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Juden in München:"Dieser Hass geht uns alle an"

Zahlreiche Münchner kamen am Donnerstagabend auf den Sankt-Jakobs-Platz, um bei einem religionsübergreifenden Friedensgebet ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Terror fand zwar in Halle statt, aber seine Schockwellen gehen durch das Land und kommen auch in München an. Die Angst ist für viele Juden und Muslime ein dauerhafter Begleiter.

Dieses Gebet war lange vereinbart. Das ist wohl die gute Nachricht an diesem Tag in München: Dass seine Bürger gemeinsam ihre Hoffnung auf Frieden ausdrücken. Juden, Christen, Muslime, Buddhisten und Menschen, die mit Religion eigentlich nicht viel anfangen können. Und dass sie das auch tun würden, wenn es nicht am Vortag diesen Anschlag eines von Menschenhass getriebenen Täters gegeben hätte.

Und so stehen am Abend gut 400 Menschen, darunter Vertreter der Religionsgemeinschaften, aber auch Alt-OB Christian Ude, mit Kerzen in der Hand, vor dem jüdischen Gemeindezentrum. Rabbiner Steven Langnas sagt: "Wir sind alle erschüttert, das ist ein sehr großer Schock." Die Gläubigen, die an Jom Kippur nicht fernsehen und keine sozialen Medien nutzen, hätten erst am Abend von den Ereignissen erfahren, so wie Langnas selbst auch - nach 25 Stunden fasten und beten. "Es hat mich krank gemacht." Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg spricht seinen Dank dafür aus, dass so viele Menschen gekommen seien. "Ich stehe hier, erschüttert und fassungslos, was da passiert ist, vor unserer Haustür sozusagen." Es dürfe "uns nicht egal sein, dass Menschen jüdischen Glaubens bespuckt und beschimpf werden und jetzt auch noch um ihr Leben fürchten müssen. Dieser Hass geht uns alle an".

Die Zivilgesellschaft müsse sich "verbalen Brandstiftern" entgegenstellen. Rabbiner Langnas bedankte sich "im Namen der jüdischen Gemeinde zutiefst", dass so viele Menschen gekommen seien. Er werde oft gefragt, ob der Anstieg des Antisemitismus heute vergleichbar sei mit den Dreißigerjahren. "Nein, damals war es eine geplante Vernichtung durch die Nationalsozialisten." Und es habe keine großen Proteste und Reaktionen aus der Bevölkerung gegeben, als in München die Hauptsynagoge abgerissen wurde. "Heute ist das anders." Oberbürgermeister Dieter Reiter habe gleich nach dem Anschlag seine Solidarität gezeigt, indem er in die Synagoge gekommen sei, "um uns zu trösten". "Dass wir jetzt zusammenstehen zum Gebet, ist gerade das, was dem Land damals gefehlt hat, ein öffentlicher Aufschrei gegen den Hass," sagte Langnas.

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Stolberg rief zu einer Gedenkminute für die Opfer und ihre Angehörigen auf und für die jüdische Gemeinde in Halle, die "mit diesem schrecklichen Wissen, dass es sehr knapp war", weiterleben müsse. Für den Muslimrat sprach Imam Benjamin Idriz den "lieben jüdischen Geschwistern" Mut zu: "Wir fühlen mit Ihnen." Auch wenn sich viele Menschen gerade ohnmächtig wähnten, "zumindest können wir unsere Solidarität zeigen". Zu einem solchen Zeichen und zum Gedenken an die Opfer in Halle ruft auch das "Bayerische Bündnis für Toleranz" auf: Am Freitagabend sollen bayernweit Menschenketten um Synagogen gebildet werden. In München werden sich die Menschen ab 17.30 Uhr vor der Ohel-Jakob-Synagoge versammeln.

Der Terror fand in Halle statt, in Sachsen-Anhalt, aber seine Schockwellen gehen durch die Republik. In München fragen sich am Tag danach die Menschen, ob so etwas auch hier passieren könnte? Ob Synagogen, Moscheen, Weihnachtsmärkte ausreichend geschützt sind? Wo die Risse in der Gesellschaft verlaufen und ob vielleicht auch hier irgendwo unbemerkt oder unbeachtet der Hass gärt? Und schließlich: Was muss passieren, damit er sich nicht weiter ausbreitet?

Am Donnerstagmittag sitzt eine Familie beim Mittagessen im Einstein, dem Restaurant im Jüdischen Gemeindezentrum am Jakobsplatz. Am Tag zuvor waren sie in der Synagoge, ein paar Meter weiter. Jom Kippur, das Versöhnungsfest wollten sie feiern. Und dann erfuhren sie, dass ein Mann die Synagoge in Halle angegriffen hat. "Wir haben geweint", sagt die ältere Frau, ihre Schwiegertochter und ihr Mann nicken. "Das Judentum hat sehr viel beigetragen für die Gesellschaft. Und trotzdem werden wir gehasst. Wofür?", fragt sie. Beim Mittagessen, da hätten sie mit Bauchweh im Restaurant gesessen.

Was die Familie nicht weiß: Dass, während sie essen, etwa 200 Schüler und ein paar Lehrer eine Menschenkette bilden. In eineinhalb Stunden hätten die Schülersprecher das organisiert, erzählt der Zwölftklässler Daniel Garbers. In der Mittagspause wollten sie eine Kette vom Regerplatz bis zum Jakobsplatz bilden. "Wir wollen ein Zeichen setzen für Menschlichkeit", sagt der 17-Jährige.

