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Arbeitsmarkt:"Mit pauschalen Lösungen ist nicht geholfen"

Anette Farrenkopf.

(Foto: Martin Hangen)

Tausende Geflüchtete suchten im Jobcenter München einen Beruf. Nun steht Anette Farrenkopf mit der Corona-Krise vor einer weiteren Herausforderung

Interview von Thomas Anlauf

Anette Farrenkopf leitet seit gut fünf Jahren das Jobcenter München. Die geringe Zahl an Arbeitslosen in der Landeshauptstadt schien für die Verwaltungswirtin eine gute Ausgangslage zum Start in ihren neuen Job zu sein. Doch dann kamen viele Tausend Geflüchtete nach München, die eine Ausbildung und Jobs brauchten. Fünf Jahre später steht Anette Farrenkopf mit der Corona-Krise vor einer weiteren großen Herausforderung.

SZ: Das Ergebnis der Integration von Geflüchteten in München konnte sich eigentlich sehen lassen. Doch dann kam Corona und macht vieles wieder zunichte, oder?

Anette Farrenkopf: Ja, der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten kam bis vor kurzem die günstige Wirtschaftslage, hohe Arbeitsnachfrage und sinkende Arbeitslosigkeit zugute. Seit Beginn der Flüchtlingsbewegungen konnten wir knapp 16 000 geflüchtete Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren, 80 Prozent davon sind Männer. Die Integration weiblicher Geflüchteter stellt uns vor Herausforderungen. Anders als bei männlichen Flüchtlingen ist ein Großteil der Frauen im Familienverbund nach Deutschland gekommen. Hierdurch stehen oftmals Pflichten wie die Versorgung der Kinder im Vordergrund. Zudem sind die Herkunftsländer häufig von traditionellen Frauen- und Familienbildern geprägt. Wir hatten uns eigentlich vorgenommen, 2020 einen Schwerpunkt auf Frauen zu legen - bei der Ausbildung und der Jobsuche. Dann kam Corona, plötzlich erleben wir eine Situation, die womöglich die Integration von Geflüchteten wieder erschwert.

Was hat die Pandemie auf dem Münchner Arbeitsmarkt und im Bereich der Ausbildung ausgelöst?

Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren oder können sie aktuell nicht ausüben. Solo-Selbständige und Geringqualifizierte trifft die Krise in besonderem Maße. In unserer Stadt ist der Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungsbereich und in der Kultur- und Eventszene eben sehr hoch. Und nun kommen keine Touristen in die Stadt, Veranstaltungen und Messen werden abgesagt. Die Folgen spüren viele Menschen im Gastronomie- und Hotelgewerbe, Künstler und Taxifahrer. Auch viele Kurzarbeitende, deren reduzierter Lohn plötzlich nicht mehr zum Leben ausreicht, beziehen Leistungen aus der Grundsicherung.

Können Sie aktuelle Zahlen der Arbeitslosen gerade im Bereich der Geringqualifizierten nennen?

Aktuell beziehen 12 032 Geringqualifizierte Arbeitslosengeld II. Das sind 22,1 Prozent mehr als im Februar. Gemessen an allen Arbeitslosen sind Zweidrittel geringqualifiziert. In München stehen zu wenige passende Stellenangebote mit eher geringen Qualifikationsanforderungen zur Verfügung. Gleichzeitig wächst die Gruppe der Personen, die auf Tätigkeiten mit geringeren Anforderungen angewiesen ist. Helfertätigkeiten werden überdies durch die fortschreitende Digitalisierung zunehmend unsicherer, da die Substitutionspotenziale bei Tätigkeiten mit geringen Anforderungen vergleichsweise hoch sind. Daher muss es unser Ziel sein, die Wettbewerbs- und Beschäftigungsfähigkeit von Geringqualifizierten dauerhaft zu steigern.

Sie haben nun auch Klienten, die bislang selten zum Jobcenter gehen mussten: Selbständige, Künstler, Kleingastronomen. Wie begegnen Sie denen?

