Arbeitsniederlegung im öffentlichen Nahverkehr:"Heit fahr ma nimmer raus und der Boss flippt aus"

Lesezeit: 4 min

Im Depot an der Einsteinstraße singen die Fahrer Streiklieder, die Pendler nehmen Ausfälle gelassen - Eindrücke eines Vormittags, an dem nur wenig funktioniert wie sonst

Von Annemarie Rencken, Paulina Schmidt und Kassian Stroh

Plötzlich, um kurz vor halb drei am Nachmittag, scheint alles vorbei zu sein. Zumindest deutet die kleine Schrift darauf hin, auf der Anzeigetafel am Marienplatz. "Heute Warnstreiks bis voraussichtlich 14.30 Uhr", stand da eben noch in Schwarz auf Gelb. Und jetzt plötzlich: "Warnstreik beendet!" In vier Minuten komme die nächste U-Bahn, sie kommt dann auch. Alles vorbei also, aber bis alles wieder im Lot ist, dauert es noch bis zum späteren Nachmittag.

Denn dieser Warnstreik war heftig und von einem Ausmaß, wie München es nicht oft erlebt. Die Fahrer der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) waren dazu aufgerufen. Nichts gehe mehr, das waren die Warnungen am Tag zuvor. Aber dann ging doch ein bisschen mehr als nichts. Viele Busse fuhren am Morgen trotzdem, einige Trambahnen auch, nur die U-Bahnen blieben im Depot. Alle. Bis 14.30 Uhr.

Doch die Münchner scheinen sich darauf eingestellt zu haben. Auf die U-Bahnsteige an den zentralen Umsteigknoten wie Hauptbahnhof oder Odeonsplatz verirren sich im Lauf des Vormittags nur wenige - und ziehen schnell wieder von dannen. Oder sie nehmen die S-Bahn als Alternative. Die wird nicht bestreikt, am Morgen stauen sich die Züge auf der Stammstrecke - zu viele Umsteiger am Hauptbahnhof. Ein Berliner schimpft, wie infantil die Münchner doch seien, dass sie sich das gefallen ließen. Die Stadt sei so klein, da könnte man ja auch zu Fuß gehen.

Viele wählen anscheinend aber eine andere Alternative: das Rad. Auf vielen Straßen sind noch mehr Radler unterwegs als sonst, das Wetter ist ja gut an diesem Dienstag, trocken und nicht zu warm. Die Lindwurmstraße Richtung Sendlinger Tor zum Beispiel wird zeitweilig zur Radl-Autobahn, vor den Ampeln der größeren Kreuzungen warten lange Schlangen auf den Radwegen, am Odeonsplatz ist das Fahrrad-Chaos noch größer als sonst.

Bei den Tramgleisen am Stachus stehen einige Menschen, manche ärgerlich, manche verständnisvoll, hier sind nur die Linien 19 und 20 im Einsatz. Auch Franziska Beyer wartet, an ihr ist der Streik bis eben völlig vorbeigegangen. Sie kann ihn aber nachvollziehen. "Die brauchen eben eine Plattform und die erreicht man im Berufsverkehr", sagt sie über die streikenden Fahrer. Sie hoffe einfach, dass noch eine Tram kommt. "Und zur Not laufe ich halt eine halbe Stunde." Auch Anja Rosner ist zuversichtlich - und versteht den Streik: "Man kann sich ja darauf einstellen. Wenn man mehr Geld will, muss man eben streiken."

Die streikenden Fahrer treffen sich derweil am Tramdepot an der Einsteinstraße. Auf den Warnwesten steht "Ohne uns kein Verkehr". Die Stimmung ist gut, teilweise ausgelassen. Es gibt Akkordeon-Musik, Streiklieder werden gesungen. "Heit fahr ma nimmer raus, und der Boss flippt aus", ist eine der beliebtesten Zeilen. Nur immer dann, wenn eine Tram vorbeikommt, am Steuer offenkundig ein Streikbrecher, lassen die Streikenden ihn ihre Wut spüren.

200 Euro mehr im Monat fordern sie, auch wenn das nur ein "Tropfen auf den heißen Stein" sei, aber eben ein nötiger. Franz Schütz von Verdi, der die Verhandlungen führt, begründet dies damit, dass das Grundgehalt zu niedrig sei. 2408 Euro brutto seien "zu wenig für jemand, der Tag und Nacht die Leute befördert". So berichtet ein 46-jähriger Bus- und Tramfahrer, dass er mit 16 Euro in der Stunde nur schwer seine fünfköpfige Familie ernähren könne.

Weil mehrere Hundert Fahrer von diesem Tarifvertrag nicht betroffen sind, kann die MVG schon bald am Morgen melden, dass auf vielen Linien die Hälfte der Busse unterwegs sind, auf manchen sogar drei Viertel. Manche sind voller als sonst, in anderen findet sich gut ein Platz - manchmal kommen auf einer Linie binnen drei Minuten zwei Fahrzeuge. Auch Straßenbahnen sind auf den Gleisen, die 25 etwa. Am Rosenheimer Platz fährt Punkt sieben Uhr eine in Richtung Süden vor, geschmückt mit zwei Regenbogenflaggen für den bevorstehenden Christopher Street Day. Exakt sechs Minuten später kommt schon die nächste Bahn. Fünf Menschen sitzen darin, nur ein Dutzend steigt zu. Viel Platz in der Tram.

Eher weniger dagegen auf den Straßen, offenbar sind viele Münchner aufs Auto umgestiegen. "Leicht über dem Durchschnitt", sagt ein Polizeisprecher über die morgendliche Verkehrslage, die sich aber bald beruhigt. Vor allem auf dem Mittleren Ring und auf seinen Zu- und Abfahrten geht es am Morgen überall nur langsam voran, dort hat die übliche Welle etwas früher eingesetzt als an anderen Tagen.

Nicht nur Fahrgäste trifft der Streik. Am U-Bahnhof Odeonsplatz leitet Franzi Huber die Filiale der "Frischen Backstube". Am Montagmorgen, als sie die Bestellung für den Dienstag aufgegeben hat, wusste sie noch nichts von dem Streik. "Ich konnte die Bestellung auch nicht mehr zurücknehmen", sagt Huber. Sie könne die Streiks zwar nachvollziehen, für ihr Geschäft sei das aber trotzdem nicht gut.

Am Ostbahnhof steigt derweil ein Fahrer aus seinem Bus, um eine Zigarette zu rauchen. Er wirkt genervt, weil ihn ständig Menschen fragen, wo und wann jetzt was fahre. Er gibt knapp Auskunft, bereitwillig wäre zu viel gesagt. Am liebsten und immer wieder sagt er einfach nur: "Heute ist Streik." Das klingt wie: Leute, fügt euch in euer Schicksal, fährt halt kaum was, und lasst mich in Ruhe rauchen. Der Mann zieht weiter an seiner Zigarette, auch wenn sein 62er-Bus seit einer Minute schon abgefahren sein müsste. Aber wen kümmert schon der Fahrplan? Heute ist ja Streik.

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