Vor die Türen der Synagoge am Jakobsplatz haben Menschen Blumen gelegt. Eine Frau hat einen Strauß gebracht und eine Nachricht dazugeschrieben. "Liebe jüdische, muslimische, anders- und nichtgläubige Neu- und Altmünchner, schön, dass wir hier gemeinsam zu Hause sind. Danke dafür! Sie sollen hier keine Angst haben müssen."

Beileidsbekudungen vor Synagoge in München

Vor der Hauptsynagoge Ohel Jakob in München legten Menschen Blumen ab zum Gedenken an die Opfer.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die junge Frau, die mit ihrem Mann, ihren Kindern und ihren Schwiegereltern im Einstein beim Mittagessen war, sagt: "Der Hass ist stärker geworden." Ihr Mann trägt einen langen Bart und eine Kippa. "Er sieht aus wie ein Jude", sagt sie. "Er versteckt es nicht." Einmal rief einer, als er sie sah, "Heil Hitler", und das am Jakobsplatz. Und auch sonst: Sie spüre die Blicke, wenn sie zusammen unterwegs sind.

Ihren Namen will die Frau nicht sagen, ihre Schwiegereltern rufen sofort: "Nein! Du hast drei kleine Kinder." Sie gehen in den Kindergarten im Jüdischen Gemeindezentrum. Auch er wird bewacht. Jeden Tag, sagt die junge Frau, sehen ihre Kinder Männer mit Gewehren. "Sie müssen im Innenhof spielen, von allen Seiten abgeschirmt. Das ist doch traurig." Gil Arusi lebt seit zehn Jahren in München. Der Besitzer des jüdischen Feinkostladens Danel an der Prinzregentenstraße 130 trägt keine Kippa, fällt deshalb auch nicht als Jude auf. Er sagt: "Es ist sehr erschreckend, was in Halle passiert ist." Mit der Gefahr zu leben, das sei er aus Israel gewohnt. An die vielen Sicherheitskontrollen dort gewöhne man sich. Trotzdem: Für München wünscht er sich das nicht. Die Kontrollen vor der Synagoge empfinde er im Augenblick als ausreichend.

Shorena Mikava fühlt sich wohl in München. Die Juristin ist Direktorin des Förderrats der Konferenz Europäischer Rabbiner (CER). Sie hat auch am Jakobsplatz Jom Kippur gefeiert. "Man ist nirgends wirklich sicher", sagt sie, "aber in München habe ich grundsätzlich kein unsicheres Gefühl, wenn ich auf die Straße gehe. Ich habe mich noch nie als Jüdin verstecken oder verstellen müssen." Es erfülle sie sogar ein bisschen mit Stolz, wenn sie vor der Synagoge ein Polizeiauto sehe: "Das heißt, die Stadt übernimmt Verantwortung."

Es sei ein wichtiges Zeichen gewesen, dass Oberbürgermeister Dieter Reiter am Mittwochabend vorbeikam, findet Marian Offman, SPD-Stadtrat und Mitglied im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde. "Das zeigt, dass die jüdische Gemeinde nicht allein ist. Sondern dass die Stadt an ihrer Seite steht." Jede dieser Taten beunruhigt Offman auch persönlich, weil er weiß, dass auf einer Todesliste der Rechtsradikalen auch sein Name steht.

Auch die Gläubigen seiner Gemeinde seien verunsichert, sagt Idriz, der Vorsitzende des Münchner Forums für Islam. "Manche fragen sich, ob es sicher ist, zum Freitagsgebet zu gehen." Der Imam versucht, sie zu beruhigen, sagt ihnen, dass die Polizei wachsam sei. Nach dem Angriff auf Moscheen im neuseeländischen Christchurch habe die Polizei auch die Vorsitzenden der Münchner Moscheen angesprochen. Nach dem Anschlag von Halle wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt, heißt es aus dem Polizeipräsidium.

Ziel der Rechtsradikalen sei es, Hass zu verbreiten und Angst zu schüren, sagt Idriz. "Die Angst ist sowohl in muslimischen wie auch in jüdischen Gemeinden angekommen." Idriz wünscht sich eigentlich offene Gotteshäuser, in die jeder kommen kann. Für das Sicherheitsgefühl sei die Stimmung in der Stadt noch wichtiger als die Polizeipräsenz: "Das Gefühl von Zugehörigkeit zu einem Land kann nicht die Polizei gewährleisten, das muss die Gesellschaft tun." Gleichzeitig fordert er von seinen Glaubensbrüdern mehr Solidarität mit den Juden: "Diese Bedrohung betrifft uns gemeinsam."

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Der Täter von Halle (Saale) hat im Internet ein Video seines Anschlags und außerdem ein sogenanntes Manifest veröffentlicht. Der SZ liegen diese vor, wir veröffentlichen sie aber nicht. Terroristen versuchen, im Internet ihr Gedankengut zu verbreiten. Die SZ macht sich nicht zum Werkzeug dieser Strategie. Aus diesem Grund zeigen wir ebenfalls keine Bilder expliziter Gewalt und achten darauf, in der Berichterstattung über Details zur Tat die Würde der Opfer zu wahren.

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