Mit individuellen Unterstützungs- und Qualifizierungsangeboten. Mit pauschalen Lösungen ist nicht geholfen. Man muss die jeweilige Lebenssituation der Menschen betrachten. Da gibt es zum Beispiel den Eventmanager, der nach der Krise seinen Job wieder aufnimmt. Der Musiklehrer kann wiederum jetzt online Unterricht geben. Dann gibt es den Taxifahrer, dessen Fahrgäste heuer ausbleiben. Da gilt es mitunter ganz unterschiedliche Lebensläufe und Erfahrungen mit verschiedenen Bedarfen zu betrachten. Erlauben Sie mir eine persönliche Anmerkung: Zu meinem privaten Bekannten- und Freundeskreis zähle ich viele Künstler und Musiker, deren Sorgen und Nöte ich nun hautnah miterlebe. Glauben Sie mir: Das geht mir sehr nahe. Gestern noch auf der Bühne gefeiert, und heute müssen sie auf ihre Konzerthonorare und Tantiemen verzichten. Dass sie jetzt staatliche Hilfe beantragen, fühlt sich komisch an, ist aber in dieser außergewöhnlichen Situation das einzig Vernünftige. Das Sozialschutzpaket wurde ja gerade auch für Solo-Selbständige, die vorübergehend finanzielle Hilfe benötigen, auf den Weg gebracht und kürzlich bis zum 31. März verlängert.

Sie versuchen, Menschen davon zu überzeugen, umzuschulen oder ihnen überhaupt eine Ausbildung zu vermitteln?

Aus- und Weiterbildung hilft gerade Geringqualifizierten, Wandelprozesse zu begleiten. Mit einem differenzierten Förderangebot schaffen wir für jeden Arbeitssuchenden Perspektiven, finden aber auch für einzelne Unternehmen die passgenaue Unterstützung. Das gelingt durch Qualifizierung und beim Spracherwerb. Gerade Geringqualifizierte können mit einem Abschluss gestärkt aus der Krise kommen. Die jetzige Situation erlaubt es vielen Selbständigen, einmal innezuhalten und ihr Geschäftsmodell oder ihre berufliche Situation kritisch zu reflektieren: Macht es Sinn, die Selbständigkeit fortzusetzen und ist mein Geschäftsmodell zukunftsfähig? Sollte ich an der ein oder anderen Stelle mein Wissen vertiefen und das Qualifizierungsangebot des Jobcenters nutzen? Kommt eine berufliche Umorientierung in Frage? Solche Fragen erörtern wir mit den Betroffenen und bieten die Möglichkeit einer frühzeitigen Weichenstellung an.

Ein anderes Beispiel: Eine alleinerziehende Mutter kam gerade so über die Runden, jetzt ist sie in Kurzarbeit und hat deutlich weniger Geld zur Verfügung. Nun droht deshalb auch noch der Wohnungsverlust. Wie kann ihr geholfen werden?

Kurzarbeit an sich ist ja erst mal ein positives Signal: Der Arbeitgeber entlässt seine Leute nicht und signalisiert, es geht weiter. Es gibt in solchen Fällen die Möglichkeit, ergänzende Hilfen zu beantragen. Das sieht das Sozialschutzpaket explizit vor. Wir verzichten auf eine Vermögensprüfung. Antragsteller dürfen 60 000 Euro pro Person besitzen und noch mal 30 000 Euro für jedes Kind. Das wird alles nicht in Anrechnung gebracht. Dafür erhält man nicht nur Grundsicherung, sondern die realen Miet- und Heizkosten werden übernommen. In der Grundsicherung fällt keiner durchs Raster. Ansonsten helfen Sozialbürgerhäuser mit ihren Fachstellen zur Vermeidung von Wohnungslosigkeit weiter.

Es ist keine wirkliche Besserung der Corona-Lage in Sicht. Wie lange, denken Sie, braucht es, bis sich die Lage am Arbeitsmarkt normalisiert?

Mit dem Lockdown light gibt es die berechtigte Sorge, dass vor allem in der Gastronomie und der Hotellerie viele ein zweites Mal nicht durchhalten. Wenn die Wirtschaft wieder anzieht, dann bin ich davon überzeugt, dass auch München mit seiner enormen Wirtschaftskraft sich rasch von dem Corona-Schock erholt. München hatte eine unheimlich gute Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt, umso größer ist nun die Betroffenheit. Mein Appell an die Betroffenen: Nutzen Sie die Zeit für Ihr berufliches Weiterkommen. Nutzen Sie unser Aus- und Weiterbildungsangebot. So starten Sie nach der Krise wieder voll durch.

© SZ vom 12.12.2020
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