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Arbeiten mit Körperkontakt:Die Kunst des Rugbyspiels

Angriffszüge auf der Leinwand, Ballübungen mit einem Tonklumpen und eine Performance im Team: Akademie-Studentin Sara Mayoral, 27, verwandelt Sport in Bilder

Von Tabitha Nagy

Sara Mayoral war ziemlich am Ende, als sie etwas völlig Neues entdeckte. Sie war damals 22, hatte eine schlimme Trennung hinter sich und unterhielt sich mit einem Bekannten. Er erzählte ihr von einem Sport: Rugby. Und schlug ihr vor, mal zu einem Training zu gehen. Sara Mayoral lebte damals noch in Madrid. Heute, fast fünf Jahre später, hat sie in Rugby nicht nur einen neuen Sport gefunden. Rugby inspirierte sie auch in ihrer Kunst. Und half ihr, Anschluss zu finden in einer neuen Stadt, in der sie weder Sprache noch Menschen kannte.

Sara Mayoral, 27, sitzt in ihrem Atelier, als sie von ihren Rugby-Anfängen erzählt. Sie studiert inzwischen Kunst in München. Beides, Kunst und Rugby, kann man hier im Atelier auf den ersten Blick entdecken. Hinter Sara liegen zwei Rugby-Bälle auf einem Tisch. Dahinter Tonfiguren, daneben Leinwände und Papierzeichnungen. "Als ich nach München kam, verstand ich noch kein Deutsch. Es fasziniert mich, wie ich trotzdem mit meinem Team kommunizieren konnte. Rugby ist so was wie eine eigene Sprache", sagt Sara. Sie dreht sich leicht zur Seite und weist mit einer lockeren Handgeste auf eine Zeichnung hinter ihr, "ich habe angefangen, mich mit diesen Plänen intensiv zu beschäftigen, auch künstlerisch".

"Während ich nicht spielen konnte, ist meine Kunst viel physischer geworden", sagt Sara Mayoral.

(Foto: Sara Mayoral)

Linien, Kreuze, schwarz auf weiß. Sie wirken dynamisch. "Diese Zeichnung habe ich live gemacht, als ich mir ein Rugbyspiel angeschaut habe. Es musste schnell gehen, das sieht man." Saras Teamkolleginnen können anhand dieser Zeichnung das ganze Spiel nachvollziehen. Außenstehende können vor allem die Bewegung nachempfinden, ohne ein genaues Bild eines Spielablaufs zu bekommen.

Bald beschränkten sich die Zeichnungen nicht mehr auf die Darstellung von Rugby-Spielen. "Ich habe nach anderen Bereichen gesucht, in denen so kommuniziert wird, über solche Pläne. Ich habe festgestellt, dass Kriegspläne genauso aufgezeichnet werden", sagt die Kunststudentin. Sie zeichnete reale Schlachten (aus verschiedenen Ländern und Zeiten) als Rugbypläne und Rugbyspiele als Kriegspläne. "Ich finde Sport, gerade Rugby, ist immer auch mit Gewalt verbunden. Mich hat es angesprochen, wie ähnlich die Sprache oft ist, die im Rugby und im Kontext von Schlachten verwendet wird. Mir geht es um diese Form der Kommunikation", sagt Sara.

"Meine Arbeiten sind noch körperlicher geworden."

Die Kunststudentin nimmt einen der Rugbybälle in die Hand. Er ist weich, muss wieder aufgepumpt werden. Sie dreht ihn ein paar mal in ihren Händen. Wegen der Corona-Pandemie fallen die Trainingseinheiten fürs erste aus. Auf Saras Instagram-Account ist ein Schwarz-Weiß-Bild von ihr beim Training zu sehen. Sie blickt zu ihren Mitspielerinnen und über das Rugbyfeld. Auf ihrem Trikot ist eine Nummer zu sehen, es ist die Nummer 25. Ihre Haare sind offen und wehen leicht im Wind. "Zwischendurch durften wir trainieren. Ich habe bei jedem Training alles gegeben, jedes davon hätte das letzte für diese Saison sein können."

