Nach dem Sprengstoffanschlag auf ein israelisches Restaurant in München vom Freitag ist ein Bekennervideo im Netz aufgetaucht. Demnach reklamiert die proiranische Gruppierung „Harakat Ashab al-Yamin al‑Islamiya“ (Hayi) die Tat für sich. Deutsche Sicherheitsbehörden prüfen derzeit die Authentizität der Botschaft. Es wäre der erste Anschlag in Deutschland, den die Gruppierung verübt. Terrorismus-Experten schließen nicht aus, dass Hayi einem iranischen Geheimdienst zumindest nahesteht.
Die 29 Sekunden lange Botschaft beginnt mit einer schriftlichen Drohung, die auch auf Hebräisch und Deutsch übersetzt wurde. „Es hätte am Tag passieren können und die Zionisten wären dabei getötet worden“, heißt es im deutschsprachigen Text. „Nähern Sie sich niemals zionistischen Einrichtungen.“ Es folgen ein Lageplan und ein Foto des Restaurants. Zu martialischer Musik taucht ein Fadenkreuz mit der Aufschrift „The Target“ auf – das Ziel. Das Video endet mit aus den Medien übernommenen Aufnahmen von der Spurensicherung am Tatort und dem Logo der ominösen Gruppierung.
Deutsche Sicherheitsbehörden prüfen nach SZ-Informationen derzeit die Echtheit des Videos. Nach ersten Einschätzungen ist es wohl authentisch. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz soll eingeschaltet sein. Das Video enthält kein Täterwissen, könnte theoretisch also auch das Werk von Trittbrettfahrern sein. Es wurde allerdings auf Telegram-Kanälen veröffentlicht, die der proiranischen „Achse des Widerstands“ zugerechnet werden.
Darauf hat der US-amerikanische Experte Joe Truzman in einem Post auf X hingewiesen. Truzman ist Senior Research Analyst bei der in Washington ansässigen Foundation for Defense of Democracies (FDD), einem nach eigenen Angaben „überparteilichen Forschungsinstitut für nationale Sicherheit und Außenpolitik“ –einem proisraelischen Thinktank. Nach Truzmans erster Einschätzung hat Hayi die Art seiner Veröffentlichungen geändert: „Die erste Serie von Angriffen wurde von den Verdächtigen gefilmt, aber in jüngsten Videos haben die Veröffentlichungen von Ashab al-Yamin Open-Source-Fotos oder -Videos verwendet.“
Das Bekennervideo zum Münchner Anschlag ist nach demselben Muster aufgebaut wie zwei Videos der Gruppierung zu Anschlägen auf Synagogen im nordmazedonischen Skopje am Sonntag und diesen Mittwoch in London. Alle drei Videos sind mit derselben Musik hinterlegt, tragen das Logo der angeblichen Gruppierung und markieren das Anschlagsziel mit einem Fadenkreuz.
Der Verdacht, dass hinter dem Münchner Anschlag iranische „Low-Level-Agenten“ oder eine Gruppierung namens Hayi stecken könnte, besteht bereits seit Freitag. Zu auffällig sind die Parallelen zu weiteren Anschlägen in Europa aus den vergangenen Wochen, zu denen sich ebenfalls Hayi bekannt hat. Terrorismus-Experte Hans-Jakob Schindler vom Counter Extremism Project (CEP) sagte am Freitag, die Münchner Tat passe in das bisherige Schema dieser Gruppierung: Sie ereignete sich nachts, Ziel war eine jüdische Einrichtung, Personen kamen nicht zu Schaden.
Außerdem wurden, wie an anderen Orten auch, einfache, selbst zusammengestellte Sprengstoffe verwendet. In München stammte das explosive Material offenbar aus diversen pyrotechnischen Gegenständen. Wenn sich der Zusammenhang bestätigen ließe, so Schindler, hätte der Anschlag eine neue Dimension: Er wäre die erste derartige Attacke in Deutschland, die von der genannten Gruppierung verübt worden wäre.
Neben der neuen Spur im Internet haben die Münchner Ermittler, geleitet von der Generalstaatsanwaltschaft, noch Relikte vom Tatort sowie Zeugenaussagen, die darauf hindeuten, dass zwei Männer die Sprengsätze gegen 0.45 Uhr an den Scheiben des Lokals in der Maxvorstadt anbrachten. Zwischen den beiden Detonationen, festgehalten von einer Überwachungskamera im Raum, verging fast eine Minute. Danach soll ein weißes Auto den Tatort an der Heßstraße verlassen haben, möglicherweise durch die Schwindstraße in nördlicher Richtung.
Einen Fragenkatalog der SZ zum mutmaßlichen Bekennervideo und zum Stand der Erkenntnisse ließ die Münchner Generalstaatsanwaltschaft am Donnerstag unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen im Detail unbeantwortet. Eine Sprecherin bestätigte lediglich, dass das Video „Gegenstand der Ermittlungen“ des Zentralen Antisemitismusbeauftragten der bayerischen Justiz sei.
Die grüne Bundestagsabgeordnete Marlene Schönberger forderte am Nachmittag in einer Stellungnahme Bund und Länder dazu auf, den Schutzstatus für israelische Orte wie Restaurants zu evaluieren und, wo nötig, zu verbessern. „Der Anschlag scheint leider zu bestätigen, wovor wir Grünen die Bundesregierung seit Monaten im Innenausschuss warnen“, schreibt sie. „Als Folge des Irankriegs sind jüdische und israelische Einrichtungen und Personen noch einmal stärker in den Fokus des iranischen Staatsterrors geraten.“

