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Antisemitismus:"Ich kenne diese Leute"

CSU-Stadtrat Marian Offman demonstriert immer wieder gegen Rechtsradikale in München.

(Foto: Robert Haas)

Was Münchner Juden über den Wahlerfolg der AfD denken

Von Jakob Wetzel

In München ist die AfD noch vergleichsweise schlecht weggekommen, sie erhielt 8,4 Prozent der Zweitstimmen und damit erheblich weniger als im bundesweiten Durchschnitt. Und doch: Auch hier empfinden jüdische Bürger den Wahlerfolg der rechtsnationalen Partei als beklemmend. Von einem wahr gewordenen Albtraum sprach bereits am Sonntag Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Münchens. "Ich entwickle Ängste", sagt auch Marian Offman, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde, der auch für die CSU im Stadtrat sitzt.

Am Wahlabend sei er kurzzeitig geradezu verzweifelt gewesen, sagt Offman. "Ich kenne diese Leute. Ich habe gehört, was sie sagen, ich habe gehört, wie sie reden." Viele AfD-Mitglieder habe er auf den Pegida-Demonstrationen in der Stadt erlebt; Offman nennt sie rechtsradikal. "Und wer rechtsradikal ist, der ist häufig auch antisemitisch und rassistisch. Wenn so eine Partei im Bundestag sitzt, dann ist das für mich beängstigend."

Seit vielen Monaten beobachtet Offman nicht nur die Pegida-Demonstrationen in München, sondern er besucht auch Veranstaltungen der AfD. Das wolle er auch weiterhin tun, es sei wichtig, jetzt nicht aufzugeben, sagt er - und erzählt davon, was ihm bei einer AfD-Kundgebung in der vergangenen Woche widerfahren sei. Dort habe der Redner behauptet, die Stadt München würde Sozialwohnungen verkaufen, um damit Flüchtlingsheime zu finanzieren. "Ich habe laut 'Lüge!' gerufen. Und daraufhin hat eine Dame hinter der Absperrung geschrien: 'Das ist der jüdische Stadtrat Marian Offman!' Und die Leute, die neben mir standen, haben angefangen, mich anzurempeln." Es sei so viel Hass in den Gesichtern gewesen, sagt er. "Da wissen wir doch alle, wo der Zug hingeht, wenn die die Macht haben." Er habe daraufhin die Polizei geholt.

Die freiheitliche Demokratie stehe auf dem Prüfstand wie lange nicht mehr, sagt Charlotte Knobloch. Mit der AfD zögen Antisemitismus, Rassismus und völkischer Nationalismus in den Bundestag ein. Das sei auch eine Niederlage für die wehrhafte Demokratie, die ja eigentlich den Anfängen wehren wollte. Tatsächlich aber hätten mehr als 20 Prozent der Wähler einer rechts- oder linksextremen Partei die Stimme gegeben - das belege, wie wenig wehrhaft die deutsche Demokratie trotz allen Geschichtsbewusstseins sei. Sie erwarte jetzt, dass alle Demokraten die Populisten und Extremisten beider Richtungen politisch stellen, sagt Knobloch. "Kein Einzelfall, kein Exzess darf folgenlos bleiben." Man müsse Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus konsequent benennen und ächten.

© SZ vom 26.09.2017

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