Forstenrieder Park:Das vergessene Arbeitslager

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Forstenrieder Park: Historische Aufnahme der Männer vom Arbeitsdienstlager Forstenried.

Historische Aufnahme der Männer vom Arbeitsdienstlager Forstenried.

(Foto: Robert Haas)

Erst ging es um Kiesabbau und Wegesanierung, unter den Nazis mutierte die Plackerei dann zur Grundausbildung für den Wehrdienst. Was einst im Forstenrieder Park geschah, wissen heute nur noch wenige.

Von Jürgen Wolfram

Jäger und Förster halten sie für eine uralte Wildtränke, für manche Historiker ist sie ein ehemaliger Knotenpunkt der Wasserversorgung des Schlosses Fürstenried, Heimatforscher schreiben ihren Namen der einstigen Gebietseinteilung in quadratische Zonen zu - der Tümpel im achten Quadrat sozusagen. Sie ist mysteriös, die Achterlacke. Ganz sicher ist die Wasserstelle im nördlichen Teil des Forstenrieder Parks ein beliebtes Ausflugsziel. Was die vielen Besucher bei ihrer Rast vermutlich am wenigsten ahnen: In nächster Nähe des malerischen Fleckens mit seinem Brunnen und Bänken befand sich einst ein Reichsarbeitsdienstlager. Der heutige Waldspielplatz war von 1932 bis 1945 ein Exerzierplatz. Die Streifen frischen Grüns daneben: seinerzeit Standort von Unterkunftsbaracken für die Dienstverpflichteten.

Mit einem "historischen Spaziergang" zur Achterlacke hat der Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln einen eher unkonventionellen Beitrag zum Tag des offenen Denkmals geleistet. Die Idee kam glänzend an; trotz prasselnden Regens machten sich mehr als 70 Menschen auf den Weg ins Gehölz.

Einen kompetenten Führer durchs botanische und geschichtliche Dickicht zu finden, war für die Veranstalter kein Problem. Ernst Ziegler, Vorsitzender des Historischen Vereins Forstenried, bot sich für diese Rolle geradezu an. Vor einer Schautafel mit historischen Fotos, die seine Vereinsfreunde zur Achterlacke am Link-Geräumt geschleppt hatten, packte Ziegler ein Detailwissen aus, das seine Zuhörer fesselte wie schaurige Sagen über den Waldgeist. Nur dass dem Sujet, dem Arbeitsdienst, alles Märchenhafte abging.

Forstenrieder Park: Ernst Ziegler, Vorsitzender des Historischen Vereins Forstenried.

Ernst Ziegler, Vorsitzender des Historischen Vereins Forstenried.

(Foto: Robert Haas)
Forstenrieder Park: Kiesabbau und Wegesanierung stand auf den Dienstplänen.

Kiesabbau und Wegesanierung stand auf den Dienstplänen.

(Foto: Robert Haas)
Forstenrieder Park: Die alten Baracken wurden nach Kriegsende nach und nach abgebaut.

Die alten Baracken wurden nach Kriegsende nach und nach abgebaut.

(Foto: Robert Haas)

Es sollen bulgarische Politiker gewesen sein, die als Erste den Einfall hatten, die unzähligen Arbeitslosen der Zwischenkriegszeit einer gemeinnützigen Arbeit zuzuführen. In Deutschland ist es die Reichsarbeitslosenversicherung gewesen, die sich daran ein Beispiel nahm und den "Freiwilligendienst" pries. Kleidung, Essen, Unterkunft gegen nützliche Handreichungen, so lautete ihr Lockangebot. Im Forstenrieder Park dominierten Kiesabbau und Wegesanierung die Dienstpläne. Über Zuarbeit freute sich Bayerns größtes Dampfsägewerk, das praktischerweise in Forstenried stand.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten änderte sich das Anforderungsprofil gravierend. Zwang statt Freiwilligkeit, staatspolitische Schulung, körperliche und wehrtechnische Ertüchtigung, "bis man den Spaten nur noch durch einen Karabiner zu ersetzen brauchte", hielten Einzug in den Tagesablauf. Uniformen wurden eingeführt, Appelle waren an der Tagesordnung, darunter ein legendärer "Stiefelappell". Mit Kriegsbeginn im Jahr 1939 rückten auch Frauen in die Arbeitsdienstlager ein. Und die "gemeinnützige Arbeit" mutierte zur Grundausbildung für den Wehrdienst.

Zu den Spezialitäten des Lagers im Forstenrieder Park, von 1936 an benannt nach dem NSDAP-Kreisleiter Hermann Gmelin, gehörte eine gründliche Flak-Ausbildung. Entsprechende Stellungen gab es ganz in der Nähe, etwa dort, wo heute das Schwimmbad an der Stäblistraße steht sowie auf dem Gelände des Autohauses schräg gegenüber. Bei Kriegsende befand sich das Lager in chaotischer Auflösung: Einige Dienstverpflichtete sollen ihre Waffen in der Lacke entsorgt haben und in Richtung "Alpenfestung" getürmt sein. Die Baracken wurden nach und nach abgebaut; eine davon "organisierten" sich Sportler aus Wangen. Bis heute verwahrt der Historische Verein Forstenried in seiner Schatztruhe ein Original-Bajonett, weggeworfen von einem ehemaligen Lagerdienstler.

Ein Mann aus diesen Kreisen sollte nach 1945 noch von sich reden machen: Eduard Otto. Den "Radtruppführer" hatte es zufällig nach Forstenried verschlagen. Nach Kriegsende blieb er im Süden der Stadt und leitete als Vereinspräsident den Aufbau eines der größten und spartenreichsten Münchner Sportvereine, des TSV Forstenried. Als der stolze Verein im November 2017 sein 90-jähriges Bestehen feierte, fiel der Name Otto nicht nur einmal. Derweil ruhte sie still, die Achterlacke.

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