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Antifaschistisches Archiv Aida:Was Nazis gar nicht mögen

Anders, als man meinen könnte, hat Aida keinen großen Rechercheapparat. Mit einer Ausnahme geschieht die Arbeit noch immer ehrenamtlich, nur der Mann, der unter dem Pseudonym Robert Andreasch recherchiert, hat einen bezahlten Teilzeitjob. Er beobachtet von Anbeginn an den NSU-Prozess, war an 170 Tagen im Gericht. Das Geld von etwa 80 Förderern und ein paar Spendern ermöglicht sein Gehalt. Aida legt großen Wert darauf, unabhängig zu sein, auch finanziell. Sie verstehen sich nicht als politische Aktionsgruppe, eher als Sammler und Jäger, als analysierende Dokumentare.

80 Förderer

unterstützen die Arbeit von Aida. Sie und ein paar Spender finanzieren eine Teilzeitstelle. Dem kleinen Verein ist es wichtig, politisch und finanziell unabhängig zu arbeiten. Im Aida-Archiv finden sich rund 5000 Bücher und Broschüren über Naziaktivitäten, die Fotosammlung von Robert Andreasch umfasst Zehntausende Aufnahmen.

Täglich werten sie die Polizeiberichte aus, immer auf der Suche nach Nazi-Aktivitäten: Hier ein Hakenkreuz, dort eine Schlägerei. Andreasch aber will sich nicht aufs Internet verlassen, und auch nicht auf das, was ihnen Informanten zuspielen. "Wir gehen immer raus." Er reist mit dem Zug durch Bayern, das Fahrrad hat er oft für die letzten Kilometer dabei. Er besucht regelmäßig Demos, um zu sehen, wer mit wem in der rechten Szene auftritt, oder wer wen gerade meidet. Eine Kamera hat er immer dabei, sein Fotoarchiv umfasst Zehntausende Bilder. Fotografieren aber gefährdet die Gesundheit. Nazis mögen es gar nicht, abgelichtet zu werden. In München, sagt Andreasch, fühle er sich sicher, die Polizei kenne und schütze ihn. Auf dem Land sei das Arbeiten schon schwieriger, da ärgere sich die Polizei regelmäßig, dass die Anwesenheit der Presse zusätzlich Arbeit bereite. "Recherchen auf freier Wildbahn sind gefährlich", sagt Andreasch.

Einmal haben sie tatsächlich unter den Augen der Polizei zugeschlagen, das war 2008 bei der Beerdigung des Alt-Nazis Friedhelm Busse bei Passau. Er selbst habe keine Fotos am Grab gemacht, sagt Andreasch. Jene Aufnahmen, die zeigen, wie Trauergäste eine Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz über den Sarg legten, stammten von einem Passauer Journalisten. Dennoch, die Prügel vor dem Friedhof bekam Andreasch ab, Nazis brachen ihm zwei Rippen, zerstörten seine Kamera. Die Polizisten vermochten nicht, ihn zu schützen.

Geheime Adressen, keine Regionalzüge

Andreasch, 41, und Buschmüller, 51, halten ihre Wohnadressen geheim; an Tagen von Nazi-Aufmärschen meidet Andreasch Regionalzüge: Er und eine Gruppe gewaltbereiter Rechter in einem Waggon - das ginge nicht gut. "Ab und zu schaue ich mich um auf der Straße", erzählt Buschmüller, man wisse ja nie. Andreasch hat so einen Albtraum schon einmal erlebt, da hat er noch in Neu-Ulm gewohnt. Eine Gruppe Nazis zog ihn vor seiner Wohnung vom Fahrrad und schlug ihn zusammen.

Eine für den Verein existenzbedrohende Attacke ging vom bayerischen Verfassungsschutz aus. Der erklärte Aida 2009 für linksextremistisch. Plötzlich fand sich der Verein im selben Jahresbericht wie seine Gegner. Aida flog aus einem Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus und verlor die Gemeinnützigkeit. Der Vorwurf der Verfassungsschützer basierte auf fragwürdigen Vorwürfen, zum Beispiel einem Zitat aus einem Flugblatt, das aber nicht von Aida stammte. Buschmüller wurden Bagatelldelikte zur Last gelegt, die zwei Jahrzehnte zurücklagen und nie ins Führungszeugnis kamen. Dreieinhalb Jahre dauerte das juristische Ringen mit dem Freistaat. Aida-Anwältin Angelika Lex brachte das Innenministerium in einem Vergleich dazu, die Nazi-Gegner rückwirkend aus den Berichten zu streichen. Was formal als Kompromiss daher kam, war tatsächlich ein Sieg Aidas.

Der öffentliche Streit hat die Bekanntheit des Archivs enorm gesteigert. Heute steht Aida gefestigter da denn je, auch dank der Stadt München, die in den vergangenen Jahren ein Netz an hauptamtlichen Stellen aufgebaut hat, um rechtsextreme Umtriebe einzudämmen. Dazu gehört die Fachinformationsstelle gegen Rechtsextremismus. Dort arbeitet Marcus Buschmüller, Teilzeit, aber bezahlt. So profitiert die Stadt von seinem dank Aida erarbeiteten Wissen, und er muss sein Geld nicht mehr, wie früher, in einem Reisebüro verdienen.

Längst ist der kleine Verein bundesweit anerkannt, wenige Medienberichte über die rechte Szene in München und Bayern kommen ohne Verweis auf Aida aus. Auch sonst scheint es keine Berührungsängste mehr mit denen zu geben, die als vermeintlich Linksextreme am staatlichen Pranger standen. Gerade hat Andreasch noch schnell drei E-Mails beantwortet, angefragt haben: der Elternbeirat einer Mittelschule, eine holländische Antifa-Gruppe und der Deutsche Gewerkschaftsbund Hessen. Und Infos über Rechtsextreme, erzählt Buschmüller, bekämen sie von überall her zugetragen. Von der autonomen Antifa und der katholischen Pfadfindergruppe, von der Linkspartei und der CSU.

Für Fachpublikum steht das Aida-Archiv offen, ein Besuch ist nach Anmeldung bei der Fachinformationsstelle möglich. Diesen Samstag (20.30 Uhr) feiert Aida den 25. Geburtstag mit einem Konzert im Feierwerk. Infos unter www.aida-archiv.de

© SZ vom 31.01.2015/ebri
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