Der erste Eindruck ist: pure Lebensfreude, Italianità. Ein schöner Frühlingsabend in München, Kinder rennen und rufen durch den Gastgarten, ohne dass sich jemand daran stören würde, an einer langen Tafel steigt eine sehr lebhafte italienische Familienfeier quer durch mindestens vier Generationen, Gläser klirren. Milde fällt die Abendsonne auf das Geschehen, man nähert sich vom Isarhochweg und fühlt sich gleich wohl.
Das Restaurant mit dem hübsch widersprüchlichen Namen „Antica Trattoria Nuova“, neue alte Trattoria, ist hier in Harlaching seit gut 20 Jahren zweites Wohnzimmer, und wie das bei älteren Wohnzimmern so ist, verteidigen die einen entschlossen die Heimeligkeit des Ortes, während die anderen eine Komplettsanierung fordern, beides in den üblichen Online-Foren. Vor allem jedoch ist das Lokal, in den stillen Wohnstraßen zwischen Harlachinger Forst und Isarhochweg, ein Platzhirsch schon deshalb, weil es hier mangels sonstiger Einkehren gar keine anderen Hirsche gibt.
Noch dazu gleicht der Platzhirsch einem Prachtexemplar der Gattung, mit dem riesigen Garten unter Baumkronen und innen einem alten, wunderschön erhaltenen Gastraum samt ehrwürdigem Parkett, Kachelofen, Holztäfelung und Kronleuchtern. Man könnte einen Münchner Historienfilm drehen: Künstler der Bohème um 1900 bei gut gefüllten Weinpokalen und der Erörterung nächster Ausgaben des Simplicissimus …
Also volle Punktwertung beim Ambiente, der Kür. Komplizierter wird es für Peffekoven, wenn es um die Kernaufgabe, sozusagen die Pflicht der Kostprobe geht, nämlich das Essen. Seine Tafelrunde war sich nach den Besuchen ungewohnt einig: Hier verbirgt sich ein keineswegs schlechter, aber insgesamt durchschnittlicher Nachbarschafts-Italiener im Gewande eines edlen und daher höherpreisigen Restaurants.

Der Service war bei den Besuchen sehr freundlich und auch lustig („va bene, kommt subito, in drei Stunden!“). Allerdings, bei Hochbetrieb kann er ins Schleudern geraten. Dann klappen die Abläufe nur so halb, und zwei zornige Kellner zankten, wer welche Tische hätte decken sollen und wer nicht und was überhaupt … Die Vorspeisen wurden meist fast ungemütlich schnell gebracht. Das Carpaccio Salmone mit Rucola (19,50 Euro) war okay, kam aber offensichtlich direkt aus dem Kühlschrank und bedurfte einiger Nachwürze. Sehr viel besser goutierten die Tester das Carpaccio vom Seeteufel von der Tageskarte (20,50 Euro), gereicht mit Kapern, getrockneten Tomaten und schwarzen Oliven: Der Fisch war frisch und hauchzart, beinahe durchsichtig und schmeckte so nach Meer, dass er ein gewisses Fernweh weckte.
Schön, dass man manche Hauptgerichte auch klein und somit als Vorspeise bekommen kann. Doch im Falle der Spaghetti mit Scampi (sehr, sehr sportliche 19,50 Euro) hätten die Tester auch darauf verzichtet. Ob sie nach Bratfett schmeckten oder nicht, blieb am Tisch strittig, aber das eigentlich nach Frische, nach Knoblauch und Zitrone duftende Aroma dieses Klassikers fehlte komplett. Dann wiederum war der Rucola Carciofini (16,50 Euro), so wie er sein sollte, im Spannungsfeld des leicht bitteren Rucola-Salats und den milden Artischockenherzen.
Im Spannungsfeld von Preis und Qualität bewegten sich auch die Hauptspeisen. „Grillen können sie“, bemerkte eine Begleiterin, die den Fischteller genommen hatte, Tris di Pesce (31,50 Euro), mit knackigem Spinat, knusprigen und leicht angebratenen Bratkartoffeln, die Scampi und Filets frisch und genau richtig. Peffekoven selbst war weniger erbaut über seine in Sahne und bleischwerer Käsesauce elend ertrunkenen Kalbsmedaillons, mit Birne und Gorgonzola überbacken, und lauwarm (29,50 Euro). Immerhin bekam er zur Schadensbegrenzung einen klaren, ehrlichen Grappa des Hauses geschenkt. Die Bandnudeln mit feinem und mürbem Ochsenschwanz serviert, Tagliatelle Ossobuco (19,50), dagegen waren ordentliche Trattoria-Küche.

Zu den Süßspeisen, Mascarpone (10,50 Euro) und Tartufo Classico (8,50 Euro), bemerkte die Testrunde übereinstimmend, dass das Haus, sehr freundlich gesagt, überschaubare Mühe mit ihrer Zubereitung gehabt haben dürfte. Mehr war nicht zu sagen.
Der offene Wein allerdings ist gut, zwar nicht günstig, aber zumindest nicht ganz so überteuert wie neuerdings üblich in der Stadt. Ein erdiger, gehaltvoller und kräftiger zitronengelber Weißer aus dem Piemont, Roero Arneis, kostet 9,50 Euro, dies aber immerhin für klassische 0,2 Liter – in manchen Szenelokalen Münchens bekäme man dafür nur einen Fingerhut voll. Und eine begleitende Weinfachfrau entschied aus guten Gründen, er dufte wunderbar nach Veilchen und Holunderblüten. An schwarzen Pfeffer erinnerte der dunkelrote Primitivo (5,50 für 0,1 l). Und die Weinkarte enthält ein feines Angebot aus Italiens Regionen; die Tester entschieden sich für einen feinen Terlaner Sauvignon Blanc des aufstrebenden Weinguts Winkl nahe Meran, Südtirol, einen vollen, knochentrockener Begleiter zum Essen (55 Euro).
Fazit: Die Schönheit des Ortes sticht seine Schwächen. Peffekovens Rat: Unter der Woche oder mittags hingehen, Klassiker oder Gerichte von der Tageskarte nehmen – dann ist die Chance auf einen gelungenen Besuch hoch. Nur eine Garantie kann der Tester leider nicht übernehmen.
Antica Trattoria Nuova, Braunstraße 6, 81545 München. Telefon 089/ 642 66 66. info@antica-trattoria-nuova.com, www.antica-trattoria-nuova.com,Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 12 bis 23.30 Uhr (Küche bis 21.45 Uhr), Sonntag 12 bis 22 Uhr (Küche bis 20.45 Uhr). Reservierung empfohlen
Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem, wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

