Kultur Stadt ehrt Verlegerin Antje Kunstmann

Tosender Applaus für eine strahlende Verlegerin: Antje Kunstmann erhielt im Alten Rathaus den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Die Verlegerin Antje Kunstmann hat den kulturellen Ehrenpreis der Stadt München erhalten.
  • Antje Kunstmann verlegt seit Anfang der Siebzigerjahren Bücher, die sich unter anderem der Frauenemanzipation widmen.
Von Antje Weber

Es ist ein sehr münchnerischer Tag", sagt der Schriftsteller Hans Pleschinski, "eine leichte Festivität liegt über der Stadt." Dann schwingt er sich am Mittwoch auf sein Fahrrad, um in der letzten Nachmittagssonne von einer Festivität zur nächsten zu rollen: Eben noch hatten sich Autoren, Verleger, Lektoren in Sendling versammelt, um der dtv-Verlegerin Claudia Baumhöver zum 60. Geburtstag zu gratulieren. Nun zieht die um Autoren, Verleger, Stadträte und Kulturschaffende aller Art erweiterte Fest-Karawane ins Alte Rathaus, um der Verlegerin Antje Kunstmann zu huldigen, die den Kulturellen Ehrenpreis der Stadt erhalten soll.

Bevor die Kammeroper München einleitend das Lied "Von allerhand Nasen" von Valentin Rathgeber zu Gehör bringt, lassen sich im Saal schon allerhand bedeutende Nasen besichtigen; Verleger wie Lothar Schirmer oder Reinhold Neven Du Mont, Schriftsteller von Dagmar Leupold bis Uwe Timm, Literaturhausleiterin Tanja Graf oder Fotografin Herlinde Koelbl sind gekommen. Und Michael Krüger, der vor Jahren als erster Verleger den Kulturellen Ehrenpreis erhielt: "Er ist heute Ehrenbürger", sagt Kulturreferent Hans-Georg Küppers in seiner Begrüßung - "da geht noch was, Frau Kunstmann!"

Die Laudation auf die Verlegerin hielt Axel Hacke.

(Foto: Stephan Rumpf)

Fürs Erste überreicht er immerhin den Kulturellen Ehrenpreis an "eine der profiliertesten deutschen Verlegerinnen, überaus erfolgreich in einer immer noch von Männern dominierten Branche". Antje Kunstmann und ihr Verlag, seit den Anfängen in den Siebzigerjahren mit Materialien zur Frauenemanzipation "dezidiert politisch" geblieben, gehörten zu den "glänzendsten Aushängeschildern unserer Stadt". Eines der Aushängeschilder des Verlages wiederum ist Bestsellerautor Axel Hacke, außerdem eine Art Laudator auf Lebenszeit seiner Verlegerin. "Die Messlatte liegt hoch, Herr Hacke", gibt ihm Küppers mit auf den Weg zum Podium, "aber Sie werden drüberspringen".

Und er springt drüber, mit einer Rede, nach der Antje Kunstmann ergriffen sagt, so eine schöne habe sie noch nie bekommen; sie ist so lustig wie tiefernst, so persönlich wie politisch, und sie holt sehr weit aus. Denn Hacke beginnt mit der alttestamentarischen Berufung Hesekiels in den Prophetendienst, bei der Gott ihm eine Buchrolle gab, die er essen sollte. Eine direkte Hinführung zu Antje Kunstmann, der einst in Bad Kissingen der Großvater Buchstaben aus einer "Russisch Brot"-Tüte auf den Tisch schüttelte. Sie durfte sie erst aufessen, wenn sie fehlerfrei Wörter gelegt hatte: "So wurde Antje Kunstmann in den Verlegerinnendienst berufen."

Strahlend nach der Auszeichnung: Antje Kunstmann in der Mitte von Axel Hacke und Kulturreferent Hans-Georg Küppers.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sich von Wörtern buchstäblich zu "nähren", passe überhaupt gut zu ihrem Pragmatismus. Der sei Kunstmann eigen, seit ihr Unternehmen einst aus dem Konkurs des Raith-Verlags entstand: Sie habe "ein Hausfrauenbewusstsein für die Begrenztheit gewisser Geldmengen". Das ist natürlich nicht alles, denn zu ihren Eigenschaften zählt Hacke auch Begeisterung, Ehrlichkeit, Sachverstand, Beharrlichkeit, Treue und Mut; nicht zu vergessen ihr "dauerhaft brennendes Leuchtfeuer des Optimismus". Überhaupt gebe es zwei Arten von Verlegern: Die einen machten die Bücher, die das Publikum lesen will, die anderen die Bücher, die es lesen soll. Ganz klar, dass Antje Kunstmann zur zweiten Kategorie gehört - eine "richtige Verlegerin" eben, die versuche, "Geschmack zu formen" und voranzugehen, zum Beispiel mit den Protokollen zum NSU-Prozess. Nicht nur damit, so Hacke: Während "in dieser Stadt das Andenken Karl Valentins beschmutzt" werde, indem man einem Sänger wie Andreas Gabalier einen Orden verleihe, setze Kunstmann auch auf einen anderen Humor, von Marie Marcks oder von F.W. Bernstein.

Die strahlende Preisträgerin ist an diesem Abend freundlicher gegenüber München gestimmt. Ihre Dankesrede ist vielmehr eine große Liebeserklärung an die Stadt; allenfalls lässt sie fallen, dass der Geschwister-Scholl-Preis ja leider meist an Bücher des C.H. Beck-Verlags vergeben werde - da geht noch was, Stadt München! Sonst aber erscheint ihr München, früher gern als zweitbedeutendste Verlagsstadt der Welt hinter New York gerühmt, als "ideale" Stadt, denn: "Es braucht eine ganze Stadt, um gute Bücher zu machen." Damit meint Antje Kunstmann die vielen Verlegerkollegen, Theater, Literaturhaus, eine inspirierende Zeitung, und vielleicht gebe es hier sogar "lebenslustigere, hedonistischere Schreiber, Dichter, Humoristen" als in New York. Die Münchner Kulturschaffenden bedanken sich mit tosendem Applaus; die Stadt feiert eine große Verlegerin - und, einen leuchtenden Moment lang, sich selbst.

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