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Ansturm auf Münchens Arztpraxen:"Plötzlich kommen alle"

Bei der meldepflichtigen Schweinegrippe sind die Fälle auf 3606 hochgeschnellt. Mit dem Nachschub des Impfstoffes gibt es teilweise Probleme.

Über mangelnde Nachfrage können sich Münchens niedergelassene Ärzte derzeit nicht beklagen. "Die Sprechstunde ist brechend voll", sagt der Allgemeinmediziner Alfred Nathrath. Bei der meldepflichtigen Neuen Grippe gibt es täglich steigende Zahlen. So sind die Fälle der Erkrankten, die durch den PCR-Labortest sicher nachgewiesen wurden, allein von Dienstag auf Mittwoch um rund 220 Fälle auf jetzt 3606 hochgeschnellt.

Wenn der Patient dreimal klingelt: Bei manchen Münchner Ärzten beginnt der Kampf gegen die Schweinegrippe bereits an der Praxistür - mit Mundschutz und Fiebermessen.

(Foto: Foto: Hess)

Für die Dunkelziffer könne man nochmal eine Null dranhängen, vermutet der Kinderarzt Bernd Simon, der in den vergangenen drei Wochen 400 Kinder wegen Schweinegrippe-Verdachts untersucht hat, bei 300 von ihnen konnte er die Diagnose bestätigen. "Man sieht es den kleinen Patienten an, sie haben ein Schmerzgesicht", sagt der erfahrene Pädiater, der auf den Abstrich fürs Labor oft verzichtet, auch weil die normale Influenza in München jetzt nicht grassiere. Simon spricht von einem Ansturm, wie er ihn in den mehr als 25 Jahren seiner Praxistätigkeit noch nicht erlebt habe.

"Der Verlauf ist größtenteils gnädig", sagt er, doch auch Ausnahmen gibt es: So musste er in diesen Tagen ein Kind wegen schwerer Atemnot mit dem Notarzt ins Krankenhaus bringen lassen. Und in den Kinderkliniken würden schon die Betten knapp. Doch nicht nur das H1N1-Virus, sondern auch andere Infektionen vor allem der Atemwege machen den Menschen zu schaffen. Sie kommen Nathrath zufolge sehr viel häufiger vor. "Ein bis zwei Prozent meiner Patienten haben die Neue Grippe, alle übrigen andere Infekte", sagt er und berichtet von vielen verunsicherten Patienten: Haben sie sich mit der Schweinegrippe angesteckt, sollen sie sich impfen lassen?

Weil der neue Erreger inzwischen längst "unter uns ist", in U- und S-Bahnen genauso wie in Schulen, werde in seiner Praxis auch niemand abgesondert. Eine große Trennung sei gar nicht möglich, erklärt Nathrath. Viele seiner Kollegen halten das offenbar anders. Nicht alle haben so günstige Bedingungen wie der Kinderarzt Simon und seine Partner, die zwei Praxen nebeneinander betreiben: "Gesunde gehen nach links, Kranke nach rechts", erklärt er.

Beim praktischen Arzt Peter Eyrich werden H1N1-Verdachtsfälle direkt ins EKG-Zimmer geführt, der Mediziner und die Helferin tragen dann Mundschutz und Handschuhe. Doch meistens könne er die Maske schnell wieder abnehmen, denn manche seien vor allem ängstlich, aber "pumperlg'sund", und die anderen hätten eine übliche Infektion, sagt der Arzt.

Bei der internistischen Hausärztin Susanne Schmauss beginnt die Vorsorge bereits an der Praxistür. Mit grippeähnlichen Symptomen "dreimal klingeln", ist auf einem Schild zu lesen. Wenn die Glocke schrillt, öffnet eine Helferin mit Mundschutz und Handschuhen und misst Fieber. Bei mehr als 38 Grad Temperatur bringt sie den Kranken sofort in einen gesonderten Raum.

Ein plötzlicher Beginn mit Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen, oft mit Husten und ein insgesamt starkes Krankheitsgefühl sind den Medizinern zufolge typische Anzeichen der Neuen Grippe, die damit allerdings stark der herkömmlichen Influenza ähnelt. In den meisten Fällen, also bei jüngeren Patienten ohne chronische Krankheiten, genügten meist ein paar Tage Bettruhe, fiebersenkende und lindernde Medikamente, selten Tamiflu, sagt Eyrich. "Zu Hause bleiben und keine Besuche", verordnet Kinderarzt Simon zudem den kleinen Patienten und deren Familien.

Ein Teil der Münchner Ärzte, Gynäkologen genauso wie Allgemeinmediziner, Internisten und Pädiater, impfen gegen die Schweingerippe, (Adressen zum Beispiel unter www.kvb.de), viele haben dafür eigene Sprechzeiten eingerichtet.

Das Serum gelangt über Apotheken in Zehner-Dosierungen in die Praxen - und muss rasch aufgebraucht werden. Wer wann beliefert wird, scheint kompliziert. "Wir haben dreimal zehn Ampullen in drei Tagen verimpft, und jetzt gibt es Probleme mit dem Nachschub", kritisiert Eyrich. Susanne Schmauss hat dagegen am Mittwoch 160 Dosen erhalten, 70 Personen stehen bereits auf ihrer Warteliste.

"In der letzten Woche haben wir nicht einmal die zehn Patienten für eine Impf-Packung zusammenbekommen", erklärt sie über den kontrovers diskutierten Schutz vor der Neuen Grippe. "Und jetzt kommen plötzlich alle."

© SZ vom 06.11.2009/wib
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