Die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie ist nicht die erste Zwangspause für Sara. Vor zwei Jahren verletzte sie sich bei einem Spiel in Madrid und musste für neun Monate aussetzen. "Damals wollte ich sehen, wie weit ich mit Rugby kommen kann. Dann kam die Verletzung." Aktuell spielt sie beim München Rugby Football Club. Sara wirkt in Gedanken versunken, blickt leicht nach unten und legt den Ball zurück auf den Tisch. Sie geht an das andere Ende ihres Arbeitsplatzes und nimmt ein kleines Einmachglas in die Hand, hält es hoch. Darin befindet sich Erde. "Das ist die getrocknete Erde von meinen Schuhen von dem Spiel, bei dem ich mich verletzt habe", erläutert Sara. Diese Erde aufzubewahren, sei wichtig für sie gewesen. Während sie das Glas betrachtet, ziehen sich ihre Lippen zu einem leichten Lächeln. Sie hält es vorsichtig in der Hand, behandelt es wie einen fragilen Schatz. "Während ich nicht spielen konnte, ist meine Kunst viel physischer geworden", sagt Sara, "komisch eigentlich, vielleicht war es die Sehnsucht, oder dieses Glas mit der Erde, das ich bei mir hatte."

Das genaue Bild eines Spiels.

(Foto: Sara Mayoral)

Sara begann mit ihren Tonarbeiten. Für die ersten Arbeiten nahm sie einen Tonklumpen, führte rugbytypische Ballübungen mit ihm aus und ließ die entstandene organische Form brennen. Dann wurden die Arbeiten größer. Bald war der Ton nicht mehr ein Platzhalter für den Ball, sondern für Trainingspartner. "Diese Arbeiten habe ich mit Umklammerungen gemacht", sagt Sara. Umklammerungen sind Techniken im Rugby, mit denen der balltragende Spieler angegriffen werden darf. Die Figuren sehen aus wie Torsos ohne Arme. Mit diesen Skulpturen arbeitete sie weiter, begann Performances mit ihnen zu machen. "Meine Arbeiten sind noch körperlicher geworden", sagt Sara. "Ich glaube, dass Sportler ein Wissen haben, das vielen Menschen fehlt. Das Körpergefühl und wie es ist, sich in kürzester Zeit komplett auszupowern, sich komplett zu erschöpfen."

Im Corona-Jahr scheint es zunächst eigenartig, aber Sara hat in diesem Jahr mit einer neuen Reihe von Performances begonnen, in der sie gleich mit mehreren Menschen zusammenarbeitet. Sie filmt, wie diese Menschen sich schieben und drücken, wie sie miteinander kämpfen. Es wirkt fast wie Wrestling. Dann scheinen sie sich zu stützen, sich zu halten. Dieses Miteinander und die Interaktion mit verschiedensten Körpern ist für Sara zentral. "Rugby ist ein unglaublicher Teamsport. Das Team steht im Zentrum. Für Egonummern ist hier kein Platz", sagt sie. "Es werden Menschen mit allen möglichen Körpertypen gebraucht, nur wenn das Team Spieler mit verschiedener Form und Gewicht hat, hat es eine Chance, zu gewinnen."

Besonders den Teamgeist, der in diesem Sport vermittelt werde, schätzt Sara: "Es ist egal, wo auf der Welt du dich befindest. Wenn du Rugby spielst und in einer fremden Stadt zum lokalen Verein gehst, wirst du sofort in die Gruppe integriert. Auch hier in München wurde ich sofort aufgenommen als ich vor vier Jahren aus Madrid hierher zog - obwohl ich noch gar kein Deutsch sprechen konnte."

© SZ vom 09.11.2020
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