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Antiquariat:Der Herr der hunderttausend Bücher

Waren wir nicht gekommen, um einem Manne zu begegnen, der am morgigen Samstag 90 Jahre alt wird? Kann das derselbe sein, der hier auf Stühlen herumturnt? Nach allem, was wir wissen, handelt es sich tatsächlich um Karl Hartung, Antiquar und Auktionator, Seniorchef des Auktionshauses "Hartung&Hartung", Karolinenplatz.

Geboren in Bad Ischl am 4.September 1914: Bad Ischl war die Sommerfrische des Kaisers Franz JosephI., und als Karl auf die Welt kam, hatte gerade der Große Krieg begonnen, in dem Kakanien unterging und das übrige Europa der Monarchien dazu.

"Das ist ein bissl kompliziert"

Karls Familie, "mein Gott, das ist ein bissl kompliziert", also die Familie war keine im landläufigen Sinn: Der Vater war verheiratet, nein, nicht mit Karls Mutter, das kam erst später. Drei Geschwister hatte Karl, und die Mutter "brachte ein unglaubliches Opfer, die vier Kinder ohne Sozialfürsorge durchzufüttern", vom prekären sozialen Status zu schweigen.

An schöngeistige Dinge war da nicht zu denken, alles war "auf die bloße Lebenserhaltung eingerichtet". 1927 zog man nach Schwabing, in eine Wohnung in der Friedrichstraße11, wo sich auch bald ein gewisser Herr von Faber einrichtete.

Curt von Faber du Faur "war ein vornehmer Pingel, der eine reiche Amerikanerin geheiratet hatte", über Zofe, Köchin, Kammermädchen, Diener und Chauffeur verfügte sowie über eine 100-PS-Limousine. Vor allem aber hatte er eine gewaltige Bibliothek; er war der Spezialist für Barockliteratur, ein Bibliophiler ersten Ranges.

"Komm doch zu mir ins Antiquariat."

Diesem Manne half der kleine Karl, die Bücher einzustellen. "Das muss ihm gefallen haben. Als ich dann einen Beruf ergreifen sollte, hat er gesagt: ,Komm doch zu mir ins Antiquariat.' Ich hab' keine Ahnung gehabt, was das ist."

Das änderte sich im Handumdrehen, denn das Kunst- und Literatur-Auktionshaus Karl&Faber war eine vorzügliche Adresse für einen knapp Fünfzehnjährigen, der den Beruf des Antiquars lernen sollte.

Und überhaupt München: Die Stadt war in den ersten 30 Jahren des 20.Jahrhunderts führend im Handel mit seltenen Büchern. "Da konnten eigentlich nur London und Paris konkurrieren", sagt Hartung. Allein um den Karolinenplatz waren ein Dutzend bedeutende Antiquare angesiedelt, viele davon Juden, die, wenn sie Glück hatten, vor Hitler rechtzeitig geflohen sind.

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