Arbeiten am "Weltbild" Bodenschätze

Ekkeland Götze sammelt auf der ganzen Welt Erde und macht daraus Kunstwerke. Dafür hat er eine eigene Terragrafie-Drucktechnik entwickelt, die er allerdings nicht verraten will

Von Gerhard Fischer

Ekkeland Götze hat als Kind die Hefte des Dresdner Tierparks gelesen, am liebsten die Kolumne "Der Zoodirektor erzählt". Der Direktor fuhr um die ganze Welt und erlebte Abenteuer. Einmal sah er, wie ein Ranger im Krüger Nationalpark von einem Löwen angefallen worden ist. Der Löwe biss den Mann in die rechte Schulter und schleppte ihn weg. Der Ranger nahm mit der linken Hand sein Messer und dachte: "Ich muss mit dem ersten Stich sein Herz treffen, sonst zerfleischt er mich." Er hat dann zweimal zugestochen, und der Löwe war tot.

Ekkeland Götze, 68, wuchs in der DDR auf. Er konnte nicht so reisen, wie er wollte - aber er holte das nach, als er 1988 in die Bundesrepublik umziehen durfte. Götze besuchte alle Kontinente, fuhr nach Südafrika, nach Neuseeland, nach Brasilien, in die USA, nach Mexiko, nach Tibet, Island oder Australien. Er sammelt dort Erde, aus denen er Kunstwerke macht - mittels einer eigenen Terragrafie-Drucktechnik, die er nicht verraten will.

Götze sitzt an einem Tisch in seinem Atelier in Sendling und trinkt Tee. Er trinkt schnell. Überhaupt macht dieser lebendige Mann alles flott: trinken, sich bewegen, reden. Er spricht schnell und sächsisch, und das führt dazu, dass man manchmal nicht gleich versteht, was er gesagt hat.

Man sieht sich um. Überall hängen Bilder. Braune Bilder, wegen der Erde. Aber auch ein paar farbige. "Immer mal wieder mache ich einen Geiger-Workshop", sagt Götze. Er war mit dem großen Farben-Künstler Rupprecht Geiger befreundet; heute lässt er Interessierte mit Pigmenten drucken, die auch Geiger verwendet hat. "Ich habe für viele Künstler gedruckt", sagt Götze, "auch für A. R. Penck oder IMI Knoebel." Außerdem restauriert er. "Stuck- und Putzergänzungen. In Wandmalereien." Manchmal formuliert er keine ganzen Sätze, einzelne Worte genügen auch.

Götze hockt sich für das Foto auf einen Stuhl. "Ich sitze auf einem Stuhl von Alexeij Sagerer", sagt er, "den habe ich ersteigert." Sagerer ist ein Regisseur, Schauspieler und Autor, der mit Achternbusch zur Schule ging und mit Fassbinder gearbeitet hat. Dann setzt sich Götze fürs Foto auf den Boden. "Wie ein Indianer", sagt er. Götze sieht eher aus wie Buffalo Bill mit seinem Bart und seinen langen weißen Haaren.

Er setzt sich wieder an den Tisch und beginnt, chronologisch von seinem Leben zu erzählen. Das bringt Struktur. Ekkeland Götze wurde kurz nach dem Krieg in Dresden geboren, die Familie hatte nicht viel Geld; er musste die Schuhe seines Onkel tragen, der Größe 42 hatte. "Ich habe heute erst 39", sagt er und lacht. Er habe damals "wahnsinnig viel" gelesen, auch nachts unter der Bettdecke. Über die Reisen von James Cook zum Beispiel. Der Mutter wurde das zu viel, denn der Sohn las lieber als im Haushalt zu helfen. "Sie nahm mir alle Bücher weg - bis auf die Bibel." Er hat das Alte Testament fast ganz gelesen.

Ekkeland Götze lernte erst Maler (Anstreicher-Maler, nicht Künstler-Maler) und machte dann eine Siebdruck-Lehre; er wurde über ein Fernstudium Wirtschaftsingenieur und schließlich Chef einer Siebdruckerei für Künstler.

Götze nimmt einen schnellen Schluck aus der Teetasse. "Eigentlich war das gar nicht mein Weg", sagt er, "ich wollte schon als Kind Künstler werden." Aber die Verwandten hätten gesagt, als Künstler würde man verhungern. "Und ich hatte einen mächtigen Hunger", sagt er und lacht. Er lässt offen, wie er das meint. Vermutlich meint er wirklich das Essen.

Jedenfalls wählte er zunächst die wirtschaftliche Sicherheit. Bis er 27 Jahre alt war. Da mochte er dann nicht mehr das falsche Leben im richtigen führen. Er kündigte bei der Druckerei und lernte auf der Abendschule das Malen. "Ich war nie in einer Disco, sondern immer auf irgendeiner Abendschule", sagt er. Und danach wollte er auf der Hochschule für Bildende Künste Malerei studieren. Aber er hatte kein Abi. "Ich hatte in Betragen immer eine Vier oder Fünf - deshalb war ich nicht auf dem Gymnasium", sagt er.

Er durfte nicht Malerei studieren, aber er kam trotzdem auf die Hochschule. Wegen Gerhard Kettner. Götze beschreibt erst mal den Menschen, bevor er die Fakten schildert - Künstler haben eben immer Bilder im Kopf. "Kettner hatte so einen Brecht-Haarschnitt und rauchte Zigarre", erzählt Götze. Und Kettner war Rektor der Hochschule. Er gab Götze einen Lehrauftrag für Siebdruck.

