Es sind gleich zwei große Themen, die am Dienstagabend in der großen Aula der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) diskutiert werden. Das eine, eher inoffizielle, ist das Champions-League-Spiel des FC Bayern München gegen Paris Saint-Germain, das später am Abend stattfinden wird und das bereits im Vorfeld bei so manchem Gast für Nervosität sorgt. Er sei erfreut, sagt auch Ludwig Spaenle (CSU), Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Staatsregierung, dass trotz des anschließenden Sportereignisses so viele den Weg in die LMU gefunden hätten. Zuvor aber steht das zweite große Thema des Abends – das zugleich auch Titel der Veranstaltung ist – im Mittelpunkt: „Reden über … Antisemitismus“.
Bereits seit einigen Jahren gibt es die Veranstaltungsreihe „Reden über …“, die Spaenle in Kooperation mit der LMU ins Leben gerufen hat und die stets einen anderen Schwerpunkt zu den Themen Judenhass und Erinnerungskultur beleuchtet. Behandelt wurden in der großen Aula bereits Judenhass im Netz, das Attentat auf die israelischen Olympia-Sportler 1972 und auch die Arbeit von Sicherheitsbehörden.
Und wo ließe sich besser über Antisemitismus sprechen als in der LMU? Die Universität galt zur NS-Zeit als Hochburg der Nationalsozialisten und als eine der ersten „judenfreien“ Hochschulen des Dritten Reichs. Später wurde sie zum Wirkungsort der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Auf einem der Flugblätter der Gruppierung, so sagt es auch Spaenle in seiner Eingangsrede, waren die Verbrechen der Shoah bereits als solche klar benannt. „Alle haben es gewusst“, sagt Spaenle.
Nach dem nun jahrelang gepredigten „Nie wieder“ sei es eine „hemmungslose, beispiellose Frechheit“, mit der jüdisches Leben seit dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel, aus der Mitte der Gesellschaft wieder angegangen werde. Auch an der LMU ist dies spürbar. Jüdische Studierende beklagen Anfeindungen, am Gedenktag der Shoah Mitte April forderten Aktivisten die „Erhängung Netanjahus“ auf einem Banner. Vor wenigen Tagen wurde in einer Toilette der Universität eine antisemitische Schmiererei entdeckt: „Kill all jews“ – Tötet alle Juden. Die LMU, erklärt Vizepräsidentin Carola Metzner-Nebelsick in ihrer Willkommensrede, habe die Aufschrift zur Anzeige gebracht.
Gastredner des Abends ist Armin Nassehi, Lehrstuhlinhaber für Soziologie an der LMU – vor einem Publikum von etwa 200 Gästen, darunter die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Charlotte Knobloch sowie weitere Vertreter jüdischen Lebens. Aus soziologischer Sicht, so Nassehi, interessiere ihn vor allem die Frage, warum der Antisemitismus unter allen Formen der Menschenfeindlichkeit so beständig sei, obwohl – oder gerade weil – er gesellschaftlich in so vielfältiger Gestalt auftrete. Denn wenn etwas gesellschaftlich so persistent sei, müsse es denjenigen, die darauf zurückgreifen, bei irgendetwas nützen. Die entscheidende Frage laute daher: „Für welches Problem ist Antisemitismus eine vermeintliche Lösung?“


Nassehi beruft sich hierbei auch auf sein kürzlich veröffentlichtes Buch „Anmerkungen zum Antisemitismus“. Dort erklärt er den kollektiven Judenhass mit einem „ungeklärten Selbstverhältnis“ und führt dies anhand dreier Texte – des Komponisten Richard Wagner, des Ökonomen Karl Marx und des politischen Philosophen Carl Schmitt – aus. Alle drei Texte thematisieren unter anderem die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden, die zuvor über Jahrhunderte hinweg immer wieder Ausschluss und Verfolgung ausgesetzt waren. Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen kommen die Autoren zu dem mehr oder weniger gleichen Schluss, dass selbst „der assimilierte Jude“ niemals ein authentischer Teil der Gesellschaft werden könne.
Nassehi fasst dies in einem anschließenden Gespräch mit Spaenle noch mal in klaren Worten zusammen: „Alles, was der Jude macht, ist falsch. Egal, was er tut, das Ergebnis ist gleich.“ Demnach, so seine Schlussfolgerung, sei Antisemitismus eine Antwort darauf, mittels Feindkonstruktion eigene Probleme nicht analysieren zu müssen.
Bayerns Antisemitismusbeauftragter Spaenle nennt dies das „Urbild des Sündenbocks“ und stellt die Frage, wie man all dem nun entgegentreten könne. Er sei sonst nicht so der „romantisch-naive Typ“, sagt Nassehi, jedoch bliebe derzeit nur übrig, dies über verschiedene Dialogformen zu erwirken. Den aktuellen Konflikt in Nahost habe er in seiner Rede bewusst ausgespart, sagt Nassehi. Nun aber merkt er an: „Niemand wird so sehr als Akteur beobachtet wie Israel.“ Das Land sei, wie einst der französische Historiker Léon Poliakov schrieb, „der Jude unter den Staaten“. Dabei würden die Themen Israel und Antisemitismus auch unter Juden sehr kontrovers diskutiert.
Spaenle sagt, seinem Empfinden nach sei seit dem 7. Oktober 2023 eine gewisse Erleichterung spürbar, dass Antisemitismus wieder gesellschaftsfähiger geworden sei. „Für Juden in Deutschland ist seit dem 7. Oktober alles anders. Darüber muss man reden.“ Dem stimmt Nassehi zu. „Manche Fakten sprechen dafür, dass wir gesellschaftlich und semantisch noch nicht so weit sind, wie wir gerne wären.“

