Christian Stückl über Rassismus in Deutschland und Amerika„Ich glaube, dass der Mensch überhaupt nichts lernt“

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Unheimlicher Fund: Im Nachlass eines Verstorbenen finden die Angehörigen (hier: Gio Yoo als Cassidy und Lasse Stadelmann als Rhys) ein Fotoalbum mit Bildern von Lynchopfern.
Unheimlicher Fund: Im Nachlass eines Verstorbenen finden die Angehörigen (hier: Gio Yoo als Cassidy und Lasse Stadelmann als Rhys) ein Fotoalbum mit Bildern von Lynchopfern. (Foto: Arno Declair)

Christian Stückl inszeniert am Münchner Volkstheater „Appropriate (Was sich gehört)“. Ein Gespräch über Rassismus in Deutschland und Amerika – und die aktuelle Debatte über das Stadtbild.

Von Christian Jooß-Bernau

Schon das Wort findet er schwierig – Erinnerungskultur. „An was soll ich mich erinnern? Ich erinnere mich ganz schwierig an meine dritte Klasse. Also: Erinnern kann ich mich sowieso nicht. Ich kann erinnert werden an etwas, was ich gar nicht erlebt hab.“ Hat sich Deutschland wirklich mit seiner Nazivergangenheit auseinandergesetzt? Christian Stückl hat da Zweifel. Der Regisseur sitzt an einem Tischchen des Schmock, des Restaurants am Volkstheater. Und spricht über die Arbeit an seiner neuen Inszenierung: Branden Jacob-Jenkins’ Stück „Appropriate (Was sich gehört)“ das im heuchlerischen Umgang der Amerikaner mit den finsteren Seiten ihrer Vergangenheit Stoff für ein subtiles Familiendrama gefunden hat.

Für sein Stück „Purpose“ hat Jenkins in diesem Jahr einen Pulitzer-Preis bekommen. In „Appropriate“, seinem ersten Stück, das es an den Broadway schaffte, treffen sich drei Geschwister und ihre Ehepartner, Partner und Kinder in einer Villa in Arkansas, um das Haus des verstorbenen Vaters für den Verkauf herzurichten und dessen Nachlass zu sichten. Sie finden ein Album mit Fotos, die Opfer von Lynchmorden zeigen. Tatsächlich gab es in Amerika Postkarten, die die Verbrechen an Schwarzen dokumentierten und oft nicht nur Opfer, sondern auch Täter und Zuschauer zeigten. Bis heute existiert für solche Darstellungen ein Sammlermarkt.

In der vergangenen Spielzeit hat Stückl sich überlegt: „Um was für Themen kreisen wir gerade“. Die Familie in „Appropriate“ ist so etwas wie ein Querschnitt durch die amerikanische Gesellschaft: „vom Schwulen über den Redneck“, sagt Stückl. Im Volkstheater spielt das Stück nicht innerhalb der Villa. Stückl verzichtet auf ein hyperrealistisches Setting, wie man es bei einem Text, der sich nach klassisch amerikanischer Dramatik anfühlt, vermuten würde. Man ist in den Garten der Villa gezogen, an einen Teich – auf der Bühne wird eine echte Wasserlandschaft entstehen.

Hier kämpfen die Figuren mit sich und der Situation. Eigentlich, findet Stückl, hat Brandon Jakob-Jenkins kein Stück über Rassismus geschrieben, sondern darüber, wie man versucht, um Rassismus herumzukommen. Dass schaffen wir ja auch bei anderen Themen, wie dem Klimawandel, findet er: Probleme wegreden.

Der erste Impuls der Figuren im Stück: das Fotoalbum wegwerfen – das Problem nicht sehen zu wollen. Bis sich irgendwann die Erkenntnis manifestiert, dass die Bilder einen Wert haben, der eingelöst werden könnte. Das ökonomische Interesse nagt gierig an den Resten der Moral: „Dafür ist ja Theater da, dass du mit dir selber in der Auseinandersetzung kämpfst, dass du vor etwas gestoßen wirst. Und das geht mit einem amerikanischen Stück auch“, sagt Stückl. „Eigentlich ist es ja nicht so weit weg von unserer Diskussion, von unserem Rassismus.“

Der Regisseur Christian Stückl ist empört über die Aussage von Friedrich Merz über das Stadtbild.
Der Regisseur Christian Stückl ist empört über die Aussage von Friedrich Merz über das Stadtbild. (Foto: Robert Haas)

Wo der in Deutschland sichtbar wird? Stückl fällt da sofort die aktuelle Stadtbilddiskussion ein. Die viel diskutierte Aussage des Bundeskanzlers empört ihn: „Also für mich hat sich Merz unmöglich gemacht als Kanzler. So jemand ist Kanzler! Ich war gerade in Hannover und hab’ Oper gemacht und hab’ mir gedacht: Es ist unglaublich, wie divers die Landschaft in Hannover ist. Ich habe das total gemocht. Und da geht der Merz hin und sagt, wir haben ein Stadtbildproblem!“

In Deutschland heizt sich die Stimmung auf. In Amerika ist die Demokratie bereits ins Rutschen gekommen. Vor drei Jahren war Stückl das letzte Mal in den USA, er hat dort eine Tante. Dass Trump tatsächlich zurückkehrt, hat er sich nicht vorstellen können. Die Tante versicherte ihm unlängst, sie habe Trump nicht gewählt – „die Schwarze“ habe sie aber auch nicht wählen können. Jakob-Jenkins Stück ist von 2023. Im Büro eines republikanischen Angeordneten fand sich gerade erst eine Flagge mit Hakenkreuz. Wenn Trump über Rassismus lamentiert, dann über angeblichen Rassismus gegen Weiße. Rassismus liegt heute nicht mehr knapp unter der Oberfläche.

Die Rasanz, mit der tagesaktuell in Amerika die Demokratie demoliert wird, kann das Theater mit seinen langsamen Produktionsabläufen nicht abbilden. Stückl ist ins Grübeln gekommen: „Wenn du älter wirst, denkst du: Was kann Theater eigentlich bewerkstelligen? Ob es wirklich so eine moralische Anstalt ist, wie es Herr Schiller und andere noch geglaubt haben, ich glaube es nicht.“ Sein Ziel sei, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen: „Wir müssen eigentlich ständig Diskussionsstoff liefern – dass man noch redet.“

Und das Reden beginnt in der Familie. Auch Stückl hat gegen die Schönfärberei der Vergangenheit einst rebelliert: „Ich habe dann irgendwann gesagt: Der Opa war nicht nur einfach ein Mitläufer, der war schon vorne mit dabei.“ Die Diskussion über die Fehler der Vergangenheit ist so alt, wie die Hoffnung, dass sich die Menschheit doch weiterentwickelt. Die Hoffnung aber ist fadenscheinig geworden: „Ich glaube, dass der Mensch überhaupt nichts lernt“, sagt Stückl: „Ich habe das Gefühl, dass ganz viel die Gier vorantreibt.“

Appropriate (Was sich gehört), Premiere, Freitag, 31. Oktober, 19.30 Uhr, Münchner Volkstheater

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