Und Götze malte trotzdem. Privat halt. Bis er Ausstellungsverbot bekam. Das hatte keine politischen Gründe, sondern formale: Ekkeland Götze war als Drucker Mitglied im Künstlerverband, und als Drucker durfte er keine Bilder ausstellen. Deshalb stellte er 1985 einen Ausreisantrag. Außerdem zog es ihn weg, weil immer mehr Freunde in den Westen gegangen waren.

1988 wurde der Ausreiseantrag genehmigt. Götze zog mit seiner Frau und den zwei kleinen Töchtern nach München und gründete eine Siebdruckerei für Künstler. Und da war auch noch die Malerei. Seine Leidenschaft. Er erlebte Ernüchterndes. "Ich habe in Stuttgart eine Ausstellung von Cy Twombly gesehen", erzählt Götze. Twombly war ein amerikanischer Maler des abstrakten Expressionismus. "Und als ich seine Bilder sah, wusste ich: Das, was ich mache, gibt's schon - und diese Qualität erreiche ich nicht."

Götze gab den Traum auf, ein berühmter Maler zu werden. Aber er gab nicht den Traum auf, ein Künstler zu werden, der Einzigartiges erschafft.

"Eines Tages fuhr ich im Auto durch München", erzählt er, "meine Tochter saß hinter mir, und es traf mich wie ein Blitzstrahl aus dem Himmel." Er macht eine Pause, damit es noch spannender wird. "Ich dachte, ich sollte mit Erde arbeiten! Es gibt nichts Authentischeres als die Erde, das ist die Seele eines Ortes." Er holte sofort Erde aus dem Englischen Garten und druckte. Wie er druckt, verrät er nicht. Er sagt nur, die Erde werde gereinigt und geschlämmt, mit einem Bindemittel versehen und statt der Druckfarben verwendet.

Mittlerweile ist er bei seinem Werk 888. "Ab der Fundstellen-Nummer 19 waren meine Werke Quadrate", sagt er. "Das hatte gestalterische Ursachen - das Quadrat ist eine mehr objektive Form, die den Betrachter nicht zu falschen Interpretationen führt." Später erfuhr er, dass das Quadrat in der buddhistischen und hinduistischen Welt das Symbol für Erde ist. "Und bei den Schamanen ist es auch so", sagt er, "ich bin ein Glückspilz." Er gluckst. Götze kann sich herrlich freuen; und sich begeistern für das, was er tut. Übrigens hatte er sich den Künstlernamen Ekkeland (er hieß eigentlich Ekkehard) schon gegeben, bevor er auf die Sache mit der Erde kam, nämlich 1987. Noch so ein Zufall.

Götze fuhr dann durch die Welt - und sammelte seine Erde immer an Orten, die eine tiefere Bedeutung haben. "Das Projekt muss signifikant für die Region und die Menschen sein", sagt er. Oft besuchte er Ureinwohner. In Neuseeland sagte ein Maori-Künstler zu ihm: "Du arbeitest doch an einem Weltbild." Götze freut sich, wenn jemand so etwas sagt. Und er freut sich, dass er die Kopfreisen seiner Kindheit nun wirklich machen kann. "Ich kam nach Neuseeland - Wahnsinn", sagt er. "Ich bin wie Forster und Cook ein Reisender." Johann Georg Adam Forster nahm an einer Weltumsegelung von James Cook teil.

In Südamerika war Götze 5000 Meilen auf dem Amazonas unterwegs. "Da gibt es keine Straßen, deshalb habe ich alle Erde vom Wasser aus geholt", erzählt er. Und er wollte dort Indianer finden. Er fuhr den Orinoco hoch, verließ Brasilien und kam nach Venezuela; er wurde von einem Offizier im Trainingsanzug über die Grenze gewunken, der Motor des Boots ging kaputt, er und sein Begleiter wären "fast in einer Stromschnelle verschütt' gegangen".

Dann fand er die Indianer.

Und schon hat er wieder eine Geschichte: "Der Häuptling hatte in seiner Hütte eine Waschmaschine und eine Geschirrspülmaschine", erzählt er, "und weiße Goldsucher als seine Angestellten." Die Indianer gaben ihm Erde.

Götze machte bislang 13 Künstlerbücher. Darin kann man sein Tagebuch lesen und die Erddrucke sehen. Er ist nicht mehr jedes Jahr unterwegs, die Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden. "Die Globalisierung bringt die Unterschiede zwischen Arm und Reich noch mehr heraus", sagt er. Die Leute seien auf Unterstützung angewiesen. "Aber wenn ich ihnen Geld für die Erde gebe, steigert das die Kosten für ein solches Projekt in einem so hohen Maß, dass ich diese allein nicht mehr leisten kann."

Ekkeland Götze hat einen neuen Tee aufgesetzt und eine mexikanische Zeitschrift mit an den Tisch gebracht, in der ihm eine Geschichte gewidmet ist, und in der er als "moderner Schamane" bezeichnet wird. Er nimmt einen Schluck und macht eine kurze Pause. Er hat jetzt eineinhalb Stunden Geschichten erzählt, vom Urwald, von Indianern, von Soldaten, von wilden Tieren. Aber es sei ihm nie etwas passiert, sagt er. "Nur einmal wurde ich bestohlen - in Florenz, als Tourist."

Eines Tages, sagt er noch, sei er im Krüger Nationalpark in ein Museum gegangen. "Und was sehe ich da", ruft er, "ein Löwenfell mit zwei Löchern!" Die Löcher vom Messer des Rangers aus den Geschichten des Zoodirektors, die Götze als Kind gelesen hat.