Schon als Kind hat Arabella Steinbacher den schönen Blick vom „Seespitz Gästehaus“ auf den Ammersee genossen, denn sie ist in Herrsching geboren und lebt auch heute hier mit ihrer kleinen Tochter und ihrer Mutter. „Es ist ein echtes Zuhausegefühl, wenn ich dann mal hier bin“, sagt sie und schaut lächelnd hinaus aufs Wasser. Ansonsten ist sie weltweit in den großen Sälen und bei den bedeutenden Orchestern unterwegs, berühmt für ihren charakteristischen silbermetallischen Ton, ihre musikalische Neugier und instrumentaltechnische Delikatesse höchsten Grades.
Zurzeit sind es mit Rücksicht auf die Tochter „an die vierzig Konzerte in Europa, Asien und im pazifischen Raum“, die sie absolvieren kann. Von Beginn ihrer Karriere an hat Steinbacher durch Grazie und – mit einem altmodischen Wort – einzigartig gleißendes Violinspiel beeindruckt und gefesselt. Sie stammt wie auch Julia Fischer, Lisa Batiashvili oder Veronika Eberle aus der schon legendären Schule der Münchner Violinprofessorin Ana Chumachenko, die die großartige Fähigkeit besitzt, diese so höchst unterschiedlichen Talente und Temperamente zu ihrer je eigentümlichen musikalischen Entfaltung gebracht zu haben.
Nach unaufhaltsamem Erfolg als Solistin auf den Podien der Welt gibt Arabella Steinbacher inzwischen auch ab und an mal eine Meisterklasse: „Es ist ungeheuer interessant, den Blickwinkel auf das Geigen zu ändern, wenn man unterrichtet.“ Neben Chumachenko bildete eine besondere Inspirationsquelle für sie die Begegnung mit Ivry Gitlis, wahrlich ein Solitär der Geigenszene. „Das war nicht Unterricht, sondern mehr eine Lebensweise, zu der das Musizieren dazu gehörte. Und wenn es spätabends war!“ Strahlend erzählt sie von den Treffen in Paris mit diesem unvergleichbaren Virtuosen nach seinem eigenen Gesetz.
Tatsächlich wirkt Arabella Steinbacher auch im Gespräch als geborene Solistin. Dabei hat sie etwa beim Münchner Festival „Stars & Rising Stars“ gezeigt, wie feurig und glanzvoll Triospiel mit ihr gelingen kann. Danach gefragt moniert sie, leider gäben Agenturen und Konzertunternehmer weltweit wenig Gelegenheiten für kammermusikalische Auftritte und Duo-Recitals. „Also biete ich neben den Konzertverpflichtungen mit Orchester auch Soloauftritte.“ Wer schon einmal Sergei Prokofjews und Eugéne Ysaÿes Solosonaten von ihr gehört hat, wird da die lyrische Noblesse, Klarheit der Artikulation und die Biegsamkeit ihrer Tongebung nicht vergessen können.
Sie hat ein Faible für Geigenkonzerte und -musik des 20. Jahrhunderts. Ihr außergewöhnlicher Ton prädestiniert sie für Musik von Karol Szymanowski oder Alban Berg, von Paul Hindemith oder Benjamin Britten, von Aram Chatchaturian oder Sergei Prokofjew, von Darius Milhaud oder für Stücke aus der spanischen oder lateinamerikanischen Klangwelt.
Für Beethoven spielte sie die Guarneri del Gesu „Sainton“, für Lentz die Stradivari „Benno Walter“
„Aber natürlich ist jede Begegnung mit den Mozart-Konzerten oder mit Beethoven, Mendelssohn oder Sibelius immer deswegen herausfordernd, weil es jedes Mal Neues zu entdecken gibt. Sonst würde es ja auch langweilig!“ Sie lacht und verweist darauf, dass sie daher auf der neuen CD mit dem Luxembourg Philharmonic Orchestra unter Gustavo Gimeno das ihr gewidmete Georges-Lentz-Konzert mit einer Neueinspielung vom Beethoven-Konzert gekoppelt habe, weil das neue wie das alte Stück in gewisser Weise als „universal“ verstanden werden können. Für Beethoven konnte sie die Guarneri del Gesu „Sainton“ spielen, für das Lentz-Konzert die Stradivari „Benno Walter“: „Der war einst Konzertmeister der Münchner Hofoper und mit Richard Strauss verwandt. Der hat Benno Walter auch sein Violinkonzert gewidmet“, erklärt sie. Beide Instrumente wurden ihr von der schweizerischen Fischli-Sammlung zur Verfügung gestellt.
Vor gut zwei Jahren hat sie dieses „erste eigene Violinkonzert“ uraufgeführt in Sidney. 2018 hatte sie Georges Lentz, den Komponisten und auch Geiger im Sidney Symphony Orchestra, nach einem Violinkonzert gefragt. Der ist bekannt dafür, dass es dauern kann, bis ein Stück fertig wird. Der Titel „...to beam in distant heavens...“ deutet jene Weite an, die das Lentz-Konzert in aller Vielfalt von zartester Poesie bis zu heftigen Orchesterentladungen ausmisst.
Gut vier Jahre hat er daran gearbeitet, immer wieder unter dem Sternenhimmel im australischen Outback improvisiert und allmählich diese eindrucksvolle Musik geschaffen, die an eine sich vortastende Wanderung denken lässt in einen zuvor noch nie betretenen Riesenraum. „Die wirklich schwierigen Stellen hat er mir vorgespielt, da konnte ich mich nicht mehr beschweren!“ , erzählt die Geigerin, die „ihr“ Violinkonzert mit enormer Energie und zugleich tiefer Einfühlkraft darzustellen weiß. Inzwischen hat sie es in Luxemburg und Köln aufgeführt, demnächst in Kioto. In München müssen die Steinbacher-Fans wohl noch etwas warten auf dieses großartige Stück Musik.
Arabella Steinbacher: Beethoven & Lentz. Luxembourg Philharmonic, Gustavo Gimeno. Pentatone

