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Anonym und kostenlos:Angebot auf Augenhöhe

Quentin Rothammer, 30, arbeitet als Berater für die "Trans*Inter* Beratungsstelle". Nebenbei engagiert er sich im Verein Vivat, der sich für die Interessen von trans, inter und nicht-binären Menschen einsetzt.

(Foto: oh)

Ein neues Projekt der "Trans*Inter*Beratungsstelle" will über sexuell übertragbare Krankheiten aufklären

Interview von Linus Freymark

Die Trans*Inter*Beratungsstelle an der Lindwurmstraße engagiert sich für die Belange von Menschen, die sich nicht oder nicht ausschließlich mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht identifizieren oder deren Körper sich den Normvorstellungen von "männlich" und "weiblich" entziehen. Ein neues Projekt soll über sexuell übertragbare Krankheiten aufklären.

SZ: Herr Rothammer, das Projekt "CheckpoinT*I*N" soll den Zugang zu Beratung und Tests im Hinblick auf sexuelle Gesundheit ermöglichen. Wie kam es dazu?

Quentin Rothammer: Als Beratungsstelle wissen wir von diversen Problemen, mit denen diese Communities im Alltag konfrontiert sind. Die Trans*Inter*Beratungsstelle und die HIV-Beratungsstelle sind beide unter dem Dach der Münchner Aids-Hilfe. Von daher lag es für uns recht nahe, die Expertise beider Beratungsstellen in einem Angebot zu verbinden. CheckpoinT*I*N soll ein niederschwelliges Angebot sein, anonym und kostenlos.

Interessierte müssen sich wegen der Corona-Regeln vorab anmelden. Wie sieht der Ablauf danach aus? Welche Hilfestellungen gibt es?

Zu Beginn gibt es die Möglichkeit, einen Fragebogen auszufüllen. Anhand dessen findet dann ein Gespräch statt, in dem wir darüber sprechen, welche Risiken eine Person in Bezug auf sexuell übertragbare Krankheiten hat und wie individuelle Präventionsstrategien aussehen könnten. Danach können wir Tests auf HIV und andere sexuell übertragbare Krankheiten durchführen. Unser Ziel ist es, dass Personen nach dem Besuch bei CheckpoinT*I*N wissen, wie sie sich und andere in Zukunft vor Ansteckungen schützen können und wie hoch ihr persönliches Risiko ist.

Ist Sex immer mit Risiken verbunden?

Alles ist ja mit Risiken verbunden. Wie hoch das persönliche Risiko beim Sex ist, hängt von vielen Faktoren ab. Genau darüber wollen wir sprechen. Wissen ist ein großer Faktor beim Umgang mit Risiken. Wenn ich verstehe, wo die entscheidenden Punkte sind, kann ich mich anders verhalten. Wir wollen zur Aufklärung im Hinblick auf HIV beitragen. Gerade da haben viele Menschen noch sehr alte Vorstellungen. Heutzutage ist ein gutes und langes Leben mit HIV möglich. Die Chancen dafür sind am besten, wenn die Infektion früh erkannt wird - und das geht nur mit Tests.

HIV wurde früher als Krankheit klassifiziert, die vor allem unter Homosexuellen grassiert. Wie ist das bei Menschen, die sich als trans, inter oder nicht-binär definieren? Haben sie ein erhöhtes Risiko sich anzustecken?

Die Datenlage dazu ist leider dünn. Das konkreteste, was sich sagen lässt ist: Vielleicht gibt es für diese Gruppen ein erhöhtes Risiko.

Was ist das Besondere an CheckpoinT*I*N?

Wir Beraterinnen und Berater sind selbst trans, inter oder nicht-binär. Deshalb kennen wir die Alltagsprobleme, mit denen die Menschen konfrontiert sind, aus eigener Erfahrung. Überhaupt ist das Projekt genau auf unsere Zielgruppen und deren Bedürfnisse zugeschnitten. Das gilt beispielsweise für die Tests auf sexuell übertragbare Krankheiten; bei uns muss man sich dafür nicht vor jemandem ausziehen. In der Regel reicht für den Test ein Pieks in den Finger. Wer einen Abstrich benötigt, bekommt von uns erklärt, wie das funktioniert und kann ihn dann selbst vornehmen. Das senkt die Hemmschwelle und trägt hoffentlich dazu bei, die Ausbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten einzudämmen.

Am vergangenen Freitag ist Ihr Projekt gestartet. Wie ist Ihr erster Eindruck?

Wir waren so gut wie ausgebucht - und das trotz der Corona-Bedingungen, die unsere Arbeit natürlich erschwert haben. Das zeigt: Die Nachfrage ist da. Viele der Leute, die zu uns gekommen sind, haben sich schon länger nicht mehr testen lassen. Das lag aber meistens nicht daran, dass sie sich der Risiken nicht bewusst waren, sondern dass die bisher existierenden Angebote als nicht passend empfunden wurden.

Und das wird durch Ihr Projekt besser?

Gerade, wenn es um so etwas Intimes wie die eigene Sexualität geht, ist die Schwelle oft hoch, Hilfsangebote wahrzunehmen. Durch CheckpoinT*I*N wollen wir ein Angebot auf Augenhöhe bieten .

© SZ vom 20.04.2021
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