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Ansagen in U-Bahnen:U-Bahn-Fahrer sind Pädagogen, Psychologen und Animateure

U-Bahn in München, 2013

Wenn alle grimmig schauen und nur einer lacht, dann hat der U-Bahn-Fahrer am Morgen noch keine Ansage gemacht.

(Foto: Jakob Berr)

Zumindest, wenn sie ihren Job richtig verstehen. Dann haben sie gute Laune, wenn alle granteln. Und das ist ansteckend.

Kolumne von Anna Hoben

Lust auf einen Job im Dunkeln? Kontrolle über ein Fahrzeug mit 4500 PS? Kontakt mit Menschen, aber auch nicht zu direkt? Überraschungsfreie Aufgabenbeschreibung der Stadtwerke München, die neue U-Bahn-Fahrer suchen: "Fahren von U-Bahn-Zügen im gesamten Streckennetz der MVG rund um die Uhr, sichere und pünktliche Beförderung unserer Fahrgäste, Fahrgastinformation."

Was in so einer Stellenanzeige natürlich immer nicht steht: dass ein U-Bahn-Fahrer noch viel mehr sein muss als nur ein Chauffeur für Hunderte Menschen. Der U-Bahn-Fahrer, wenn er seinen Job richtig versteht, ist zugleich Pädagoge, Psychologe und Animateur. Mindestens.

Kürzlich mal wieder, Feuerwehreinsatz wegen eines rauchenden Zuges, keine S-Bahnen zwischen Haupt- und Ostbahnhof. Also Ausweichen auf die U 5 zum Max-Weber-Platz, man schiebt sich irgendwie noch hinein, vielmehr lässt man sich schieben. So viele Menschen, man könnte meinen, es sei schon wieder Wiesnzeit, aber nein, die Leute tragen Kostüm und Anzug statt Dirndl und Lederhose.

Sie wollen endlich arbeiten, wahrscheinlich müssten sie längst in einem Kundengespräch sitzen oder zumindest dabei sein, ihren PC hochzufahren. Die Luft in der Bahn vibriert von der Nervosität der Menschen. Der Boden vibriert, weil da wirklich ziemlich viele auf ziemlich engem Raum stehen.

Das ist die Stunde des U-Bahn-Fahrers, das sind seine fünf Minuten. "Einsteigen bitte, und wenn's nimmer geht, der nächste Zug ist direkt hinter uns. So, pack ma's wieder." Die Türen schließen sich. Fahrer: "Ein großes Lob an die Fahrgäste, dass das so zügig gegangen ist, das habt's ihr gut g'macht." Nächste Station, Fahrgäste raus, Fahrgäste rein, Fahrer: "Nutzt's bitte alle 18 Türen zum Einsteigen, erst aussteigen lassen, dann einsteigen, so geht's wirklich viel leichter. Pack ma's wieder". Türen zu, Fahrer: "Trotz Chaos wünsch' ich allen einen wunderschönen guten Morgen." Spätestens jetzt lächeln fast alle, die eben noch dem äußeren Anschein nach kurz vor dem Explodieren standen.

"Nächste Station, Max-Weber-Platz, boarischer Landtag", sagt der Fahrer schließlich in einem so freudigen Ton, als kündigte er an, dass man nun gleich Disneyland, Kalifornien erreiche. Zwei junge Frauen steigen aus, sie kichern den ganzen Weg die Treppe hoch, drehen sich um und winken dem jungen Fahrer zu. Der winkt fröhlich zurück, dann lässt er die Bahn mit einem Doppelhupen im Tunnel verschwinden. Oben wirbt der Hersteller eines hochprozentigen Getränks mit dem Spruch: "Wenn alle granteln - grinse!"

© SZ vom 13.02.2017/bhi

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