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Antisemitismus-Vorwurf gegen Karikaturist Hanitzsch:Preisträgerin lehnt Hoferichter-Auszeichnung ab

Schriftstellerin Christine Wunnicke will sich nicht "für eine kritikresistente Solidaritätsveranstaltung vereinnahmen lassen"

Eklat um den Ernst-Hoferichter-Preis: Am Donnerstag wird die Auszeichnung, mit der eine Stiftung Münchner Autoren prämiert, verliehen; vor einigen Tagen aber wurde Kritik daran laut, dass der Karikaturist Dieter Hanitzsch geehrt werden soll. Jetzt hat die zweite Preisträgerin, Christine Wunnicke, angekündigt, ihren Preis abzulehnen. Sie wolle sich damit nicht dem Protest gegen Hanitzsch anschließen, schrieb die Schriftstellerin in einem Brief an die Beiräte der Hoferichter-Stiftung. Sie wolle sich aber auch nicht "für eine kritikresistente Solidaritätsveranstaltung vereinnahmen lassen".

Christine Wunnicke und Dieter Hanitzsch sollten den Ernst-Hoferichter-Preis bekommen. Die Schriftstellerin hat nun abgesagt.

(Foto: Catherina Hess)

Der Hoferichter-Preis ist mit 5000 Euro dotiert; er soll Künstler ehren, die Originalität mit Weltoffenheit und Humor verbinden. Wunnicke, die sich in ihren Romanen häufig mit Grenzüberschreitungen und Übersinnlichem befasst, sollte ihn als "großer Geheimtipp der Münchner Literaturszene" erhalten, so die Jury. Hanitzsch dagegen soll ihn für sein Gesamtwerk bekommen. Doch der bekannte Zeichner ist in die Kritik geraten, nachdem er im Mai 2018 für die Süddeutsche Zeitung eine Karikatur über den Eurovision Song Contest angefertigt hatte. Sie zeigt Israels Premierminister Benjamin Netanjahu mit verzerrten Gesichtszügen; er trägt das Gewand der Sängerin Netta, schwingt eine mit Davidstern gekennzeichnete Rakete und ruft "Nächstes Jahr in Jerusalem!" Schon damals beendete die SZ die Zusammenarbeit mit Hanitzsch, nachdem es zu einer Auseinandersetzung über den Umgang mit Klischees gekommen war.

Dieter Hanitzsch erhält Medaille "München leuchtet", 2017

Dieter Hanitzsch.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Deutsche Presserat sah in der Karikatur dagegen mehrheitlich keine Diskriminierung von Juden. Hanitzsch ist jetzt für die Abendzeitung tätig. Vor wenigen Tagen forcierte nun eine Gruppe namens "Münchner Bürger gegen Antisemitismus und Israelhass" die Kritik. Zudem sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München, die Zeichnung vereine in sich "mehrere Motive des klassischen Antisemitismus". Sie sei eine Absage an alle Werte, die der Hoferichter-Preis eigentlich fördern wolle. Ludwig Spaenle, Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Staatsregierung, sagte, Hanitzsch habe "ein Beispiel für die Verwendung von eindeutig antisemitischen Stereotypen geliefert". Die Verantwortlichen wiesen die Kritik indes zurück. Kulturreferent Hans-Georg Küppers, der Vorsitzende des Stiftungsbeirats, erklärte, der Vorwurf, Hanitzsch sei ein Antisemit, sei auch mit Blick auf sein Lebenswerk untragbar. Münchens früherer Oberbürgermeister Christian Ude, der die Laudatio halten wird, sprach von einer kleinen Gruppe, die Druck ausüben wolle. Am Wochenende erklärten sich zudem mehrere Kulturschaffende in der Abendzeitung solidarisch mit Hanitzsch. Wunnicke hatte sich zunächst dagegen verwahrt, den Preis abzulehnen; auf Facebook schrieb sie am 11. Januar, sie habe die Karikatur zwar für "missglückt, historisch unsensibel und überflüssig" gehalten und könne "verstehen, dass sie von manchen als antisemitisch aufgefasst wurde". Sie halte Hanitzsch aber nicht für einen Antisemiten; sonst hätte sie den Preis gar nicht angenommen. Der Meinung sei sie immer noch, erklärt sie jetzt; sie halte die Entscheidung der Jury auch weiterhin für legitim. Die Reaktionen auf den Protest habe sie aber "als unterkomplex, unsensibel und selbstgerecht" empfunden. Sie müsse deshalb ablehnen.