsel auf, zumal durch Kiesabbau ein Teil verloren ging. Bei der jüngsten Grabung haben Mitarbeiter der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt in der etwa 13 Hektar großen Anlage insgesamt 1200 Fundstücke entdeckt. Und sie kamen zu der überraschenden Erkenntnis: Anders als bisher gedacht, ist der etwa 1,6 Kilometer lange Wall aus Holz und Erde kurz nach 1340 vor Christus nicht komplett abgebrannt. 250 Meter davon sind offenkundig stehen geblieben. Warum dies so war, das ist eines der Rätsel von Bernstorf. kg

© SZ vom 22.03.2016/sim/ebri
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